Heine: Sie saßen und tranken am Teetisch – Analyse

Sie saßen und tranken am Teetisch…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/BdL/Lyr-50.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1223

http://de.wikisource.org/wiki/Sie_sa%C3%9Fen_und_tranken_am_Theetisch

Das Gedicht, als Nr. 50 oder (römisch geschrieben) L erstmals im Lyrischen Intermezzo 1823 veröffentlicht, greift das zeittypische Salongerede über die Liebe an, greift damit auch die Gesellschaft an, die solcherart spricht. Nach den Karlsbader Beschlüssen von 1819 konnte man wegen der Zensur nur noch verdeckt, und sei es in der Form von Liebesgedichten, politische Kritik äußern.

Der Aufbau des Gedichtes ist klar: In der 1. Strophe wird die Teegesellschaft beschrieben oder vorgestellt; in den Strophen 2-4 werden einzelne Beiträge des Gesprächs distanziert berichtet; in der 5. Strophe wendet sich der (hier erstmals erkennbare) Ich-Sprecher an sein „Liebchen“ und bezieht sie als potenzielle Gesprächspartnerin in die Runde ein.

Die erste bemerkenswerte Einzelheit ist der Teetisch als Ort des Gesprächs. Unter „Thee“ vermerkt das Damen Conversations Lexikon 1838: „Und so mannichfaltig an Werth und Gehalt die Blätter des T’s sind, so verschieden sind auch die künstlerischen Methoden, ihnen die köstlichen Thränen der sonnigen Heimath zu entlocken, ihre gefeiten Düfte zu entzaubern, ihren Balsam zu läutern und den geläuterten den wahlverwandten Erzeugnissen der europäischen Welt sinnig zu gesellen. Die Chinesen gießen das heiße Wasser in die Tasse selbst auf die Blätter und trinken diesen Aufguß ohne Zucker und Rahm. Die Japanesen verwandeln die Blätter in Staub und schütten einen kleinen Löffel dieses Pulvers in eine Tasse mit kochendem Wasser. Bei beiden Völkern macht die Art, den T. zu serviren, einen Theil der Erziehung junger Leute aus, und man unterrichtet sie in dieser Kunst, wie man unsere jungen Leute das Tanzen und Fechten lehrt. In England, wo man den T. mit wahrer Virtuosität bereitet, wird heißes Wasser auf die Blätter geschüttet; drei kleine Löffel dieser Blätter spenden dann ohne stiefmütterliche Liebe sechs volle Tassen. Unkünstlerisch und verwerflich ist es, den T. ziehen zu lassen, oder ihn gar zum Feuer zu stellen; nicht ungestraft mißhandeln läßt sich der freigeborene Sohn der indischen Sonne. Dann entfliehen zürnend die ätherischen Geister seines Aroms. Nur ein schneller Aufguß entlockt dem T. jenen seinen und lieblichen Duft. Einige thun sehr wenig Blätter in die Kanne; dann wandelt sich der T., seines Lebensathems beraubt, müd‘ bis zum Tode, in eine matte Tisane, in einen faden, wäßrig medicinartigen Aufguß. Andere verschwenden den T. mit vollen Händen und erhalten so einen dicken, erhitzenden Trank von röthlich-gelber Farbe, von zusammenziehendem Geschmacke.“ Darauf folgt eine Belehrung, wie man richtig Tee aufzugießen hat – das alles zeigt uns, dass Tee und Teetisch zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur feinen Gesellschaft gehören. „In Europa kennt man dieß Getränk nicht viel über 200 Jahre; der erste Thee wurde 1600 durch Holländische Chinafahrer mitgebracht. Die Seltenheit, der hohe Preis, und was man etwa sonst von der Trefflichkeit des Thees rühmte, reitzten die Reichen, diesen Aufguß zum Lieblingsgetränk zu erkiesen, und die Holländer – befanden sich wohl dabei. Jetzt haben freilich die Engländer, die auch ohnehin, wie bekannt, sehr große Verehrer dieses Getränks sind, den stärksten Handel damit an sich gezogen“, liest man im Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 6, 1809. „Sie“ (V. 1) sind also Leute der feinen Gesellschaft, Herren und Damen (V. 3 f.), sie „sprachen von Liebe viel“ (V. 2): Wenn man „sprachen“ stark betont, ist hier schon der erste kritische Ton zu hören, weil die Liebe nicht etwas ist, über das man vornehmlich sprechen soll. Die Herren werden etwas schräg-satirisch als „ästhetisch“ bezeichnet: „Aesthetisch, diejenige Eigenschaft einer Sache, wodurch sie ein Gegenstand des Gefühls und also geschickt wird, in den Werken der schönen Künste gebraucht zu werden; im gemeinen Leben (vielleicht nicht ganz richtig) überhaupt schön, geschmackvoll.“ (Brockhaus Conversations-Lexikon, 1809) Sind die Herren ästhetisch, so sind sie nicht männlich, wie sich bald zeigen wird. So schräg wie die Bezeichnung ist auch der Reim „Teetisch / ästhetisch“ (V. 1/3) Die Damen sind offiziell „von zartem Gefühl“ (V. 4); auch darüber gibt der Erzähler später weitere Auskünfte.

