Eichendorff: Der Unbekannte – Analyse

In Eichendorffs Gedicht „Der Unbekannte“ (1837) wird erzählt, wie ein Unbekannter in einem Dorf am Abend zu einer glücklichen Familie kommt; er wird zum Essen eingeladen. Sowohl sein Auftreten wie seine Erzählungen weisen ihn als geheimnisvollen Mann aus. Der Vater lädt ihn ein, im Dorf zu bleiben und zu leben wie die anderen; da verabschiedet sich der unbekannte Gast und verweist auf seine ferne Heimat. Himmlisches Klingen und Lichtglanz umgeben seinen Abschied.

Das Gedicht ist am Ende der Romantik entstanden und Eichendorff ist als konsequent romantischer Dichter bekannt; doch sind die romantischen Attribute (Abendstunde, V. 1; rauschender Wald, V. 4) eher Beiwerk, um die Eichendorff’sche Spannung zwischen dem heimeligen Hier (die Familie, 2. Str.; die Einladung, 5. Str.) und der wahren Heimat in der Ferne (die Erzählungen, 4. Str.; der ausdrückliche Hinweis, 6. Str.) zu gestalten. Diese Eichendorff’sche Spannung wird in dem Gedicht in einem Geschehen expliziert, welches sich aus zwei Motiven der Tradition zusammensetzt: Da ist erstens das Motiv „Gott auf Erden“, aus Legenden bekannt, die auf eine Belehrung der Figuren und damit der Zuhörer hinauslaufen. Das zweite Motiv ist die biblische Erzählung von den Emmausjüngern, die am Abend den Unbekannten einladen: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich schon geneigt.“ Dann erkennen sie ihn beim Brotbrechen; er entzieht sich ihnen, doch sie sind gewiss, dass der Herr Jesus auferstanden ist. Vielleicht kann am Ende der Analyse geklärt werden, welches der beiden Motive dominiert.

Das Geschehen wird von einem Erzähler vorgetragen, der das Innenleben der Figuren kennt („schien“, V. 6: vermutlich Perspektive des Mannes; „Ihr dünkt“, V. 13; es war, wie in den Himmelsgrund zu schauen, V. 18: Perspektive der Frau), sich ansonsten aber zurückhält und nichts kommentiert. Das Geschehen spielt an einem Abend (V. 1: Abendglocken) und dauert ein paar Stunden (Sterne, Nacht, 6. Str.) in einem Dorf oder am Rand eines Bauerndorfes (V. 1; Ährenwogen, V. 5). Der rauschende Wald und die wogenden Ähren signalisieren bei Eichendorff Geborgenheit; zuerst sind noch die Töne des Abends zu hören (V. 3 f.), am Ende ist es ganz still geworden (V. 32).

Die Hauptfiguren sind der unbekannte Wanderer und der Mann, der Familienvater; sie sind die beiden einzigen, die sprechen und handeln; die Frau ist in einer dienenden Rolle dabei (das Essen holen, 2. Str.; Eindrücke vom Fremden gewinnen, 3. Str. – hier dient sie dem Leser als Reflektor). Das Kind, ein lockiges Knäblein (V. 12), rundet die Familienidylle ab. Der Unbekannte dagegen wirkt fremd und doch bekannt (V.13 f.); er hat einen feurigen Blick (V. 15), der in zwei Vergleichen ein mächtiges Geheimnis (V. 16, Perspektive des Erzählers) als eine himmlische Offenbarung (V. 18, Perspektive der Frau) offenbart; auch dass „ihr fast grauen“ will (V. 17), macht das Unheimlich-Fremdartige des Unbekannten dem Leser klar. Jener weiß von der Ferne zu erzählen (4. Str.), nicht nur von Italien (V. 20 f.), sondern auch von überirdischen Orten (kristallene Inseln, Glocken auf dem Meeresgrund, V. 22 f.). Das ist das Wunderbare, von dem er wunderbar spricht („wunderbar“, V. 24, in doppelter Bedeutung). Sein Attribut „schön“ (V. 24) passt zu diesen wunderbaren Orten.

