Heine: Auf meiner Herzliebsten Äugelein – Analyse

Auf meiner Herzliebsten Äugelein …

Text

http://de.wikisource.org/wiki/Auf_meiner_Herzliebsten_Aeugelein

http://www.textlog.de/23145.html

http://www.digbib.org/Heinrich_Heine_1797/Buch_der_Lieder?k=Lyrisches+Intermezzo („Lyrisches Intermezzo“, dort XIV)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Buch+der+Lieder/Lyrisches+Intermezzo (dito, Nr. 14)

Heine, 1797 in Düsseldorf geboren, studierte ab 1819 in Bonn und wechselte 1820 nach Göttingen, wo er wegen eines Duells für ein Semester „beurlaubt“ wurde; deshalb ging er nach Berlin, wo er von 1821 bis 1823 studierte. Bald fand er Kontakt zu den literarischen Zirkeln der Stadt und war regelmäßiger Gast in den Salons der Elise von Hohenhausen und der Rahel Varnhagen. Rahel und ihr Mann Karl August Varnhagen von Ense blieben Heine freundschaftlich verbunden und förderten seine Karriere, indem sie seine frühen Werke positiv besprachen und ihm weitere Kontakte vermittelten. Während seiner Berliner Zeit debütierte Heine als Buchautor. Anfang 1822 erschienen in der Maurerschen Buchhandlung seine Gedichte, 1823 im Verlag Dümmler die Tragödien, nebst einem lyrischen Intermezzo; „Lyrisches Intermezzo“ wurde dann 1827 eine Abteilung im „Buch der Lieder“.

Da im Gedicht „Auf meiner Herzliebsten Äugelein“ mehrere Gedichtformen benannt werden, sollen diese zuerst kurz vorgestellt werden:

Kanzone: ein mehrstrophiges Lied oder rezitiertes Gedicht beliebigen, oft ernsten Inhalts (auch freie Kanzone genannt). Formales Kennzeichen der Kanzone i. e. S. ist die Kanzonenstrophe; sie gliedert sich in den Aufgesang mit zwei symmetrischen, der gleichen Melodie folgenden Teilen (Stollen) und den Abgesang, der frei gestaltet sein und einer anderen Melodie folgen kann (abc – abc – dwd). (Universal-Lexikon)

Terzine: besteht aus drei Versen. Die Verse sind über die Strophengrenze mit einem fortlaufenden Reim verkettet: innerhalb einer Strophe reimen sich der erste und dritte Vers, während sich der zweite Vers erst mit dem ersten und dritten Vers der nächsten Strophe reimt: aba / bcb / cdc etc. Die letzte dreizeilige Strophe eines aus Terzinen bestehenden Gedichtes wird um einen Vers verlängert, damit der überhängende Reim nicht reimlos bleibt: yzy z. (http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/lyrik/terzine.htm)

Eine Stanze besteht aus acht Elfsilblern, die sich nach dem Schema ab / ab / ab / cc reimen. Das durch die Reimabfolge herausgehobene letzte Verspaar ist meist auch inhaltlich von besonderer Bedeutung, indem das Gesagte zusammengefaßt, gesteigert oder pointiert wird. (http://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/lyrik/stanze.htm)

Ein Sonett besteht aus 14 metrisch gegliederten Verszeilen, die in der italienischen Originalform in vier kurze Strophen eingeteilt sind: zwei vierzeilige Quartette oder Quartinen und zwei sich daran anschließende dreizeilige Terzette oder Terzinen. Die englische Form (z.B. Shakespeare’s sonnets) besteht aus drei Quartetten und einem abschließenden Reimpaar (rhyming couplets). (http://wiki.zum.de/Sonett)

Das kleine Gedicht spielt mit der traditionellen Liebesdichtung. Da sind einmal verschiedene Attribute „meiner Herzliebsten“ (V. 1, 3, 5), die nacheinander besungen werden, alle in Diminutivform, was die Nähe zur Liebsten bezeugt: Äugelein, Mündchen klein, Wängelein (V. 1, 3, 5). Sie werden allerdings nur indirekt besungen – das lyrische Ich (als Mann zu denken) preist sie nicht als schön oder zart, sondern beschreibt sein eigenes Bedichten: Ich mache darauf die schönsten Kanzonen, die besten Terzinen, die herrlichsten Stanzen (V. 2, 4, 6). Hier ist bereits eine doppelte Distanzierung des Sprechers von der Liebsten zu erkennen: Er beschreibt und preist sein Dichten statt der Liebsten, und zweitens variiert er die verschiedenen Gedichtformen ohne Bezug auf das jeweilige „Thema“; es geht also um die eigene Kunstfertigkeit des „Liebenden“, um poetische Variation mehr als um die Liebste. Das alles wird in einem Dreischritt durchgespielt und ist somit abgerundet: drei Attribute, drei Gedichtformen.