Der dürre (!), also saft- und kraftlose Hofrat fordert eine platonische Liebe ein, ein unkörperliches Schwärmen (V. 5 f.); wenn seine Frau ironisch lächelt, verspottet sie ihn indirekt oder „weiß“, dass der Hofrat eine durchaus unplatonische Liebe bevorzugt, also lügt. Durch ihr geseufztes „Ach“ gibt sie ihm offiziell recht (vgl. „dennoch“, V. 8, wenn die Interjektion „Ach“ als Ausdruck der eigenen Bewegtheit in sich auch vieldeutig ist). Auch hier ist der Reim „platonisch / ironisch“ eher komisch, verrät also Distanz des Sprechers zum berichteten Geschehen.

Im Artikel „Stifte“ im Brockhaus Conversations-Lexicon (Bd. 5, 1809) muss man unter „Hoch- oder Erzstifte“ nachschauen, wenn man genau wissen will, wie es um die Domherren stand. Jedenfalls waren sie zum Zölibat verpflichtet, deshalb wird der Domherr im Gedicht auch von einem „Fräulein“ begleitet, welches seine Haushälterin ist. Er öffnet den Mund weit – er reißt sein Maul auf und spricht über ein Thema, von dem er aus Erfahrung nichts verstehen darf: „Die Liebe sei nicht zu roh“ (V. 10), fordert er, also nicht zu leidenschaftlich-körperlich; dafür weiß er eine unbiblisch-spießbürgerliche Begründung: Solche Liebe schade der Gesundheit (V. 11). Des Fräuleins „Wie so?“ wird man als Zeichen ihrer Ahnungslosigkeit lesen dürfen, die sie als Liebesexpertin disqualifiziert; man könnte ihre Frage vielleicht als Widerspruch verstehen – aber dann dürfte sie kaum gelispelt werden, und „Fräulein“ wäre in Anführungszeichen zu lesen. Auch „Mund weit / Gesundheit“ (V. 9/11) ist ein ziemlich schräger Reim.

Als einzige Frau kommt die Gräfin direkt zu Wort: „Die Liebe ist eine Passion!“ (V. 14) „Passion“ ist eine Leidenschaft; aus dem Französischen übernommen war „Passion“ im 18. Jahrhundert ein Modewort. Dazu steht im Kontrast, dass die Gräfin die Tasse Tee „gütig“ präsentiert – das hat mit Passion nichts zu tun. Hier sind „Passion / Baron“ (V. 14/16) die unpassenden Reimwörter, der ohne Passion geliebte Baron wird an die „Passion“ gebunden; als Ehemann der Gräfin wäre er eigentlich ein Graf.