Wie ist das erzählte Geschehen aufgebaut? Nachdem die Situation beschrieben und die Figur des Wanderers eingeführt worden ist (1. Str.), setzt das Geschehen ein: Der Mann oder die Familie lädt ihn zum Abendessen ein (2. Str.). Dabei offenbart sich der Fremde sowohl in seinem Aussehen wie in seinen Erzählungen als jemand, der eine ganz andere Welt kennt: eine wunderbare Welt (3. und 4. Str.). Bis dahin erinnert das Geschehen mich an die Geschichte der Emmausjünger; die vergleichbaren Elemente sind die Abendsituation, die Einladung zum Essen, die Offenbarung – anders ist, dass die Gastgeber eine sesshafte Familie sind und keine Vorgeschichte aufweisen, wenn es auch der Frau so scheint, „er wär schon einst im Dorf gewesen“ (V. 13). Das Geschehen wird dann vom Gastgeber vorangetrieben (5. Str.): Er lädt den Fremden ein, dauerhaft „hier“ zu bleiben und das Leben froh zu „genießen wie die andern“ (V. 27); dabei stellt er dem ewigen Wandern des Fremden (V. 25) das Ausruhen gegenüber (V. 30) und vergisst auch nicht den Hinweis auf die attraktiven Töchter des Nachbarn (V. 30). Damit macht er sich zum Sprecher Eichendorff’scher Motive, dessen „Taugenichts“ ähnliche verlockend-verführerische Angebote bekommen hat; im Sinn Eichendorffs ist das Angebot also eine Verführung, sich als Philister niederzulassen, statt dem Ruf der Ferne zu folgen. Der Unbekannte lehnt dieses Angebot konsequent ab (6. Str.), er steht sogleich auf (V. 31) und erklärt sich: „mein Heimatland liegt ferne.“ (V. 32) Damit beendet er nicht nur das Geschehen als der, welcher das letzte Wort hat, sondern erweist sich als jemand, der nicht der Philisterwelt angehört. Das himmlische Klingen (V. 35) und die übergroße Klarheit (V. 36) der blühenden Sterne (V. 31) zeichnen ihn als göttlichen Boten, seine Worte als göttliche Botschaft aus.

Nimmt man seine Erscheinung (3. Str.) und seine Erzählungen (4. Str.) hinzu, nimmt man die Überschrift „Der Unbekannte“ ernst, dann kann man in ihm Gott selber erkennen, der auf Erden wandert; denn „der unbekannte Gott“ war in der Antike eine feste Größe, ihm war in Athen ein Altar geweiht, und auch im Christentum bleibt GOTT trotz seiner Offenbarung wesentlich ein Unbekannter. Dieses Motiv beherrscht das erzählte Geschehen; die Anklänge an die Emmausgeschichte runden das dominierende Motiv ab – die Offenbarung erfolgt ja nicht beim Brotbrechen, sondern im Auftreten und Sprechen des Unbekannten; es ist ferner eine Offenbarung mehr für den Leser als für die Figuren, über deren Erkenntnis der Erzähler schweigt. Nur die Frau hat einen richtigen Eindruck vom Unbekannten; dem Mann mit seinem törichten Angebot bleibt der Fremde verschlossen – die Beiden repräsentieren zwei Möglichkeiten des Verstehens; der kluge Leser weiß, für welches Verständnis er sich zu entscheiden hat. Seine Belehrung erfolgt indirekt, weshalb man auch nicht sagen kann, Eichendorff habe eine Legende geschrieben, obwohl er ein Legendenmotiv verwendet (ähnlich wie Goethe in „Der Gott und die Bajadere“ u.a.).