Die Pointe bilden die beiden Schlussverse; sie schließen sich im Satzbau an die ersten drei Verspaare an und unterscheiden sich doch von ihnen. Diesmal ist das Attribut „Herzchen“ an der Reihe, was in sich schon gegenüber „Herz“ eine „unmögliche“ Verkleinerungsform darstellt und darüber hinaus der eigenen Liebsten abgesprochen wird: Irrealis („hätt“, V. 7), Konditionalsatz („wenn“, V. 7). Wenn dem so wäre, „Ich machte darauf ein hübsches Sonett.“ (V. 8) Hier wird also die Parallele zu den ersten Doppelversen vollendet, mit dem Versprechen eines irrealen Bedichtens in der klassischen Form der Liebesdichtung (Petrarkismus).

Das ist natürlich etwas ganz Unmögliches: Eine Liebste ohne Herz(chen) zu haben; es ist allenfalls für einen zurückgewiesenen Liebhaber möglich, solches als Anklage gegen die Umworbene zu äußern – das ist ein traditionelles Motiv der Liebesklage. Dafür ist in diesem Fall aber der Ton des Gedichtes zu leicht, sodass man eher von einem Spott auf die gängige Liebesdichtung mit ihrer Variation von Objekten und Formen auszugehen hat.

Die Form des Gedichtes ist einfach: Die ersten drei Verspaare (jeweils ein ganzer Satz) sind streng parallel aufgebaut: Auf meiner Herzliebsten … / Mach ich …[ein Gedicht]; jeder Vers weist drei (oder vier in V. 3 und dann analog in V. 1 und 5 dreieinhalb?) Hebungen mit unregelmäßiger Füllung auf. In den Versen 1, 3, 5 reimen sich die lieblichen Attribute der Liebsten. Die beiden letzten Verse sind ein Satzgefüge, weisen vier Hebungen und einen Paarreim auf; sie sind so auch formal von den ersten drei Verspaaren unterschieden.

Um die Eigentümlichkeit des Gedichtes genauer zu erfassen, muss man es im Zusammenhang des ganzen Zyklus „Lyrisches Intermezzo“ lesen. Der beginnt im „Prolog“ mit dem von der liebenden Nixe erlösten Ritter – „Da löschen auf einmal die Lichter aus, / Der Ritter sitzt wieder ganz einsam zu Haus, / In dem düstern Poetenstübchen.“ Schon hier changiert die Figur des Liebenden mit der des Dichters. Auch im Gedicht Nr. 16 wird die „Liebste“ befragt, ob sie nicht ein Gebilde „aus dem Hirn des Dichters“ (V. 4) ist, um sich schließlich wieder Vorwürfe anhören zu müssen:

„Aber dich und deine Tücke,

Und dein holdes Angesicht,

Und die falschen frommen Blicke –

Das erschafft der Dichter nicht.“

Vom verdorrten Herzen ist in Nr. 30 die Rede; auch Nr. 36 wäre zu beachten: „Aus meinen großen Schmerzen / Mach ich die kleinen Lieder…“ In Nr. 43 werden die „alten Märchen“ entlarvt, in Nr. 51 werden die vergifteten Lieder erklärt, in Nr. 53 wird der naive Liebhaber (oder Liebesgedicht-Gläubige) als Gimpel verspottet. Besonders schön ist Nr. 58, wo ein einsamer Reiter sich die Ankunft bei seiner Liebsten erträumt und zum Schluss ernüchtert wird:

„Es säuselt der Wind in den Blättern,

Es spricht der Eichenbaum:

»Was willst du, törichter Reiter,

Mit deinem törichten Traum?«“

Man könnte also noch viel Gelehrsamkeit darauf verwenden, dieses schillernde Verhältnis von Liebe, Liebeslyrik, Enttäuschung und Spott genauer aufzuhellen – hier soll es genügen, verschiedene Ausdrücke dieser eigenwilligen Melange Heines zur Kenntnis zu nehmen und ihr das Etikett „spät- oder postromantisch“ aufzukleben.

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/laenderreport/1721441/ (Heine in Berlin 1821-1823, ausführlich und informativ)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=9P_xCDx8GzA&feature=youtube_gdata (?)

http://www.podcast.at/episoden/15-auf-meiner-herzliebsten-%C3%84ugelein-by-heine-heinrich-9375828.html (Stefan Damke?)

Sonstiges

http://www.lyrik-kalender.de/kanzone.html (Kanzone)

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