Heine: Aus meinen großen Schmerzen – Analyse

Aus meinen großen Schmerzen…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/BdL/Lyr-36.html

http://de.wikisource.org/wiki/Aus_meinen_gro%C3%9Fen_Schmerzen

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Buch+der+Lieder/Lyrisches+Intermezzo/36.+%5BAus+meinen+gro%C3%9Fen+Schmerzen%5D

Das Gedicht trägt die Nr. 36 im Lyrischen Intermezzo 1823 und dann wieder im Buch der Lieder 1827. Es ist eines der kleinen Gedichte vom Liebesweh, die im Intermezzo reichlich zu finden sind. Die vier Verse jeder Strophe weisen drei Hebungen mit freien Füllungen auf; sie haben alle weibliche Kadenzen, was das Versende betont und das Sprechen ein wenig verlangsamt. Der umarmende Reim verleiht jeder Strophe eine gewisse Geschlossenheit; jeder Strophe besteht zudem aus einem einzigen großen Satz. Wenn auch jede Strophe aus einem großen Satz besteht, ist der Satzbau im Einzelnen ziemlich einfach und volkstümlich (wie die Gedichtform): Hauptsatz, Hauptsatz, mit „und“ angeschlossener Hauptsatz; Hauptsatz, Hauptsatz, zwei kurze mit „und“ angeschlossene Hauptsätze, Nebensatz.

Ein lyrisches Ich beschreibt (im Präsens) das, was es zu tun pflegt: Lieder machen. Es macht sie „Aus meinen großen Schmerzen“ (V. 1); was für Schmerzen das sind, wird nicht direkt gesagt, doch aus dem Zusammenhang ergibt sich, dass es Liebesschmerzen sind. Mit dem Kontrast groß/klein spielt es die Bedeutung der Lieder herab. Das Personalpronomen „die“ (V. 2) setzt die Lieder als bestimmte voraus – man ist geneigt, in den kleinen Liedern die Gedichte Heines zu erkennen; doch muss man mit solchen Gleichungen vorsichtig umgehen, wie sich später ergibt. Was es mit den Liedern auf sich hat, wird in der zweiten Hälfte der 1. Strophe gesagt, wobei die Lieder metaphorisch als Vögel gesehen werden (Gefieder, flattern, V. 3 f.) Das Vöglein ist in der literarischen Tradition als Liebesbote bekannt (z. B. Achim von Arnim: „Du singest mir von guter Nacht, / Du mußt mein Liebchen grüßen“; Heine parodiert später „Wenn ich ein Vöglein wär“ in dem Gedicht „Der weiße Elefant“). In der Synästhesie „klingend Gefieder“ (V. 3) werden die Lieder zu Vöglein gemacht, die „nach ihrem Herzen“ flattern können. Wer „sie“ ist, wird wiederum nicht gesagt, ist aber im Kontext der flatternden Liebesvöglein klar: die Geliebte [Heines Gedichte sind aber nicht für Amalie bestimmt gewesen, sondern fürs Publikum]. Es reimen sich traditionell, schon trivial „Herzen – Schmerzen“ (V. 1/4), und auch „Lieder – Gefieder“ (V. 2 f.) passen zueinander, da die Lieder ja flatternde Vöglein sind.

Inklusive der (Liebes)Schmerzen bleibt der Sprecher im Bildbereich traditioneller Liebeslyrik; es scheint, als ob ihm durch seine Lieder eine Annäherung an das Herz der Geliebten gelingen könnte. Doch er wechselt dann in der 2. Strophe zum Bericht (im Präteritum) über den Erfolg der Lieder-Vöglein, genauer: über den Misserfolg. Die Lieder fanden den Weg „zur Trauten“ (V. 5), „Doch kommen sie wieder“ (V. 6); das Präsens „wiederkommen“ markiert die Regelmäßigkeit dieses Geschehens, das bis in die Gegenwart anhält. Und sie „klagen“ (V. 6), was wiederholt (V. 7) und im doppelten Reim (Paar- und Binnenreim) mit „nicht sagen“ verbunden wird. Nur indirekt wird gesagt, was sie nicht sagen wollten: „Was sie im Herzen [der Trauten] schauten“ (V. 8). Das kann nur etwas Schreckliches sein, wenn sie es nicht sagen wollen; etwas, was Liebesvöglein verstört: Ablehnung, Bosheit, Verachtung für den unglücklichen Liebhaber. Der Reim „den Weg zur Trauten / im Herzen schauten“ (V. 5/8) stellt zwei Stationen des Weges der Liebesvöglein dar. – In der 2. Strophe durchbricht der Sprecher die romantische Liebeslyrik, wenn auch bereits im Petrarkismus der Topos von der Herzenshärte der Angebeteten fest ausgebildet war.

Im Kontext von Nr. 36 stehen im Lyrischen Intermezzo weitere Liebesleid-Gedichte; besonders schön ist Nr. 37, wo eine Kritik romantischer Vorstellungen (die beiden ersten Strophen, Satire) mit der Liebesklage verbunden ist:

Nr. 37

Philister in Sonntagsröcklein
Spazieren durch Wald und Flur;
Sie jauchzen, sie hüpfen wie Böcklein,
Begrüßen die schöne Natur.

Betrachten mit blinzelnden Augen,
Wie alles romantisch blüht;
Mit langen Ohren saugen
Sie ein der Spatzen Lied.

Ich aber verhänge die Fenster
Des Zimmers mit schwarzem Tuch;
Es machen mir meine Gespenster
Sogar einen Tagesbesuch.

Die alte Liebe erscheinet,
Sie stieg aus dem Totenreich,
Sie setzt sich zu mir und weinet,
Und macht das Herz mir weich.

Ich halte es deswegen für problematisch, bei der unerreichbaren Geliebten immer an Heines Cousine Amalie zu denken, welche ihn abgewiesen hatte; ein konkreter Liebeskummer kann nicht gut jahrelang be- und verdichtet werden – man muss die Liebesklage als Motiv sehen, mit dem auch das Ende der Romantik verbunden ist. Die Töne der Liebesklage stammen von der Totenglocke der Romantik.

Vortrag

http://vimeo.com/31781777 (Westphal)

http://www.youtube.com/watch?v=Qhn_aIhogYY ?

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