Die Form des Gedichtes: In sechs Strophen zu sechs Versen herrscht der fünfhebige Jambus; in den ersten vier Versen wechseln weibliche und männliche Kadenzen, da liegt der Kreuzreim vor. In den Versen 5 und 6 liegt jeweils ein Paarreim vor, dabei gibt es zwei weibliche Kadenzen. Die beiden letzten Verse jeder Strophe sind also von den anderen abgegrenzt, was aber nur in der 1. Strophe inhaltlich bedeutsam ist (Auftreten des Wanderers); in den anderen Strophen setzen die beiden letzten Verse nur die vorhergehenden fort (z.B. 2. Str.: Der Satz umspannt vier Verse, V. 9-12). Macht der Jambus ein zügiges Erzählen möglich, so bremsen die weiblichen Kadenzen das Sprechen ein wenig. Vom Satzbau her geht ein Satz oft über mehrere Verse (V. 5 f.; V. 7 f.; V. 9-12 u.a.); doch bilden die einzelnen Verse sehr oft Sinneinheiten, auch wenn der Satz noch nicht durch Punkt oder Semikolon abgeschlossen ist (V. 1-4; V. 13-16 u.a.), sodass die Erzählung insgesamt ruhig vorzutragen ist. Durch solche Syntax ergibt sich auch, dass die im Kreuzreim verbundenen Verse semantisch meistens nichts miteinander zu tun haben. Gelegentlich weicht der Takt vom Metrum ab, indem erste Silben betont werden; dies ist in den Versen 5, 27, 30, 32 und 36 bedeutsam: „Da“ (V. 5) tritt die erste Figur auf; „Hier“ (V. 27) ist der Gegenort des Angebots, „Ruh“ (V. 30) ist der Vorschlag des Wirtes, „Da“ (V. 31) erfolgt die Reaktion des Unbekannten, „So“ (V. 36) wird seine himmlische Abkunft angezeigt.

Wir haben mit „Der Unbekannte“ ein Gedicht vor uns, in dem Eichendorff traditionelle religiöse Motive aufgreift, um den ihm wichtigen Unterschied zwischen dem Ausruhen der Philister „hier“ und der wahren Heimat in der Ferne bzw. dem Wandern dahin zu gestalten; diese Proklamation der wahren Heimat ist selbst religiös bestimmt: „Wir sind nur Gast auf Erden“, wird in den christlichen Kirchen gesungen. Die „romantischen“ Motive des Abends, des rauschenden Waldes, der blitzenden Sterne dienen dazu, das erzählte Geschehen zu situieren und zu erhellen.

Didaktischer Kommentar: Arbeitszeit inklusive Schreiben und Korrektur zwei Stunden – ganz so viel kann man also von einem Schüler in einer dreistündigen Klausur nicht erwarten. Ich habe keine Hilfsmittel benutzt (nur im Duden „lose“ nachgeschlagen, um zu prüfen, was dort steht); die Emmausgeschichte steht in Luk 24,13-35. Den unbekannten Gott (vgl. Apg 17,23) können Schüler nicht kennen – im Religionsunterricht wird heute über PID und Euthanasie diskutiert, aber nicht die Bibel gelesen; die Kenntnis der Emmausgeschichte kann man heute selbst bei christlich erzogenen Schülern und auch bei jungen Deutschlehrern kaum voraussetzen (ich erinnere mich, dass vor zehn, zwanzig Jahren in NRW, genauer: am FMG, selbst Judas als Verräter Christi den Schülern nicht bekannt war – das mag man bedauern, aber man muss damit rechnen). Dass „grauen“ den Schülern in seiner ganzen Bedeutung bekannt ist, bezweifle ich.

Ich habe diese Analyse so angefertigt, weil ich darum gebeten worden bin, dieses bayerische Abiturthema aufzuarbeiten; ich hoffe, der Bitte gerecht geworden zu sein.

P.S. nach dreieinhalb Stunden: In der Mittelbayerischen lese ich in einem Bericht vom 10. Mai über das diesjährige Deutsch-Abitur: „Aufgabe 1 Interpretation des Gedichtes „Der Unbekannte“ von Joseph von Eichendorff; Zweiter Teil der Aufgabe: „Legen Sie ausgehend vom Verhalten der Frau im Gedicht und mit Blick auf eigene Erfahrungen dar, weshalb von der Begegnung mit Unbekanntem Faszination ausgehen kann.““ – Der zweite Teil der Aufgabenstellung war mir nicht bekannt; dieser Teil der Aufgabenstellung zielt auf die 3. Strophe und wird von ihr relativiert – es ist nicht das Unbekannte schlechthin, sondern dieser Unbekannte mit seiner Tracht und seinem Blick, der die Frau fasziniert. Ich läse jetzt gar zu gern einmal die bayerische Lösungserwartung. Ach, da fällt mir auch noch der alte Schlager „Schöner fremder Mann“ ein; „der schöne Gast“ (V. 24) enthält eine Wertung des Erzählers, es gibt keinen Anhaltspunkt für personales Erzählen (aus Sicht der Frau).

