Heine: Das Meer erglänzte weit hinaus – Analyse

Das Meer erglänzte weit hinaus…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/BdL/Heimk-14.html

http://de.wikisource.org/wiki/Das_Meer_ergl%C3%A4nzte_weit_hinaus

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1161

Heine verfasste während seines ersten Cuxhavenaufenthalts im Sommer 1823 oder kurz danach sieben kleine Seestücke, die er später dem Heimkehr-Zyklus als Nr. 7-12 und Nr. 14 einverleibte. An der Nordsee – aber auch nur dort – wird dem Gedicht „Das Meer erglänzte weit hinaus“ die Überschrift „Das Lied ans Meer“ aufgeklebt; in der Vertonung Schuberts heißt es „Am Meer“. Wenn ich den Kommentar Werner Vordtriedes richtig verstehe, gehörte es (anders als Nr. 7, 8, 9, 11, 12 des Zyklus) 1826 noch nicht in „Die Heimkehr“, sondern erst 1827, als dieser Zyklus ins „Buch der Lieder“ aufgenommen wurde.

Ein Bruch geht durch das Gedicht: In den ersten drei Strophen erzählt (Präteritum) ein lyrisches Ich einem weiblichen Du von einer gemeinsam verbrachten romantischen Stunde am Meer. Statt dass dann klar würde, wozu dies dem Du noch einmal erzählt wird, berichtet das Ich von seinem gegenwärtigen Liebesleid-Zustand, wobei es die Frau „das unglückselge Weib“ nennt und von ihr als einer Abwesenden in der 3. Person spricht. Von diesem Befund des Aufbaus muss man ausgehen, wenn man das Gedicht im Ganzen wie in den Einzelheiten verstehen will – ein Blick in die Rezeption, erst recht in die Vertonung Schuberts zeigt, dass das Gedicht dort anscheinend als ungebrochene Einheit romantisch (miss)verstanden wird.

Die ersten drei Strophen scheinen auf den ersten Blick ein typisch romantisches Gedicht zu sein: Abendschein, Zweisamkeit, Tränen… Doch beim zweiten Blick zeigt sich, dass hier eher eine Satire romantischer Dichtung vorliegt. Das zeigt sich erstens an den Stereotypen der Bilder und am Goethe-Zitat („das Wasser schwoll“, V. 5: Der Fischer); das zeigt sich zweitens an der sinnlosen Formel „flog hin und wieder“ (V. 6) und drittens an der sinnlosen Übertreibung „Tränen fortgetrunken“ (V. 12). Auch die Reime sind schematisch-nichtssagend: „weit hinaus / Fischerhaus“ (V. 1/3); „hin und wieder / Tränen nieder“ (V. 6/8), usw.

Erst recht zeigt der Bruch nach der 3. Strophe, dass die romantische Liebe der ersten drei Strophe eine Illusion ist: „Mich hat das unglückselge Weib / Vergiftet mit ihren Tränen.“ (V. 15 f.) Die beiden voraufgehenden Verse scheinen noch zum romantischen Schema endloser Sehnsucht zu gehören; doch der Bruch im Ton hinter V. 14 („unglückselge“, Vergiftet“) ist nicht zu überhören und entlarvt auch die Liebesklage der Verse 13 f. als romantisches Schema.

Die Form des Gedichtes ist „typisch Heine“: Vier Verse pro Strophe, abwechselnd vier und drei Hebungen mit freier Füllung, abwechselnd männliche und weibliche Kadenzen, dazu ein Kreuzreim: insgesamt die Art eines Volksliedes.

Das Gedicht scheint zum Schlussgedicht von „Die Heimkehr“ zu passen, zu Gedicht LXXXVIII (Nr. 88), dessen 2. Strophe dem Zyklus einen bestimmten Zweck zuweist:

„Jene Flammen sind erloschen,
Und mein Herz ist kalt und trübe,
Und dies Büchlein ist die Urne
Mit der Asche meiner Liebe.“

Aber das will mir nicht einleuchten, dass hier bloß ein Rückblick auf vergangene Liebe vorliegt. Mir scheint ein Rückblick aufs romantische Dichten vorzuliegen. In der Vorrede zur 3. Auflage des Buchs der Lieder (1839) steht Heines Gedicht von der Sphinx:

