Heine: Donna Clara – Analyse

In dem abendlichen Garten…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/BdL/DonnaClara.html

http://de.wikisource.org/wiki/Donna_Clara

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Buch+der+Lieder/Die+Heimkehr/Do%C3%B1a+Clara

Die Romanze entstand im Jahr 1823; sie wurde in „Die Heimkehr“ in den Reisebildern 1826 veröffentlicht und dann 1827 ins „Buch der Lieder“ übernommen. An seinen Freund Moser schrieb Heine 1823, das Ganze der Romanze sei „eine Scene aus meinem eigenen Leben“, wobei der Berliner Tiergarten in den Garten des Alkalden verwandelt worden sei.

Vielleicht sollten wir zuerst zu klären versuchen, was eine Romanze ist. Eine Romanze ist ursprünglich eine Verserzählung, aus der spanischen Literatur stammend; in Deutschland wurde sie durch Herder populär, welcher überwiegend trochäische Verse darin verwendete, was dann zum Gattungsmerkmal wurde. In der Romantik galten Romanzen als ursprüngliche Volksdichtungen; Eichendorff, Brentano und Uhland schrieben Romanzen – erzählende Versdichtung war das einzige gemeinsame Merkmal, das ihnen blieb. Von der Mitte des 19. Jh. an wurden sie in Deutschland für parodistische Zwecken genutzt. (wikipedia)

Erzählt wird in der Romanze „Donna Clara“ von Donna Clara, der Tochter des Bürgermeisters, die sich in einen schönen Ritter verliebt. Sie denkt:

„Wie er stand so schlank und mutig,
Und die Augen leuchtend schossen
Aus dem edelblassen Antlitz,
Glich er wahrlich Sankt Georgen.“

Er steht dann vor ihr, und „Händedrückend, liebeflüsternd / Wandeln sie umher im Mondschein“; dabei kommt die Dame im Gespräch mehrfach, beinahe zwanghaft auf die Juden zu sprechen, die ihr verhasst sind, die den Heiland ermordet haben, die ein schmutziges Volk sind – worauf der Ritter jedesmal freundlich antwortet: „Laß die Mücken und die Juden…“, „Laß den Heiland und die Juden…“, „Laß die Mohren und die Juden…“ Wiederholt bekennt sie auf seine Nachfrage, dass sie ihn aufrichtig liebt. Es wird dann dezent angedeutet, dass die beiden miteinander schlafen. Als sie erwacht, fragt Clara ihn beim Abschied nach seinem Namen. Da bekennt er lächelnd, „der Sohn des vielbelobten, / Großen, schriftgelehrten Rabbi / Israel von Saragossa“ zu sein, also ein Jude. Damit endet das erzählte Geschehen – die Dame wäre nicht nur wegen ihrer Vorurteile vor dem Juden beschämt, nicht nur darin widerlegt (sein Aussehen war so gar nicht „jüdisch“), sondern zuerst und für sich selbst total konfus: Sie hat sich auf einen der verhassten Juden, der so ganz „unjüdisch“ war, eingelassen… Durch das offene Ende bleibt es uns überlassen, die Souveränität des Ritters zu bewundern oder uns die Bestürzung der Donna Clara auszumalen. – Verletzter jüdischer Stolz Heines hat das Gegenbild eines souverän den Antisemitismus düpierenden Ritters entworfen; die Liebesgeschichte ist die Verpackung, in welcher die Aufklärung über Antisemitismus den Lesern lehrhaft überreicht wird.

Aufbau der Erzählung: Die Situation der Donna Clara wird beschrieben (1. Str.); ihre Gedanken an den unbekannten Ritter werden berichtet (2.-4. Str.). Sie begegnet dem schönen Ritter und schmust mit ihm (5., 6. Str.). Erste Situation, in der sie auf eine Frage sich antisemitisch äußert und er das abtut (7.-9. Str.); zweite derartige Situation (10.-12. Str.); dritte derartige Situation (13.-15. Str.). Es folgt die Liebesbegegnung in der Laube (16.-18. Str.). Schluss-Szene: Erwachen, Frage nach dem Namen und Bekenntnis der jüdischen Identität (19.-22. Str.). Die 22 Strophen bestehen aus je vier reimlosen Versen von vier Trochäen; entweder zwei oder vier Verse machen jeweils einen Satz aus.