Zweites P.S.: Ich hatte beim Unbekannten auch kurz an Ahasver gedacht, habe diese Beziehung aber verworfen, weil der faszinierende Unbekannte eine Heimat hat, Wunderbares aus der Ferne zu berichten weiß und Eichendorffs Botschaft vermittelt – all das kann man von Ahasver nicht sagen. Meine Arbeit sollte zeigen, was man ohne weitere Hilfsmittel (außer dem Text und dem Duden) in Abitur-Arbeitszeit schaffen kann, wobei ich die Dauer der Arbeitszeit in Bayern nicht kenne (bin von 3 NRW-Stunden Gk ausgegangen) und den 2. Teil der Aufgabenstellung nicht kannte; ich habe mich also auf das beschränkt, was für mich in kurzer Zeit zu sehen bzw. mit dem geistigen Ohr zu hören war.

Drittes P.S. nach vier Tagen: Inzwischen liegen mir die bayerischen Lösungserwartungen vor. Die drei eingeforderten Kernleistungen sind:

Die Schülerinnen und Schüler erfassen den gedanklichen Aufbau des Gedichts und erkennen, dass sich durch die Begegnung zweier Lebensentwürfe neue Erfahrungsfelder öffnen. (Für wen öffnen sich neue Erfahrungsfelder? Es begegnen sich nicht Lebensentwürfe, sondern Menschen – die Lebensentwürfe werden in deren Interaktion konfrontiert. Den gedanklichen Aufbau herauszuarbeiten ist eine sinnvolle Forderung – in der Lösungserwartung ist sie m.E. nicht gelungen; da werden unscharf bestimmte Sprachhandlungen und Inhalte zu einer besseren Paraphrase des Textes Strophe für Strophe vermengt; vgl. noch den Exkurs am Ende dieses Aufsatzes!)

Die Schülerinnen und Schüler arbeiten ausgehend von ihrem Textverständnis auffällige formale und sprachlich-stilistische Gestaltungsmittel heraus und erläutern deren Funktion bzw. Wirkung. (Das ist eine normale Forderung, ich werde zu ausgewählten Beispielen etwas sagen. „Wirkung“ kann nur heißen: Wirkung auf Leser – die kennt ein Schüler aber nicht; ob er selbst unter Prüfungsbedingungen als Testperson in Frage kommt? Eher nicht – bei dieser Aufgabenstellung werden Schüler also zum Spinnen angeregt, weil man in der Prüfungssituation kaum schreiben darf, das Gedicht komme einem ziemlich albern vor [Wirkung!], selbst wenn das die Wahrheit wäre. Als ich das Gedicht analysierte, hat es keinerlei Wirkung auf mich ausgeübt – ich hatte ja den analytischen Blick und musste mich mit dem Schreiben beeilen.)

Die Schülerinnen und Schüler gelangen zu einer Deutung, welche die unterschiedlichen Lebensentwürfe und die Suche nach Erfüllung auch mit Blick auf das Konzept der Romantik herausarbeitet. (Das hört sich zunächst größer an, als es ist; im Wesentlichen wird nur noch zusammengefasst, was längst gesagt worden ist. Offenbar wird mit dem Wort „Interpretation“ Wert auf diesen Teil gelegt, aber auch dieser Begriff ist unklar – in NRW sind Interpretieren und Analysieren gleichbedeutend, was aber auch problematisch ist.)

Kritische Anmerkungen im Einzelnen

Zu 1.

Die Frau zeigt kein offenes Interesse für den Fremden („halb scheu, halb lose“, V. 11).

