Heine: Wir saßen am Fischerhause – Analyse, Interpretation

Wir saßen am Fischerhause…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/BdL/Heimk-07.html

http://de.wikisource.org/wiki/Wir_sa%C3%9Fen_am_Fischerhause

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1154

Das Gedicht wurde am 27. März 1824 in „Der Gesellschafter“ veröffentlicht und dann in den Zyklus „Die Heimkehr“ aufgenommen, der 1826 einen Teil der „Reisebilder“ ausmachte und Rahel Varnhagen gewidmet war. 1827 kam der Zyklus dann ins „Buch der Lieder“.

In der Vorrede zur 3. Auflage des Buchs der Lieder (1839) steht Heines Gedicht von der Sphinx:

„Entzückende Marter und wonniges Weh!
Der Schmerz wie die Lust unermeßlich!
Derweilen des Mundes Kuß mich beglückt,
Verwunden die Tatzen mich gräßlich.“

Den Schluss der Heimkehr bildet das Gedicht LXXXVIII (Nr. 88), dessen 2. Strophe dem Zyklus einen bestimmten Zweck zuweist:

„Jene Flammen sind erloschen,
Und mein Herz ist kalt und trübe,
Und dies Büchlein ist die Urne
Mit der Asche meiner Liebe.“ 

Es bleibt zu prüfen, ob dem einzelnen Gedicht anzumerken ist, dass es in diesen Zyklus oder in diese Sammlung gehört.

Der Sprecher des Gedichtes „Wir saßen am Fischerhause“ (Nr. 7 von „Die Heimkehr“) gehört zu einer wir-Gruppe, von der berichtet wird, was sie an einem Abend an der See erlebte. Den Rahmen bilden die Strophen 1, 2 und 7; in ihnen wird die Situation beschrieben, in der sich die Gruppe befindet: Es ist eine Abendsituation; das wird an den Abendnebeln (V. 3) und am Anzünden der Lichter im Leuchtturm (V. 5 f.) deutlich. Als weiterer Punkt, der Aufmerksamkeit findet, wird ein in der Ferne entdecktes Schiff erwähnt (V. 7 f.); als man es dann nicht mehr sehen kann, ist es vollends dunkel und sowohl die Gespräche der Gruppe wie das Gedicht sind zu Ende (V. 27 f.).

Den mittleren Teil machen die Gespräche aus, die in der Gruppe geführt werden. Zuerst wird summarisch berichtet, dass man von Sturm und Schiffbruch, vom Seemann, von fernen Küsten und seltsamen Völkern sprach (3. und 4. Strophe); in den beiden folgenden Strophen werden einzelne Gesprächsinhalte wörtlich berichtet: wie es am Ganges zugeht (5. Str.), wie die Leute in Lappland leben (6. Str.). Beides fällt unter die Rubrik „seltsame Völker“ mit „seltsamen Sitten“ (V. 15 f.) – heute würde man „Buntes und Vermischtes aus aller Welt“ vermelden. Die dort erwähnten Völker decken in ihrem Kontrast das Spektrum der Phantasie ab: schöne Menschen / schmutzige Leute; knien vor Lotosblumen / kauern sich ums Feuer; Duft, Leuchten, blühende Riesenbäume / Geschrei, Gequäke, Essenszubereitung – ich höre einen Ton, der das  Abendgespräch als Satire von der Unterhaltung über fremde Völker ausweist..

Die Charakterisierung der fremden Völker ist nämlich genauso vordergründig und stereotyp wie das, was man „Vom Seemann, und wie er lebt“ (V. 10), sagt; das Zeugma in V. 11 f. macht das Gesprächsthema lächerlich. Man spricht über alles (vom Süden und vom Norden, V. 14) und sagt nichts, man unterhält sich. „Die Mädchen horchten ernsthaft, / Und endlich sprach niemand mehr“ (V. 25 f.). Dass die Mädchen auf solches Gerede „ernsthaft“ horchen, spricht nicht für ihre Intelligenz – ansonsten hören wir nichts über die Mädchen und auch nicht über die Leute, die zur Gruppe „wir“ gehören. Das Adverb „endlich“ (V. 26) kann ein reines Temporaladverb sein: „am Ende“ sprach niemand mehr; es kann aber auch einen modalen Ton tragen, der eine Erwartung des Geschehens ausdrückt: „zum Glück“ sprach niemand mehr, endlich hörte das dumme Gerede auf. Die Menschen in der Gruppe verhalten sich nicht viel anderes als die Leute „in Lappland“, von denen man so verächtlich gesprochen hat: „quäken und schrein“ (V. 24), die Leistung der Männer, darauf ernsthaft horchen, die Aufgabe der Mädchen. In diesem Kontext bekommt der Hinweis auf die Zunahme der Dunkelheit (V. 28) eine symbolische Bedeutung: Das Licht der Vernunft leuchtet in dieser Gruppe nicht; man spricht nicht über das, worüber zu sprechen wirklich lohnte – ich unterstelle einmal: über die Unfreiheit in Deutschland, über die eigene Situation und die der Nachbarn und Mitbürger. Stattdessen werden die Geschichten „vom Seemann“, von den Leuten am Ganges und in Lappland erzählt. Mit diesem Gedicht demonstriert Heine, was man unter den Bedingungen der Zensur (Karlsbader Beschlüsse 1819) in Deutschland noch sagen und dichten kann: belangloses Zeug. Mit dem dominierendem Thema der Heimkehr oder des Buchs der Lieder (s.o.) hat das Gedicht von der Gruppe am Fischerhaus nichts zu tun.

In der Form hält Heine sich an das ihm geläufige Schema: Vier Verse pro Strophe, jeweils drei Hebungen mit unregelmäßiger Füllung, Auftakt (mit Ausnahmen in V. 8 und V. 22), Wechsel weiblicher und männlicher Kadenzen; statt des Kreuzreims gibt es einen einzigen Paarreim beim 2. und 4. Vers, wodurch jeweils zwei Verse eine Einheit ausmachen. Das merkt man auch am Themenwechsel bzw. an einer Verschiebung oder Progression des Themas in der Mitte der Strophe. Als Beispiele seien kurz genannt: Wir / die Abendnebel (2. Str.), Leuchtturm / Schiff (2. Str.); ferne Küsten / seltsame Völker (4. Str.). Die Reime sind trivial: See / Höh (V. 2/4); mehr / sehr (V. 26/28) usw.

Aus sich sagt dieses Gedicht nicht viel; man muss es in Zusammenhänge stellen, was dann wohl „interpretieren“ heißt. Ob man dieses Gedicht in den Kanon von Heines bedeutenden Gedichten aufnehmen muss? Wenn es nach mir ginge, würde ich die Frage mit Nein beantworten.

Die Heimkehr (Text des Zyklus)

http://www.textlog.de/23125.html

http://www.heinrichheine.net/

http://users.telenet.be/gaston.d.haese/heine_die_heimkehr1.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Buch+der+Lieder/Die+Heimkehr

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