Heine: Du bist wie eine Blume – Analyse

Du bist wie eine Blume…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/BdL/Heimk-47.html

http://de.wikisource.org/wiki/Du_bist_wie_eine_Blume

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1143

Das Gedicht steht in „Die Heimkehr“ als Nr. 47, es wurde erst 1827 in den Zyklus „Die Heimkehr“ aufgenommen; das Gedicht wurde über 300mal vertont – auf youtube dominiert die Vertonung Schumanns; zitiert und gehaucht wird es noch heute.

Ein lyrisches Ich wendet sich an ein Mädchen, an dem sein Herz hängt, und beginnt mit einem ganz traditionellen Vergleich: „Du bist wie eine Blume“ (V. 1); danach kann es einige Attribute der Blume dem Mädchen anhängen (hold, schön, rein, V. 2). Das Mädchen scheint noch jung zu sein; offensichtlich ist es nicht seine Geliebte. Das wird in den beiden folgenden Sätzen deutlich; im ersten bekennt der Ich-Sprecher, dass der Anblick des Mädchens ihn mit Wehmut erfüllt, dass diese ihm ins Herz „schleicht“, also ganz unmerklich hineinzieht.

Diese überraschende Klage, welche auf eine Verlustangst hinweist, wird in der zweiten Strophe erklärt: Er möchte oder „sollt“ sogar das Mädchen wie ein priesterlicher Vater beschützen (Hände aufs Haupt legen, V. 5 f.) und dabei beten, „daß Gott dich erhalte / So rein und schön und hold.“ (V. 7 f.) Die Handauflegung ist in den Religionen „eine symbolische Geste der Übertragung von Segen, Kräften oder Vollmacht“ (wikipedia). In der damit verbundenen Bitte, Gott möge sie erhalten, sind die gleichen Adjektive wie in der 1. Strophe verwendet, nur in umgekehrter Reihenfolge; die Wiederholung nebst dem Gestus des bewahrenden Segnens verleiht dem Gedicht einen naiven Ton. Das Ich spricht so, als ob die dem schönen Mädchen zukommende Liebe es ruinieren könnte – als Liebhaber kommt der Ich-Sprecher kaum in Frage, da aus seinen Worten die reine Verehrung ohne jedes Begehren spricht.

Die gleiche Naivität finden wir in der Form des Gedichts, die typisch für Heine ist: Vier Verse pro Strophe, dreihebig mit freier Füllung und Auftakt (Ausnahme: „Betend“, V. 7, was dadurch einen großen Akzent bekommt); es wechseln weibliche und männliche Kadenzen, es reimen sich die jeweils 2. und 4. Verse in schlichter Weise (rein / hinein; sollt / hold) – beides führt zu einem ganz ruhigen Sprechen. Jeweils zwei Verse machen einen Satz aus, wenn man das Partizip „Betend“ (V. 7) zu „Ich bete“ auflöst; ganze vier Sätze, das ist das Gedicht.

Iris Radisch schrieb 2006 in der ZEIT über Heines Liebesdichtung:

„Gerade weil wir ihm die Romantik nicht mehr glauben, weil er uns auch immer wieder ermutigt, ihm kein Wort lang zu vertrauen, ihm kein Blümelein abzukaufen, hat er uns damit verzaubert.

»Die blauen Frühlingsaugen / Schaun aus dem Gras hervor / Das sind die lieben Veilchen / Die ich zum Strauß erkor«, das kann er sich leisten. Auch das: »Du bist wie eine Blume, / So hold und schön und rein; / Ich schau dich an, und Wehmut / Schleicht mir ins Herz hinein. // Mir ist, als ob ich die Hände / Aufs Haupt dir legen sollt, / Betend, daß Gott dich erhalte / So rein und schön und hold.« Das ist gesagt von einem, der weiß, dass es das alles nicht gibt und man das so auch nicht mehr sagen kann – und der doch diese ranzige Himmelsspeise noch ein bisschen nachschmeckt und wehmütig blättert in den alten Büchern, in denen von solch hygienischen Männerfantasien sehr viel die Rede war.

Das Publikum war und ist begeistert. Und man weiß nicht, ob es an dem tiefromantischen, volkstümlich unterkomplexen Klingeling seiner Gedichte oder dem sentimental-ironischen Umgang damit liegt. Das müssen wir auch nicht entscheiden. Entscheidend ist in dieser Sache etwas anderes. Nennen wir es Heines Spieltrieb. Andere haben es seine Wunde, seine tragische Ironie, sein Außenseitertum genannt. Er selbst sprach von dem »Weltriss«, der mitten durch sein Herz lief. Wir können ihn nicht mehr fragen, ob damit vor allem sein Judentum, sein Liebesleid, seine politische und religiöse Skepsis oder schlicht seine überlegene Intelligenz, sein Talent zur Desillusion, sein überragender Witz gemeint waren. Was es genau war, das es ihm unmöglich machte, auf Erden standesgemäß unterzukommen.“ (http://www.zeit.de/2006/08/L-Heine_Radisch)

http://www.heine-gedichte.de/interpretationen-und-analysen/du-bist-wie-eine-blume (naiv)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=Fm9bS9nmaQo (schmachtend geflüstert)

http://www.youtube.com/watch?v=SCjAulzLbYA (ähnlich, nur nicht geflüstert)

http://www.youtube.com/watch?v=IKp0AXFq3uw (Schumann: Jason Hardy)

http://www.youtube.com/watch?v=KQYe2RXfmls (Schumann: J. Norman)

http://www.youtube.com/watch?v=RUAgyrjm0co (Schumann: Ian Bostridge)

http://www.youtube.com/watch?v=4jrx6oJcrqc (Schumann: Karita Mattila)

http://www.youtube.com/watch?v=-mwGNpaNz0E (Schumann: Elisa Rethberg)

http://mp3hamster.net/muz/heinrich%20heine#.UZ4rd2QkYvU (Schumann: Terfel?) usw.

http://www.youtube.com/watch?v=Wh9JIN5tGNA (Liszt: Mirko Roschkowski)

http://www.youtube.com/watch?v=M_6CY_zDSXI (Hugo Wolf: Albena Kechlibareva)

Die Heimkehr (Text des Zyklus)

http://www.textlog.de/23125.html

http://www.heinrichheine.net/

http://users.telenet.be/gaston.d.haese/heine_die_heimkehr1.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Buch+der+Lieder/Die+Heimkehr

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