Vermutlich sind Schildern…, Darstellen…, Veranschaulichen…, Zusammenfassen… als sprachliche Leistungen des Erzählers gemeint; Durchbrechen… ist dann die Wirkung der Rede des Hausherrn, Aufbruch des Fremden… ist „Inhalt“ des Geschehens – dies alles wird gleichberechtigt nebeneinander gestellt (wobei die Sprachhandlungen schildern/darstellen/veranschaulichen kaum exakt zu bestimmen und zu unterscheiden sind): So erfasst man nicht den Aufbau des Gedichts!

In der letzten Strophe: Darstellen einer gesteigerten Naturwahrnehmung? Wer nimmt denn die Natur wahr? Es gibt eine bedeutsame Veränderung der Natur, die der Erzähler beschreibt und wodurch der Fremde objektiv-naturhaft beglaubigt wird. 

Zu 2.

Hier ist vieles als geschraubt und hochgestochenes Gerede zu kritisieren: „Banalisierung [wessen?] durch direkte Rede“ – sachlich unhaltbar! Ob man überhaupt von Banalisierung sprechen kann, darüber könnte man streiten (der Hausherr erkennt den Fremden an und stellt seinen eigenen Lebensentwurf als Einladung gegen den des Fremden, während dieser nur von der Natur gesprochen hat: »Hast viel erfahren, willst du ewig wandern?«) – sicher erfolgt jedoch keine Banalisierung durch direkte Rede. „Wortfamilie ‚ruhen’“ – die gibt es nicht, es gibt nur eine Wiederholung des Verbs „ruhen“! „Inszenieren der jungen Frau und ihrer Beziehung zu dem Fremden als ambivalent durch komplexen, z.T. elliptisch wirkenden Satzbau…“ – einfach falsch; der Satzbau sagt etwas über den jeweiligen Sprecher aus, es spricht aber der Erzähler, nicht die Frau.

„parallele Motivwahl bei Ankunft und Weiterreise“ – welche Motive wären das außer der Wiese und Ruhe/Stille? Und diese beiden Motive (ein Kollege erkennt hier noch das Motiv der Ferne, was mir nicht gelingt – wenn man im Adverbial „Aus fernen Landen“ das Motiv der Ferne finden will, dann kommt man in der 1. Strophe auf rund 15 Motive, dann ist jedes Substantiv, Verb oder Adjektiv ein Motiv: eine Inflation!) sind nicht geeignet, die Komplementarität der (Lebens)Entwürfe zu zeigen; sie gehören einfach zur Szene des Geschehens.

„Spiegelbildliche Wiederkehr von Motiven der Eingangsszenerie in den Erzählungen des Wanderers“ – welche wären das denn?

Anspielungen auf religiöse Motive – richtig, aber auf welche? Scheut man, sich in dieser Frage festzulegen, oder will man den Schülern die freie Auswahl lassen?

Zu 3.

Dass das ambivalent wirkende Verhalten der Frau die Gegensätzlichkeit der Positionen verdeutlicht, sehe ich nicht.

Muss man als Schüler/Leser das Glückspotenzial beider Lebensentwürfe aufzeigen? Das gehört doch zumindest zur Hälfte, wenn nicht ganz in die Teilaufgabe b)! Wozu also das Gleiche zweimal schreiben?

Wie in der Antwort an Esther (Kommentar) bereits gesagt: Ich sähe gar zu gern, was die Lösungserwarter in 120 Minuten aufs Papier brächten, wenn ihnen „Der Unbekannte“ als unbekannter Text vorgelegt würde. Kollegen, die die Lösungserwartung kennen, könnten einmal in 90-100 min ihre Lösung aufschreiben, wiederum zur Prüfung dessen, was man in dieser Zeit schaffen kann.

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Exkurs zur Aufgabe: den Aufbau des Gedichtes beschreiben

Es handelt sich um eine für das Verständnis des Textes zentrale Aufgabe, die leider weithin unklar ist. Ich habe mich vor einiger Zeit in drei Aufsätzen mit dieser Aufgabenstellung auseinandergesetzt und bitte darum, diese Aufsätze vorab zur Kenntnis zu nehmen:

https://norberto68.wordpress.com/2011/02/13/zuerst-den-aufbau-von-gedichten-untersuchen-gedichtanalyse1-schritt/ und

https://norberto68.wordpress.com/2012/03/06/was-heist-den-aufbau-des-gedichts-beschreiben/

http://norberto68.wordpress.com/2011/01/12/text-koharenz-thema/

Vor diesem Hintergrund kann man zur Aufgabe „den Aufbau des Gedichtes ‚Der Unbekannte’ beschreiben“ Folgendes sagen:

1. Jemand könnte meinen, die Form des Gedichtes sei zu beschreiben: sechs Strophen zu jeweils sechs Versen usw.; aber das ist nicht der Aufbau, erst recht nicht der gedankliche Aufbau, wie ausdrücklich gesagt wird.