„Entzückende Marter und wonniges Weh!
Der Schmerz wie die Lust unermeßlich!
Derweilen des Mundes Kuß mich beglückt,
Verwunden die Tatzen mich gräßlich.“

Auch das klingt nach Liebesleid, aber es klingt nur danach; die Distanz zum Leiden ist zu groß, als dass es „echt“ sein könnte. Vielleicht war Heine damals auf dem Weg zu sich selbst: blickte auf die Romantik zurück und wusste noch nicht genau, wohin die Reise geht. Oder auch: Er produzierte Lyrik, die gut beim Publikum ankam („Buch der Lieder“), aber er selber war über den Geschmack des Publikums hinaus. Durch die Vertonung Schuberts bleibt das Gedicht zwar bekannt, wird aber auch „romantisch“ missverstanden, bis auf den heutigen Tag (s. Bilder der fotocommunity).

http://www.schandfleck.ch/textkritik/nachmittag_mit_heine.html (Verriss des Zyklus „Die Heimkehr“, inklusive „Das Meer erglänzte weit hinaus…“)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=yN5XVXfxp3w (Schubert „Am Meer“: Johannes Heidenreich)

https://www.facebook.com/video/video.php?v=1403588534899 (Schubert: Werner Güra)

http://www.youtube.com/watch?v=SYvA9ZUaO5A (Schubert: Alexander Kipnis)

http://www.youtube.com/watch?v=HEEVCKe6O8Y (Schubert: Fischer-Dieskau)

http://www.youtube.com/watch?v=yN5XVXfxp3w (Schubert: Johannes Heidenreich)

http://www.youtube.com/watch?v=fd2EWPGx5Pc (Schubert: Eugen Hilti) u.a.

http://www.youtube.com/watch?v=VrOT3dYn2qA (F. Mendelssohn Hendel: ?)

Sonstiges

http://www.cuxpedia.de/index.php/Heinrich_Heine (Heine-Cuxhaven)

http://www.bildpostkarten.uni-osnabrueck.de/displayimage.php?album=15&pos=117 (Bildpostkarte)

http://www.classiccat.net/schubert_f/957.text.php (Texte von Schuberts Zyklus „Schwanengesang“, dort Nr. 12)

http://www.gopera.com/lieder/translations/schubert_957.pdf (dito, mit engl. Übersetzung)

http://www.schneewittchen-geschenke.de/index.php?page=305969307&f=1&i=305969307&s=305969307 (zur Rezeption: Das Lied war in Schuberts Vertonung um 1870 bei den Militärkapellen beliebt, wurde schon vorher gern gesungen: http://www.hohesufer.com/public/baltisches_ufer.pdf)

http://www.kuttel.org/meergedichte.html (Gedichte über das Meer und über Travemünde)

http://www.kunst-rs-bayern.de/userfiles/Lernzirkel-Malerei-Romantik-9-1208.pdf (ein Beispiel für Rezeption heute: Schule)

http://www.titanic-magazin.de/archive/heftarchiv00-06/?f=1005%2Fwaechter4&cHash=eb7c90ebaad8a09d2bd112baf45c81b6 (Rezeption heute: Nachruf auf F. K. Waechter: „»Und weil sonst nichts war, machte ich in die Leere und machte das Meer.« Der namenlose Knirps pinkelt, und das Meer erglänzte weit hinaus. Dann furzt er noch den Wind und kackt das Land und schafft sich sein Ebenbild, das ist aber ein Mädchen. Und dann wird gottsallmächtig collagiert und die Welt erschaffen, daß es nur so eine Unart hat…“)

http://www.zeit.de/1975/46/winterreise-in-die-literatur/seite-1 (eine Kritik dessen, was in literarischen Reiseführern steht, auch über Heine)

http://www.fotocommunity.de/pc/pc/display/29089229 (Meer-Bilder einer fotocommunity)

Die Heimkehr (Text des Zyklus)

http://www.textlog.de/23125.html

http://www.heinrichheine.net/

http://users.telenet.be/gaston.d.haese/heine_die_heimkehr1.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Buch+der+Lieder/Die+Heimkehr

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