Heine: Leise zieht durch mein Gemüt – Analyse

Leise zieht durch mein Gemüt…

Text

http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/hei_h38.html

http://ingeb.org/Lieder/leisezie.html

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/NeueGedichte/index.htm (Neuer Frühling, 1831, darin VI)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1229 (dito, darin 6.)

Heine hat seine Gedichte mehrfach vermarktet; so steht die Sammlung „Neuer Frühling“ 1831 in der 2. Auflage der „Reisebilder“, 1844 dann in der Sammlung „Neue Gedichte“. „Neuer Frühling“ deutet als Titel vielleicht an, dass Heine nach der Julirevolution 1830 (Sturz der Bourbonen in Frankreich, die Bürger ergreifen mit einem liberalen König die Macht) sich in einem eigenen dichterischen Frühling für einen politischen Neuanfang stark macht. „Leise zieht durch mein Gemüt“ ist die Nr. 6 in diesem Zyklus.

Nach einer Mitteilung von J. B. Rousseau gab es ursprünglich noch eine 3. Strophe:

„Fragt sie, was es Neues gibt,

Sag ihr: gutes Wetter;

Fragt sie, wie es mir ergeht,

Sag: ich werde fetter.“

Diese 3. Strophe zerstört vollends den „romantischen“ Charakter der beiden ersten Strophen, welche jetzt das Gedicht ausmachen und für seine große Verbreitung gesorgt haben, wozu allerdings auch die Vertonung durch Mendelssohn-Bartholdy (1834) beigetragen hat.

Die Form ist die eines Volksliedes: Vier Verse pro Strophe im Trochäus, abwechselnd vier und drei Hebungen, abwechselnd männliche und weibliche Kadenzen; jeweils zwei Verse machen eine Sinneinheit aus. Der Kreuzreim ist durchweg unsauber, echt „volkstümlich“.

Das Gedicht spricht im Leser das an, wovon das lyrische Ich spricht: vom Gemüt und von dem, was in seinem Gemüt geschieht. Im „Damen Conversations Lexikon“ (4. Band, 1835) finden wir zum Stichwort „Gemüth“: „Gemüth ist hiernach zuerst das in Thätigkeit versetzte, moralische Empfindungsvermögen oder Gefühl; […] Diese verschiedenen Aeußerungen des Gemüthes heißen Gemüthsstimmungen, im erhöhteren Zustande Gemüthsbewegungen, im höchsten Leidenschaften. Die Quelle des Gemüthes ist das Blut, zur Gemüthlichkeit, d. i. zur leichten Reizbarkeit des Gemüthes (zu unterscheiden von Empfindlichkeit, der krankhaften Erregbarkeit desselben) scheint jene durch Klima besonders bedingte Mischung von Blut erforderlich, die sich eben so wenig allzu schnell verflüchtigt als zu strengflüssig ist, mit Einem Worte, jenes gemäßigte Temperament, das dem germanischen Volke eigen ist, wie allen ihm zunächst verwandten Menschenstämmen.“ Und „Herz“ wird folgendermaßen bestimmt: „die Oppositionsseite gegen den Verstand, in seiner Thätigkeit Gefühl gegen Klugheit, Gemüth gegen Ueberzeugung.“ (5. Band, 1835) So ist das liebliche Geläute (V. 2) eine leicht beschwingte Stimmung, der das lyrische Ich wünscht, sie möge als Lied klingen, „hinaus ins Weite“ (V. 4). Die Wiederholung des Wunsches „Klinge“ (V. 3, 4) wird in der 2. Strophe noch einmal aufgenommen (V. 5), das Adverb „hinaus“ wird wiederholt (V. 4, 5), klingt mit dem Binnenreim „ins Haus“ (V. 5) nach; die Bestimmung „Frühlingslied“ (V. 3) wird im Bild von den sprießenden Blumen entfaltet (V. 6). Dieses Bild wird mit der alten Metapher „Rose“ (V. 7, gleich „geliebtes Mädchen“) aufgenommen; der Rose kommt dann der (Liebes)Gruß zu (V. 8). Der  Auftrag „sag [ihr]“ (V. 8) macht überdeutlich, dass die Rose ein Mensch ist, eben das geliebte Mädchen.