2. „Der Unbekannte“ ist ein Erzählgedicht oder eine Erzählung. Den Aufbau beschreiben könnte also heißen:

a) die verschiedenen Formen des Erzählerberichts zu beschreiben (vgl. dazu etwa http://www.schueller-viersen.de/darbietungsformen.htm oder http://www.kripahle-online.de/unterricht/wp-content/uploads/2010/12/sprache_erzaehlerbericht_personenrede.pdf oder http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/strukt/darb/darb_erzb_0.htm oder ähnliche Übersichten); mir scheint, dass die bayerische Lösungserwartung mit den unscharfen Begriffen „schildern, darstellen, veranschaulichen“ teilweise diesem Verständnis folgt – aber so wird der gedankliche Aufbau des Gedichtes noch nicht erfasst;

b) den Aufbau der Erzählung so beschreiben, wie ich das oben versucht habe und wie es in der Aufgabenstellung eingefordert wird, wenn auch das Attribut „gedanklich“ bei einer Erzählung nicht optimal ist (vgl. diese Übersicht! Die Übersicht zeigt, dass es kein einheitliches Schema gibt, nach dem Erzählungen aufgebaut wären; vgl. zum Stichwort Erzähltheorie diese Darstellung u.a.) und wie es vermutlich in der Lösungserwartung versucht wird, wenn auch mit unzureichenden Mitteln. Bei dieser Beschreibung des Aufbaus wird man je nachdem auch auf die Formen des Erzählerberichts zurückgreifen müssen.

Es wäre erfreulich, wenn diese Abituraufgabe mit ihrer Unklarheit der Anlass dafür würde, dass die Aufgabe „den Aufbau des Gedichtes beschreiben“ wirklich geklärt würde, und wenn vor allem diese Klärung den Deutschlehrern, den Schulbuchautoren und Richtlinienverfassern vermittelt werden könnte – vermutlich muss die jetzige Generation der Lehrenden aber aussterben, ehe das möglich wird.

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4. P.S. nach einem Jahr:

Ich sehe, dass eine französische Kollegin, die Deutsch unterrichtet (nehme ich an – oder eine Deutsche, die in Frankreich unterrichtet), ebenfalls eine Interpetation geschrieben hat: http://lewebpedagogique.com/gbaer/2013/05/28/der-unbekannte-von-joseph-von-eichendorff-1837-erschliesung/ – hier sieht man ebenfalls, was Phantasie aus dem Satzbau herausholt.

6 thoughts on “Eichendorff: Der Unbekannte – Analyse

    • Vielen Dank, Esther!
      Da es eine 2. Teilaufgabe gab, könnte also mein Text ungefähr das sein, was man von einer „sehr guten“ Schülerleistung erwarten kann – wenn man für die zweite Teilaufgabe 70 min rechnet, hat man für die Analyse 200 min, das ist nicht viel mehr als drei Zeitstunden.
      Ich empfehle allen Kollegen und Aufgabenstellern, selber einmal die Analyse eines unbekannten Textes in der Hälfte der Zeit, die den Schülern zur Verfügung steht, zu schreiben (das reine Schreiben, was ja auch ein Ausarbeiten ist, plus Korrigieren nimmt die meiste Zeit in Anspruch) – dann wissen sie, was sie realistisch von einem Schüler erwarten können: Mit der Reduktion der Arbeitszeit wird die größere Kompetenz des Fachlehrers gegenüber den Schülern ausgeglichen.

