Heine: Ein Fichtenbaum steht einsam – Analyse

Ein Fichtenbaum steht einsam…

Text

http://www.textlog.de/23171.html

http://de.wikisource.org/wiki/Ein_Fichtenbaum_steht_einsam

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1190

Das kleine Gedicht, 1822/23 entstanden, wurde erstmals in „Lyrisches Intermezzo“ 1823 unter der Nr. 33 veröffentlicht; es ist das erste Gedicht Heines, das ins Russische übersetzt wurde (1827).

Ein Fichtenbaum im Norden (V. 1 f.), ein Er, träumt von einer Palme fern im Morgenland (V. 5 f.), einer Sie; beide sind einsam (beide sind also stark personifiziert) – das ist bereits das erzählte Geschehen, der Rest malt diesen Kern aus.

Zum Norden passen die kahle Höhe (V. 2) sowie Eis und Schnee (V. 4), die ihn umhüllen. Dass „ihn schläfert“ (V. 3), ist Voraussetzung fürs Träumen; „schläfern“ bedeutet nach Adelung „Neigung, Trieb zum Schlafe empfinden“. Der Traum signalisierte dann entweder den Beginn des Schlafens oder wäre eine Art Wachtraum, kurz vor dem Einschlafen sich einstellend. Im Traum erscheint ihm der Gegenstand seiner Sehnsucht: eine Palme; dass sie gleichfalls einsam ist, würde sie vermutlich für sein Liebeswerben aufgeschlossen zeigen – aber dazu kommt es nicht. Es bleibt beim Traum des Einsamen von der Einsamen. Die Palme, ihm gleich in ihrer Einsamkeit, ist sein Gegenbild; sie steht unerreichbar „auf brennender Felsenwand“, was zum Morgenland passt. Warum sie „schweigend trauert“ (V. 7), wird nicht gesagt – vermutlich deshalb, weil sie einsam ist.

Zwei Deutungen dieses Gedichtes fallen mir ein. Da ist einmal die Deutung, die in Fichte und Palme Metaphern von Menschen ganz allgemein sieht; dann wäre der Fichte Traum von einer Palme vielleicht die Entlarvung unsinniger Sehnsüchte – statt dass der Fichtenbaum sich nach einer Birke in seiner Umgebung umschaute, träumt er von einer unerreichbaren Palme, die auch noch möglichst einsam sein soll. Dieses Verständnis könnte sich auf Heines Gedicht „Der weiße Elefant“ berufen (in „Romanzero“, 1844, dort unter „Historien“). In dem Gedicht erklärt ein Astrologe seinem Herrn, dem König von Siam, warum sein weißer Lieblingselefant die Lebenslust verloren hat – ich zitiere nur einen Teil seiner Erklärung:

„Gräfin Bianka ist der Name

Von dieser großen weißen Dame;

Sie wohnt zu Paris im Frankenland,

Und diese liebt der Elefant.

 

Durch wunderbare Wahlverwandtschaft

Im Traume machte er ihre Bekanntschaft,

Und träumend in sein Herze stahl

Sich dieses hohe Ideal.

 

Sehnsucht verzehrt ihn seit jener Stund‘,

Und er, der vormals so froh und gesund,

Er ist ein vierfüßiger Werther geworden,

Und träumt von einer Lotte im Norden.

 

Geheimnisvolle Sympathie!

Er sah sie nie und denkt an sie.

Er trampelt oft im Mondschein umher

Und seufzet: ‚Wenn ich ein Vöglein wär!’“

Eine zweite Deutung des Gedichtes kenne ich andeutungsweise aus der Literatur. Nach dieser Lesart stände der Fichtenbaum für den Deutschen Heine selbst, die Palme im Osten für das Judentum: Heine träumt unglücklich von dem ihm unerreichbaren Judentum, welchem er doch seiner Herkunft nach angehört. Dafür spräche, dass Heine sich in seiner Berliner Zeit mit jüdischen Fragen befasst hat; 1825 ließ er sich dann evangelisch taufen. Damit diese Deutung plausibel wird, müsste man sie durch weitere Verweise auf Heines Werke absichern, wozu ich ohne größere Studien nicht in der Lage bin. Wenn man die in „Lyrisches Intermezzo“ benachbarten Gedichte liest („Die Welt ist so schön“, „Mein süßes Lieb“ und „Ach, wenn ich nur der Schemel wär“, s. http://www.textlog.de/23169.html), sollte man allerdings eher zur ersten Deutung neigen und hier die romantikkritische Seite der Heine’schen Gedichte repräsentiert finden; in der zweiten Deutung wird auch dem Norden und dem Morgenland eine eigene allegorische Bedeutung zuerkannt. – Ob man ein „indisches Motiv der Baum-Ehen“ annehmen muss, um das Gedicht zu verstehen, bezweifle ich; es kommt ja nicht zu einer Ehe, sondern es geht um eine eher sinnlose Sehnsucht, und die Personifikationen Fichte/Palme kann man (und nur sie braucht man) metaphorisch auflösen.

Die Form des Gedichtes ist volksliedartig: In den vier Versen jeder Strophe gibt es jeweils drei Hebungen mit Auftakt und freier Füllung; es wechseln weibliche und männliche Kadenzen. Es reimen sich nur die Verse 2/4, wodurch der Eindruck von zwei Langzeilen pro Strophe entsteht. „Eis und Schnee“ passen zu „kahler Höh’“ (V. 4/2), ebenso die brennend heiße Felsenwand zum Morgenland (V. 8/6).

Wenn man sich wissenschaftlich mit dem Gedicht befasste, müsste man sich mit Monica Tempian: „Ein Traum, gar seltsam schauerlich—“: Romantikererbschaft und Experimentalpsychologie in der Traumdichtung Heinrich Heines, 2005, und ähnlichen Büchern auseinandersetzen; aber so weit wollen wir es hier nicht treiben.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=x5OCAyH46rs

http://mp3hamster.net/muz/heinrich%20heine#.UZNccCskYvU

http://www.youtube.com/watch?v=DAIu_h1oGPU (Wortmann)

http://www.youtube.com/watch?v=FOAffnMWdXs (Jentine de Boer)

http://www.youtube.com/watch?v=EtH9OltbZyg (Liszt: Mitsuko Shirai)

Zu Heine – Judentum:

http://www.heine-wiki.de/Heinrich_Heine/Die_Glaubensfrage

http://www.ursulahomann.de/IstDieWundeHeineEndgueltigVerheilt/kap003.html

http://www.juedisches-museum.org/blog/podcast-heine-und-das-judentum

http://www.judentum-projekt.de/persoenlichkeiten/liter/heine/index.html

http://www.freiburger-rundbrief.de/de/?item=451

http://www.hagalil.com/buch/heine/heine-1.htm

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/5256 (fiktives Gespräch mit Heine)

http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/cm/periodical/titleinfo/2593048 (Heine über Juden und Judentum)

http://www.zeit.de/1960/39/der-deutsche-jude-heinrich-heine/seite-1

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