Es reimen sich „Gemüt“ auf „Frühlingslied“ und „Geläute“ auf „ins Weite“ passend (V. 1-4); auch dass das als Du angesprochene Lied (V. 3 ff.) „bis an an Haus / schaust“, ist eine sinnvoller Reim, und „Blumen sprießen / sie grüßen“ (V. 5 ff.) leuchtet allemal als Zusammenhang ein.

Wir haben also ein kleines Gedicht einfacher Personifikationen, Bilder und Reime im Volksliedton vor uns, sodass es kein Wunder ist, wenn es (vielleicht entgegen der ersten Intention Heines, siehe die alte 3. Strophe!) in einer gelungenen Vertonung wirklich zu einer Art Volkslied geworden ist. Als solches ist es dann fortgedichtet worden (eine Strophe von Hoffmann von Fallersleben eingeschoben, zwei Strophen im „Volkslied“ angehängt). Das bringt es dann mit sich, dass es auch parodiert wird.

Weniger eine Parodie als eine imitatorische Polemik sind folgende Verse von Alexander Czoppelt:

Californian Dream

Lärmend dringt in mein Gehör

grässliches Geknatter:

ein Millionen-Autoheer

flutet, wird nie matter.

 

Braust hinaus ins Disneyland,

wo die Schlösser blinken,

wo ein jeder Mickey kennt

und die Zwerge winken.

Vortrag

http://www.lutzgoerner.de/gdt/374/ (Lutz Görner)

http://www.zeit.de/kultur/musik/2011-03/volkslieder-folge-32 (als Lied: Stella Doufexis)

http://www.youtube.com/watch?v=vWInkv8kXj4 (Mendelssohn-Bartholdy: ?)

http://www.youtube.com/watch?v=_ybSmjEUMq0 (Mendelssohn-Bartholdy: Elisabeth Kulman)

http://www.youtube.com/watch?v=U6aKWhruPuM (dito: Dresdner Kreuzchor)

http://www.youtube.com/watch?v=L220EFZLHgE (dito: Ingmar Burghardt)

http://www.youtube.com/watch?v=PbLyTKqbls4 (dito: Esther Ofarim)

http://www.kulturumsonst.com/volkslieder/kleines_lied.php (dito: Detlef Cordes)

http://www.youtube.com/watch?v=DzwgjShQq-Y (dito: Chor Mittweida) usw.

http://www.youtube.com/watch?v=rGSrq13uHOE (Loewe: Christian G. Ebert)

Rezeption

http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten/kultur/ueberregionale-kultur_artikel,-Leise-zieht-durch-mein-Gemuet-_arid,132052.html

http://www.garten-literatur.de/Leselaube/heinezi.htm

http://www.karl-may-gesellschaft.de/kmg/alg/m-alg/m18/27_2.htm („witzige“ Interpretation)

http://www.keinverlag.de/texte.php?text=247516 (Parodie)

http://universal_lexikon.deacademic.com/265781/Leise_zieht_durch_mein_Gem%C3%BCt (dito)

http://www.volksliederarchiv.de/text511.html (Erweiterung zum „Volkslied“: 4 Strophen)

http://www.lieder-aus-der-ddr.de/leise-zieht-durch-mein-gemut-2/ („Lieder aus der DDR“)

http://www.recmusic.org/lieder/get_text.html?TextId=7548 (Übersicht: Vertonungen)

http://www.lieder-archiv.de/leise_zieht_durch_mein_gemuet-notenblatt_300045.html (Noten: Mendelssohn-Bartholdy)

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