  1. Eine gewagte, aber interessante Interpretationshypothese zu Z. 13 des Gedichts [„Ihr dünkt, er wär´schon einst im Dorf gewesen“] wäre: Der Wanderer ist tatsächlich schon früher einmal im Dorf gewesen, hatte ein kurzes Verhältnis mit der Frau, und das Kind ist von ihm. Ein dezenter Hinweis könnte das „lockigt“ (Z.12) sein – lockiges Haar wie ein Südländer? Auch das ambivalente Verhalten der Frau könnte damit erklärt werden. – Freilich bleibt diese Deutung hochspekulativ – aber reizvoll!
    Was Schüler nicht sehen können (und auch der Autor der Lösungshinweise ausklammert): die subtile Ironie in Z.20 – 24 (und generell in diesem Gedicht). Hier werden zwar typisch romantische Bilder, bzw. Metaphern aneinandergereiht, aber so oberflächlich und teils in sich widersprüchlich konstruiert, dass der intellektuelle Leser darüber zu schmunzeln beginnt, was der Mann dem naiven Weibchen neben ihm da unwidersprochen auftischen kann: Schwäne als Meeresvögel (!!) , die „gleiten“ (und nicht etwa auf den Wellen schaukeln, was sie real ohnehin nicht tun würden), „krystallne“ Inseln – was soll das eigentlich sein?; und last not least besonders schön: die am Meeresboden (!!) schlagenden Glocken. Ernst zu nehmende (und so zu deutende) romantische Bilder sind das sicher nicht, schon gar nicht in dem hier bestehenden Kontext, wo sich der Wanderer doch eher als fast arrogant wirkende Figur geriert und seine Zuhörer verschaukelt. Dazu passt auch, dass er sich unhöflicherweise nach der Mahlzeit bald aus dem Staub macht, weil ihm das Spießertum (herrlich, fast karikaturenhaft dargestellt in Z.26 – 30) so auf die Nerven geht, dass er sich nicht einmal die (eigentlich notwendige) Übernachtung, die ihm sicher in der Situation auch angeboten worden wäre, gönnt. Oder flieht er nur vor der zu späterer weinseliger Stunde möglichen Aufdeckung seines früheren Verhältnisses zur der Frau und fürchtet die Rache ihres Mannes?
    Man spürt in dem Gedicht schon typisch spätromantische Züge, insbesondere die scharfe Kontrastierung von Philistertum und romantischer Lebensauffassung (erinnert an E.T.A. Hoffmann), aber auch der Einfluss des Realismus ist in der Brüchigkeit der romantischen Stimmung meines Erachtens hier schon erkennbar. Eine religiöse Deutung des Gedichts scheint mir deshalb nicht angebracht.
    Meinungen dazu würden mich interessieren: Manfred Moser E-Mail: manfmoser2@web.de

    • Lieber Kollege Moser,

      vielen Dank für den Kommentar – ich hoffe, dass auch andere sich noch dazu äußern. Ich selber möchte Folgendes sagen:

      1. Die Deutung von V. 13 (+ lockiger Knabe) ist sehr verwegen, da kann ich nicht folgen. Wichtig ist, dass man V. 13 mit V. 14 zusammen liest:
      „Ihr dünkt, er wär schon einst im Dorf gewesen,
      Und doch so fremd und seltsam war die Tracht,“
      wo eine Dialektik des Bekannten und des Unbekannten vorgeführt wird, was für religiöse Phänomene typisch ist: Das erscheinende Heilige ist einmal anders („ganz anders“), anderseits aber doch faszinierend und auch prinzipiell „bekannt“ (Röm 2,20; Apg 17,27 f. – tremendum et fascinans, vgl. V. 17 f.). Nur wenn man beides zusammen sieht, wird die „religiöse“ Deutung des Gedichts (einschließlich der seltsamen „Dinge“ in der 5. Strophe) plausibel. Wenn man in V. 13 die Anspielung auf eine frühere Affäre der Frau sieht, isoliert man einen Vers und zerstört das Gesamtbild.
      2. Ist in V. 20 ff. subtile Ironie (im Sinn des Sprechers bzw. Eichendorffs!) oder „Offenbarungrede“ zu hören? Ich halte an meiner ursprünglichen Deutung fest, auch wenn für uns der Inhalt dieser Rede ein großer „romantischer“ Käse ist. Aber wer wie Eichendorff den lieben Gott durch den Wald gehen lässt (Eichendorff: Sonntag, http://www.textlog.de/22735.html; in seiner Nachfolge dann Leberecht B. Drewes, http://ingeb.org/Lieder/fruhmorg.html, und Peter Rosegger), dem sind auch Glocken am Meeresgrund ohne ironischen Unterton zuzutrauen. Vgl. auch Eichendorffs Gedicht „Der verspätete Wanderer“:
      Ich wußte nur, daß rings der Frühling glänze,
      Daß nach dem Meer die Ströme leuchtend gingen,
      Vom fernen Wunderland die Vögel singen,
      Da hatt‘ das Morgenrot noch keine Grenze.

