Heine: Fragen – Analyse

Am Meer, am wüsten, nächtlichen Meer…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/BdL/Nordsee2-07.html

http://de.wikisource.org/wiki/Fragen

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Buch+der+Lieder/Die+Nordsee/Zweiter+Zyklus/7.+Fragen

Das Gedicht steht im „Buch der Lieder“ (1827), dort in „Die Nordsee“, Zweiter Zyklus Nr. VII. Halten wir uns an die Erstausgabe, dann haben wir drei Strophen vor uns.

Es wird von einem namenlosen Erzähler eine Situation beschrieben: Ein junger Mann steht am Meer (V. 1-4). Er wird so „düster“ beschrieben, dass man beinahe den Eindruck einer Satire hat. Das Meer ist wüst, sagt der Erzähler (V. 1), „wild“ oder „aufgepeitscht“ wäre normal; der Mann ist ein „Jüngling-Mann“ (Neologismus), also kein richtiger Mann. Ihn erfüllen Wehmut und Zweifel, was nicht recht zueinander passt: Wehmut ist „ein hoher Grad der Traurigkeit, derjenige Zustand der Seele, da sie auf allen Seiten von unangenehmen Empfindungen angegriffen wird, ohne doch denselben unterzuliegen [zu unterliegen, N.T.]“ (Adelung); wenn sich die Wehmut mit Zweifeln verbindet, sind es eben keine echten gedanklichen Zweifel, sondern die Zweifel der Jugendkrise. Dementsprechend werden seine Fragen „mit düstern Lippen“ (eine Art Synästhesie) gestellt – die Lippen korrespondieren dem „wüsten, nächtlichen Meer“.

In wörtlicher Rede wird in der 2. Strophe berichtet, was er die Wogen fragt. Das ist ein Versuch, der in sich schon zum Scheitern verurteilt ist – die Wogen können nicht denken und sprechen; die hilflos-vergebliche Flucht in die „Natur“ ist in der Sicht des Erzählers auch eine Kritik an der Romantik. Der Jüngling bittet sie, das „qualvoll uralte Rätsel“ des Lebens zu lösen (V. 5 f.); seine Worte verraten die Unklarheit seines Denkens, weil Rätsel zwar alt, aber nicht „qualvoll uralt“ sein können – qualvoll ist vielleicht sein Fragen oder seine Ungewissheit, aber nicht das Rätsel. Er zählt dann die Häupter auf, welche schon darüber gegrübelt haben; damit zeigt er sich selber, wie alt das Rätsel und wie berechtigt seine Frage ist. Dass es „ schwitzende Menschenhäupter“ (V. 11) waren, zeigt dem Leser, wie verkehrt ihr Grübeln war: Beim Denken schwitzt man nicht. Der Jüngling formuliert dann die große Frage in vier Versionen: „Sagt mir, was bedeutet der Mensch? […] Wer wohnt dort droben auf goldenen Sternen?“ (V. 12-14) Die letzte Frage parodiert Schillers „Ode an die Freude“ (1786):

Ihr stürzt nieder, Millionen?
          

Ahndest du den Schöpfer, Welt?

Such’ ihn überm Sternenzelt,

über Sternen muß er wohnen.

[…]

Duldet mutig, Millionen!
          

Duldet für die beßre Welt!
          

Droben überm Sternenzelt

wird ein großer Gott belohnen.“

Niemand wohnt auf goldenen Sternen, weiß der Leser, wenn der Jüngling so naiv fragt. Heine selbst hat die Fragen oft und in vielerlei Hinsicht beantwortet. Im Gedicht „Doctrin“ (1844) lautet seine Antwort:

„Schlage die Trommel und fürchte dich nicht,
Und küsse die Marketenderin!
Das ist die ganze Wissenschaft,
Das ist der Bücher tiefster Sinn.“

Im Gedicht „Fragen“ antworten weder Heine noch der Erzähler; doch dieser sagt sehr deutlich, was er von den Jünglingsfragen hält. Zunächst beschreibt er in der 3. Strophe die nicht antwortende Natur: Die Wogen murmeln „ihr ew’ges Gemurmel“ (V. 15), sprechen aber nicht; Wind Wolken und Sterne „tun“ das, was sie immer tun – nichts, da sein. Der Erzähler bewertet das Blinken der Sterne als „gleichgültig und kalt“ und nimmt so selber Stellung zu den Fragen. Noch deutlicher wird er im Schluss-Satz: „Und ein Narr wartet auf Antwort.“ (V. 18) Wer von nichts sagenden Elementen eine Antwort erwartet, ist in der Tat ein Narr. Der Erzähler geht mit dem letzten Satz sogar noch weiter: Wer überhaupt eine Antwort erwartet, ist ein Narr. Spräche er weniger hart, sagte er vielleicht: Wenn man selber seinem Leben eine Richtung gibt, fragt man nicht mehr nach dessen Sinn; aber das könnte der Jüngling nicht verstehen, weil er noch eine ihm vorgegebene Richtung sucht. Vielleicht hat man ihm auch zu lange vorgeredet: „Duldet mutig, Millionen! 
Duldet für die beßre Welt!“
 Den ideologisch beschwatzten Leuten muss man allerdings erklären, was der Mensch bedeutet und wohin sie selber gehen.

Hier hat Heine ein Gedicht ohne Takt und Reim geschrieben. Wiederholungen (am Meer), Doppelungen (wüst, nächtlich), Parallelen (die Brust, das Haupt, V. 3), Aufzählungen (V. 8-12), Häufung (die Fragen, V. 12-14), Alliteration (wehet, Wind, V. 16), Wiederholung des gleichen Wortstamms (murmeln, Gemurmel (V. 15), Anaphern (Es…, V. 16 f.) machen den rhetorischen Schmuck des prosaischen Textes aus.

Die Qual des Jünglings ist satirisch überzeichnet – was nicht heißt, dass manche Jünglinge nicht so heftig leiden, wie es hier beschrieben ist. Das Gedicht wird heute noch viel zitiert und gebraucht – teilweise anders, als Heine sich das wohl vorgestellt hat. Aber dagegen ist jedermann machtlos, der einen Text veröffentlicht.

http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Heine/lieder3.htm (Ansatz einer Interpretation)

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=scgTWwREh7A (Eva Silvia Fechner)

Sonstiges

http://uniregensburgsvk.tripod.com/humanism.html (Replik auf Heines Gedicht)

http://wwwu.uni-klu.ac.at/hstockha/neu/Think_mensch.pdf (Peter Heintel: Was ist der Mensch?)

http://homepages.uni-tuebingen.de/gerd.simon/GeisslerWortkunst.pdf (Wortkunst als Rassenausdruck, 1938, dort S. 12 f.: Heine vs. M. Claudius!)

http://www.european-coaching-association.de/i/57%20%20eca%20fachartikel%20-%20das%20menschenbild%20-%20leitbild%20im%20coaching.pdf (Heine im Berufsbild des Coachs)

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