Heine: Aus alten Märchen winkt es – Analyse

Aus alten Märchen winkt es…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/BdL/Lyr-43.html (späte Fassung)

http://www.textlog.de/23179.html (späte Fassung)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1195

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=1195&spalten=1&noheader=1 (frühe und späte Fassung)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Buch+der+Lieder (Lyrisches Intermezzo, dort Nr. 43: späte Fassung))

Das Gedicht „Aus alten Märchen winkt es“, Nr. 43 in „Lyrisches Intermezzo“, ist wohl 1822/23 entstanden, jedenfalls 1823 erstmals veröffentlicht und 1827 ins „Buch der Lieder“ übernommen worden. Davon gibt es zwei Fassungen (s. Freiburger Anthologie); die ältere Fassung hatte bis zur 4. Auflage des „Buch[s] der Lieder“ (1841) acht Strophen; in der späteren Fassung wurden deren 3.- 6. Strophe durch die beiden neuen Strophen in der Mitte ersetzt, die 2. Strophe wurde überarbeitet. Die ältere Fassung wurde von Robert Schumann in seinem Liederzyklus „Dichterliebe“ (1840 entstanden, 1844 gedruckt) vertont (und wird heute noch gesungen). Wir halten uns hier an die spätere Fassung, die man durchweg als Fassung des Gedichts findet, greifen aber für die Argumentation auch auf die ältere Fassung [ä.F.] zurück. – Nach dem Kommentar Werner Vordtriedes (1970) kann man im Gedicht Anklänge an Novalis’ „Die Lehrlinge zu Sais“ in der Vorstellung eines Goldenen Zeitalters nachweisen.

Ich möchte zunächst nachweisen, dass wir hier ein romantikkritisches Gedicht vor uns haben, beinahe eine Satire auf romantische Dichtung:

  • Dass es aus den Märchen mit weißer Hand winkt (V. 1 f.), ist ein Bildbruch.
  • Dass die Blumen „schmachten“ (V. 5, Personifikation), ist eine Übertreibung.
  • Das Gleiche gilt für die Personifikation „Mit bräutlichem Gesicht“ (V. 8).
  • Der Vergleich „wie ein Chor“ (V. 10) zerstört die Idylle.
  • Das gilt erst recht für den unpassenden Vergleich „wie Tanzmusik“ (V. 12), der dem Hervorbrechen der lauten (!) Quellen gilt – romantische Quellen plätschern leise.
  • Die Wiederholung „wundersüß“ (V. 15 f.) hebt sich selber auf.
  • Am Ende wird der illusionäre Charakter dieses Lands der Wonne ausdrücklich herausgestellt („im Traum“, 6. Strophe).
  • Dass die Vögel „schmettern“ (V. 12, ältere Fassung) statt „jubeln“ (o.ä.), ist klar satirisch zu lesen.
  • Die blauen Funken (V. 17, ältere F.) sind mir verdächtig; dass die roten Lichter „rennen“ (V. 19, ä.F.), gar „Im irren, wirren Kreis“ (V. 20, ä.F.), markiert das Gedicht eindeutig als Satire.
  • In der 6. Strophe (ä.F.) sind mir auch die Adjektive „laute“, „wildem“ und „seltsam“ verdächtig.
  • Ihre volle Plausibilität erhalten die verschiedenen Beobachtungen, wenn man sie in ihrer Gesamtheit nimmt.

Auch der Kontext des Gedichtes Nr. 43 mit seinen Gedichten scheiternder, unglücklicher Liebe und vor allem mit der 1. Strophe von Nr. 46 stützt meine These; das gilt auch für das, was ich zu „Ein Fichtenbaum steht einsam“ und zur romantikkritischen Lesart des Loreley-Gedichts oder zu „Auf meiner Herzliebsten Äugelein“ gesagt habe. – Was eine satirische Darstellung ist, setze ich als bekannt voraus.