Reinhard Döhl hat die Romanze „Donna Clara“ in den Kontext von Heines Schaffen gestellt: „Es ist sicherlich kein Zufall, daß Heines erste hier einschlägige Romanze, „Donna Clara“ im Herbst 1823 entsteht, nachdem Heine, der eine eigentlich streng jüdische Erziehung nicht erhalten hatte, im Berliner „Verein für Kultur und Wissenschaften der Juden“ mitarbeitete und dabei mit Fragen der jüdischen Leidensgeschichte und der Judenemanzipation vertraut wurde. Beschränkte sich in der Tragödie „Almansor“ der tragische Konflikt noch ausschließlich auf Mauren und Christen, desgleichen, wenn auch ohne den tragischen Schluß, in der Romanze gleichen Titels, so faßt Heine in Berlin einmal den Plan zum „Rabbi von Bacharach“, entsteht zweitens die genannte Romanze „Donna Clara“, über deren ursprüngliches Konzept uns ein Brief Heines an Moses Moser vom 6. November 1823 wertvolle Hinweise gibt:

„In der Dir geschickten Romanze mußt Du, in der 5ten Strophe, den zweiten Vers verändern […] Es giebt einen Abraham von Saragossa; aber Israel fand ich bezeichnender. Das ganze der Romanze ist eine Seene aus meinem eigenen Leben, bloß der Thiergarten wurde in den Garten des Alkalden verwandelt, Baronesse in Senora, und ich selbst in einen heiligen Georgen oder gar Apoll! Es ist bloß das erste Stück einer Trilogie, wovon das zweite den Helden vor seinem eigenen Kind,,das er nicht kennt, verspottet zeigt, und das dritte zeigt dieses Kind als erwachsenen Dominikaner, der seine jüdischen Brüder zu Tode foltern läßt. Der Refrän dieser beiden Stücke korrespondiert mit dem Refrän des ersten Stücks; – aber es kann noch lange dauern ehe ich sie schreibe. Auf jeden Fall werde ich diese Romanze in meiner nächsten Gedichtesammlung aufnehmen. Aber ich habe sehr wichtige Gründe zu wünschen daß sie früher in keine christliche Hände gerathe; ich empfehle Dir daher, bei etwaigen Mittheilungen derselben, alle mögliche Behutsamkeit.“ […]

1. Ich habe bereits angemerkt, daß Privates durch das ganze Werk hindurch Teil an Heines Romanzen hat, und im Falle von „Bimini“ darauf verwiesen, daß sich die letzten Trochäen an den Autor selber wenden. Diese biographische Bezüglichkeit ist im Falle der „Donna Clara“ durch den Brief Heines an Moser konkret belegt, wenn sich heute auch nicht mehr herausfinden läßt, wer jene konkrete Baronesse war. Jedenfalls muß sich Heine gefühlt haben, wie der spanisch-jüdische Ritter, dessen Gespräch mit „Donna Clara“ derart Modellcharakter bekommt.

2. Heine hat nicht, wie ursprünglich geplant, die Romanze zu einer Trilogie erweitert. Das hat seinen Grund sicherlich auch in der weiteren Biographie Heines Ich verweise noch einmal auf seinen Übertritt zum Protestantismus; überhaupt das Fehlen weiterer Romanzen bis zum „Romanzero“. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist aber die 3teilige „Almansor“-Romanze noch aus dem Herbst 1825, die von der Taufe des Almansor ben Abdullah ‚erzählt‘ bzw. ihren (Traum)Folgen […]

Das muß für heute reichen, zu belegen, wie weit das maurisch-jüdisch-christliche Spanien für Heine fast den Charakter einer utopischen Zeit angenommen hat, einer Utopie, von der er wußte, daß sie – wörtlich übersetzt,- „Keinort“ heißt. Auf diesen Ort zielen, in dieser Zeit angesiedelt sind seine Romanzen. Ihre Herkunft aus Spanien, ihre Entstehungszeit, die Reconquista hatten dabei für ihn eine Aktualität, die sie für seine Vorläufer in der Romanzendichtung nicht hatten. Für diese waren sie eher ein ästhetisches Abenteuer. Für Heine wurden sie dagegen nach eigenem Bekunden „Literature engagèe“, waren sie Stellungnahmen des Dichters zu den religiösen Kontroversfragen seiner Zeit.“ (Döhl: Heines Romanzen)

Der Schluss des Zyklus „Die Heimkehr“ mit den Gedichten „Götterdämmerung“, „Ratcliff“, „Donna Clara“, „Almansor“ und „Die Wallfahrt nach Kevelaer“ gibt Rätsel auf, die ich (noch) nicht lösen kann.

Romanze

http://de.wikipedia.org/wiki/Romanze_(Literatur)

http://universal_lexikon.deacademic.com/44187/Romanze

http://www.zeno.org/Meyers-1905/A/Romanze?hl=romanze

Ballade, Bänkelsang, Legende – die ganze Vorlesung Reinhard Döhls aus dem WS 1992/93: http://www.reinhard-doehl.de/forschung/ballade/ballade_1.htm

Die Heimkehr (Text des Zyklus)

http://www.textlog.de/23125.html

http://www.heinrichheine.net/

http://users.telenet.be/gaston.d.haese/heine_die_heimkehr1.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Buch+der+Lieder/Die+Heimkehr

In der Analyse https://norberto42.wordpress.com/2013/05/14/heine-ein-fichtenbaum-steht-einsam-analyse/ stehen Links zum Verhältnis Heine – Judentum.

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