Heine: Wo? – Analyse

Wo wird einst des Wandermüden…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/HeineNachlese/wo.htm

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem&ds=4874&id=4957 (hier die Fassung von 1983!)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1228

Dieses nachgelesene Gedicht steht seit 1901 auf Heines Grab in Paris auf dem Montmartre; entstanden vermutlich zwischen 1830 und 1840, wurde es nicht gedruckt, stammt also aus dem Nachlass Heines. Die Überschrift „Wo?“ stammt von Strodtmann.

Es spricht ein lyrisches Ich, das auf seinen Tod vorausblickt (V. 1 f.), wenn er auch noch in weiter Ferne zu sein scheint („einst“, V. 1). Das Ich begreift sein Leben als Wanderung; Wanderung und Weg sind alte Metaphern für das Leben und weisen es als eines aus, das ein Ziel hat. In der Romantik hat das Wandern freilich gegenüber dem Daheimbleiben einen Wert in sich selbst gefunden: als die Form des suchenden Lebens, das in die Ferne strebt. „Wanderung wie auch Reise symbolisieren die Überwindung von Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Lebensweges, das Bestehen von Prüfungen und Gefahren (Initiation) und die Suche nach Vollständigkeit der Persönlichkeit. Wanderung und Reise sind uralte Symbole für den Individuationsprozess und Symbole für seelische Wandlung und Veränderung: Im archetypischen Motiv des Heldenmythos begibt sich der Held / Heldin, der meist ein Wanderer ist, sich in einen inneren Entwicklungsprozess, äußerlich repräsentiert durch eine Wanderung /Wanderschaft.“ (symbolonline) Am Ende der Wanderung ist der Wanderer müde, er findet im Grab die letzte Ruhestätte. „Er ruhe in Frieden“ (requiescat in pace) ist auch ein christlicher Grabwunsch. Wo also das eigene Grab stehen wird, fragt das lyrische Ich.

Danach spielt es gegensätzliche Möglichkeiten durch, wo das sein könnte: im Süden (unter Palmen) – am Rhein (unter Linden); in einer Wüste – an der Küste (V. 3 ff.). Wenn der Ort auch ungewiss ist, tröstet das Ich sich („Immerhin“, V. 9) mit zwei Gewissheiten, die es in der letzten Strophe verkündet: Es wird sicherlich unter dem „Gotteshimmel“ liegen und unter den Sternen als seinen „Todtenlampen“. „Gotteshimmel“ ist weniger religiös konnotiert als „Gottes Himmel“; analog zu den Sternen (V. 12) ist es einfach „der Himmel“ im Sinn von „Himmelszelt“, mit ganz leicht religiöser Färbung. Ob man dies eine romantische Naturfrömmigkeit nennen soll?

Die Form des Gedichtes entspricht dem bei frühen Heine Üblichen: Vier Verse pro Strophe, hier mit einem vierhebigen Trochäus, mit abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen, Kreuzreim; da nach jeweils zwei Versen ein Sinnabschnitt bzw. ein Satz endet, finden sich nur wenige sinnvolle Reime, etwa in V. 5/7 (Wüste/Küste), 9/11 (umgeben/schweben), eventuell noch 10/12 (dort wie hier/über mir). Ansonsten ist das Gedicht von der w-Alliteration bestimmt, und zwar im ersten Vers jeder Strophe (Wo, wird, Wandermüden usw.).

Einen Vorausblick auf den eigenen Tod gibt es als Motiv auch sonst öfter bei Heine, etwa in den  Gedichten „Mein süßes Lieb, wenn du im Grab“, „Lebensgruß“ oder „Der Tod, das ist die kühle Nacht“. An seinen Freund Christian Sethe schrieb er am 1. September 1825 aus Norderney: „Es ist ein mißmüthiges Wetter, ich höre nichts als das Brausen der See – O läg ich doch begraben unter weißen Dünen. – Ich bin in meinen Wünschen sehr mäßig geworden. Einst wünschte ich begraben zu seyn unter einer Palme des Jordans.“

Wer noch mehr Parallelen finden möchte, sollte die Analyse Joseph A. Kruses zu Rate ziehen: „Frage und Antwort“, in: Interpretationen. Gedichte von Heinrich Heine, RUB 8815 (1995), S. 167 ff. Wenn das Gedicht nicht auf Heine Grab stände – ich weiß nicht, ob es dann in den Kanon seiner Gedichte gekommen wäre; immerhin hat er selber es nicht veröffentlicht.

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=04alezTd1GA (mit Gitarre, Robert Stadler?)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s