Erstes Fazit: Drei „Paare“, drei Äußerungen über die Liebe – alle konventionell, den Normen der feinen Leute, der Damen und Herren Teetrinker verpflichtet, alle drei vom Erzähler distanziert, verdeckt satirisch berichtet (und von Heine abgelehnt). Daran schließt er in der persönlichen Anrede an „Mein Liebchen“ (V. 18), welches man sich nicht bei ihm anwesend denken muss, ein viertes Paar an: Das Liebchen und er selbst; in besagter erlauchter Runde „hast du [nicht: ich!] gefehlt“ (V. 18), bescheinigt er dem Liebchen. Das ist mehr als eine Feststellung – es ist eine Beleidigung, als Mitglied zu so einer Runde gezählt zu werden. Darüber kann auch die doppelte, vermeintlich liebevolle Anrede „Liebchen“ und „Schätzchen“ (V. 19) nicht hinwegtäuschen – das Schätzchen Heine’scher Gedichte im Lyrischen Intermezzo ist Quelle seiner Leiden und hat manchmal ein finsteres Herz (vgl. „Aus meinen großen Schmerzen“). „Du hättest so hübsch […] Von deiner Liebe erzählt.“ In diesem Satz ist der ironisch-böse Ton nicht zu überhören; erst recht ist das unabweisbar, wenn man das Prädikat „hübsch“ vor dem Hintergrund des Damen-und-Herren-Geredes hört und wenn man bemerkt, dass sie nicht von „unserer“, sondern von „deiner“ Liebe zu erzählen gehabt hätte: von dem, woran das lyrische Ich Heines oft genug gelitten hat.

Die fünf Strophen bestehen jeweils aus vier Versen zu drei Hebungen, mit freier Füllung, abwechselnd weibliche und männliche Kadenzen, Kreuzreim – dieser volksliedartige Strophentypus findet sich oft im Lyrischen Intermezzo. Nach jeweils zwei Versen finden wir einen Einschnitt, der nur einmal durch ein Komma markiert ist (V. 10), sonst immer durch Punkt oder Rufzeichen. Auch die weiblichen Kadenzen im 1. und 3. Vers jeder Strophe, die sich zudem reimen, verlangen ein kleine Pause, sodass das Gedicht insgesamt ruhig zu sprechen ist.

Offensichtlich wird dieses Gedicht Heines nicht nur öfter im Unterricht behandelt, sondern auch oft vorgetragen (s. unten!). Es ist eines der ganz großen Gedichte Heines.

http://www.ploecher.de/2009/10-T2-D-E2-09/Heine%20Sie%20sa%DFen%20und%20tranken%20am%20Teetisch.pdf (angeblich eine „Musterinterpretation“)

http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9128 (Interpretation)

http://deutschlk.xobor.de/t59f44-Heinrich-Heine-Sie-sassen-und-tranken-am-Teetisch.html (Schema)

http://www.zgapa.pl/data_files/referat_6557.html (schülerhaft)

http://www.schreiben10.com/referate/Literatur/27/Gedichtinterpretation-zu-H-Heine-Sie-aben-und-tranken-am-Teetisch-reon.php (schülerhaft)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=ASBkgRzXffk (Ulrich Matthes, gut)

http://www.sprechbude.de/category/heinrich-heine/page/10/ (Peter Kempkes, zu schnell)

http://www.youtube.com/watch?v=yMwCINw92Dc (F. Stavenhagen, gut) = http://www.deutschelyrik.de/index.php/sie-sassen-und-tranken-am-teetisch.html

http://www.youtube.com/watch?v=JMWo4RT5YNI (?, etwas freier)

http://www.vorleser.net/hoerbuch.php?id=heine_sie_sassen_und_tranken_am_teetisch (gut, aber eine Sprecherin – passt nicht zur 5. Strophe)

http://mp3hamster.net/muz/heinrich%20heine#.UZn_TCskYvU (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=3eiodal1hEg (Günther: Michael Chaim Langer)

http://www.youtube.com/watch?v=i1O361XK03k (Patrick B.?)

Sonstiges

http://www.kettcards.de/page/kusiri003.php (Illustration)

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