Der Aufbau des Gedichts ist denkbar einfach: In der 1. Strophe beschreibt ein lyrisches Ich, das erst später (ab V. 17) als solches hervortritt, eine Situation, in der seltsamerweise keine Figuren auftreten: Aus alten Märchen winkt es (wer? wem?) mit weißer Hand – ich verstehe das als Einladung, das dort besungene Zauberland (V. 4) zu betreten. In der 2.-4. Strophe wird dieses Zauberland beschrieben. In der 5. und 6. Strophe meldet sich das lyrische Ich mit seiner Stellungnahme (zweimal „Ach“, V. 17 und V. 21) zu Wort: Es äußert den romantischen Wunsch, ins Zauberland zu kommen und dort selig zu sein; dann jedoch erklärt es antiromantisch das Land als bloßes Traumgebilde (V. 21 f.), das dem klaren Sonnenlicht (und dem Blick der Vernunft) nicht standhält.

Die Form des Gedichtes ist romantisch-volksliedartig: Strophen zu vier Versen mit jeweils drei Hebungen, Jambus, abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen, Kreuzreim. Die beiden „Ach“ und „Doch“ fallen als betonte Wörter aus dem jambischen Takt heraus; gelegentlich ist der Reim unrein (tönen/Sehnen, V. 13/15; erfreun/sein, V. 18/20). Oft passen die reimenden Verse semantisch zusammen, etwa „Blumen schmachten / sich betrachten“ (V. 5/7) oder „wie ein Chor / wie Tanzmusik hervor“ (V. 10/12) u.a. Das Pronomen „du“ (V. 14 und 16) lese ich im Sinn des Pronomens „man“ oder „einer“.

Die „alten Märchen“ (V. 1) sind die Dichtungen der Romantik, welche hier satirisch als Traumgebilde übersteigerter Fantasie entlarvt werden. Die einzelnen Personifikationen (schmachten, V. 5; bräutliches Gesicht, V. 8; Bäume sprechen, V. 9; u.a.) und Metaphern (singt es, V. 3; Zauberland, V. 4 – beide sind wegen ihres romantischen Duktus keine klaren Metaphern) gehören in das romantische Weltbild, welches von Heine durch Übertreibungen, Vergleiche, einen Bildbruch und schließlich offen destruiert wird.

Im Sinn der Vertonung Schumanns liegt wohl das romantische Verständnis des Gedichtes; das kleine Schulvideo hebt dieses Verständnis jedoch rabiat auf.

http://lyrik.antikoerperchen.de/heinrich-heine-aus-alten-maerchen-winkt-es,textbearbeitung,180.html (Schülerarbeit)

http://www.lyrikschadchen.de/Interpretation_Aus_alten_Marchen__Heine_.pdf (dito, korrigiert)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=Qj63x-Z_UyY (Ole Irenäus Wieröd)

http://www.youtube.com/watch?v=RGosDZ6azJg (unbekannt)

http://mp3hamster.net/muz/heinrich%20heine#.UZNccCskYvU (unbekannt)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/zyklus-dichterliebe-4.html (Fritz Stavenhagen: eines der Gedichte aus „Dichterliebe 4“)

http://www.youtube.com/watch?v=wAkybPOS70Q (Susanna Proskura: die frühe Fassung)

http://www.youtube.com/watch?v=_AE28ubukJw (Schulvideo)

http://www.youtube.com/watch?v=fu-YyeE4k48 (Schumann: Alexander Gamy)

http://www.youtube.com/watch?v=txVMjeREzu0 (Schumann: Fritz Wunderlich)

http://www.youtube.com/watch?v=I15_BIjMUmM (Schumann: Friedrich Gippelshauser)

http://www.romantrekel.de/schumann.htm (Schumann: Roman Trekel)

http://www.youtube.com/watch?v=8cpjQdqWnQc (Schumann: Artem Nesterenko)

http://www.youtube.com/watch?v=2guICpYMfts (Schumann: Yannai Gonczarowski)

http://www.youtube.com/watch?v=jeOnvhMeSaY (Schumann: ?) u.a.

Rheinromantik

http://de.wikipedia.org/wiki/Rheinromantik

http://www.erlebnis-rheinland.de/Themen/Rheinromantik/Rheinromantik.html

http://www.sammlung-rheinromantik.de/

http://www.fr-online.de/kultur/rheinromantik-fluss-ohne-uhrzeit,1472786,22188920.html

Sonstiges

http://en.wikipedia.org/wiki/Dichterliebe (Schumanns Zyklus „Dichterliebe“)

http://www.classiccat.net/schumann_r/48.text.php (Texte von Schumanns „Dichterliebe“)

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