      3. Der Unbekannte erzählt seine Geschichten nicht nur der naiven Frau, sondern auch dem Mann, der sich ja anerkennend dazu äußert (V. 25 f.).
      4. Aus dem plötzlichen Aufbruch des Fremden spricht nicht nur Unhöflichkeit, sondern auch die Arroganz der (religiös) Erleuchteten: Sie lassen sich zwar von den Spießern durchfüttern, demonstrieren aber ihre „Überlegenheit“ ohne Rücksicht auf Verluste; ihre einzige Gegenleistung stellt ihr erleuchtetes Reden dar.

      Jedenfalls finde ich es gut, wenn Lösungen und Lösungserwartungen öffentlich diskutiert und damit auf ihre Plausibilität geprüft werden, statt dass sie als kultusministeriell verordnete fraglos gelten.

      Nachtrag am 14. 06. 2013: Der Typos des Wanderers oder das Motiv des Wanderns ist auch heute noch präsent, wenn auch in anderer Form als bei Eichendorff. Denken Sie nur an Hannes Wader: „Heute hier, morgen dort“, http://www.youtube.com/watch?v=vNbFqgSbG7w (1982)
      http://www.youtube.com/watch?v=OF0eejfHIRs (2013)
      Grönemeyer: „Keine Heimat“, http://www.youtube.com/watch?v=C6rOJQP4Pco
      Ideal: „Keine Heimat“, http://www.youtube.com/watch?v=aUGBylSSxdw
      Atrocity: „Keine Heimat“, http://www.youtube.com/watch?v=R6sQGfOLsVA
      Sunny Abendstern: „Ich bin ein Tramp“, http://www.youtube.com/watch?v=Ee0JN2cpak4
      TrampP: „Ich bin ein Tramp“, http://www.youtube.com/watch?v=Ee0JN2cpak4
      „Ein Musikant kennt kein Zuhause“, http://www.youtube.com/watch?v=erS4q5cCUKQ usw.
      Das Wandern hängt damit zusammen, dass wir wesentlich nirgendwo zu Hause sind, dass wir also „In der Fremde“ sind: https://norberto42.wordpress.com/2013/02/17/eichendorff-in-der-fremde-analyse-2/
      Der Fairness halber sollte man festhalten, dass viele „Heute hier, morgen dort“ mitsingen oder gut finden, ohne deswegen eine nomadisierende Lebensweise ernsthaft in Betracht zu ziehen – vielleicht sollte man das auch für Eichendorffs Zeit und Gedichte unterstellen?
      Ich verweise noch auf Georg Simmels „Exkurs über den Fremden“, der so beginnt:
      Wenn das Wandern als die Gelöstheit von jedem gegebenen Raumpunkt der begriffliche Gegensatz zu der Fixiertheit an einem solchen ist, so stellt die soziologische Form des »Fremden« doch gewissermaßen die Einheit beider Bestimmungen dar – freilich auch hier offenbarend, dass das Verhältnis zum Raum nur einerseits die Bedingung, andrerseits das Symbol der Verhältnisse zu Menschen ist.
      Es ist hier also der Fremde nicht in dem bisher vielfach berührten Sinn gemeint, als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt – sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat.

      Der Unbekannte Eichendorffs ist also mit Simmels Worten nicht ein Fremder, sondern ein Wanderer.

  2. Pingback: Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts – Analysen, Motive « norberto42

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