Heine: Nachtgedanken – Analyse

Denk ich an Deutschland in der Nacht…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1249

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/heine-denk-ich-an-deutschland-in-der-nacht-11296559.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Neue+Gedichte/Zeitgedichte/24.+Nachtgedanken

„Zeitgedichte“, Text

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Neue+Gedichte/Zeitgedichte

http://gutenberg.spiegel.de/buch/5941/1

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/NeueGedichte/index.htm (dort am Ende)

„In Frankreich beginnt Heine seine Einsicht in politische und gesellschaftliche Aspekte seiner Zeit journalistisch und literarisch zu artikulieren. Der Schwerpunkt seiner literarischen Arbeit verlagerte sich auf journalistische und literarische Prosa. Sein Hauptinteresse galt nicht mehr der Lyrik. […] Nach 1840 wendet sich Heine wieder verstärkt der Versdichtung zu. 1842 entsteht das Gedicht „Doktrin“, das er an den Anfang der Zeitgedichte, den letzten Zyklus der Neuen Gedichte stellt, die er 1844 veröffentlicht. Hier wird versucht, die eigene weltanschauliche Position, die Lebenshaltung zu bestimmen. Als Trommler vorangehen, so beginnt Heine seine revolutionär-optimistische Selbstbeschreibung.“ (Dorothea Istock)

Damit kommen wir zum Gedicht „Nachtgedanken“, 1843 entstanden und in der „Zeitung für die elegante Welt“ veröffentlicht, das ursprünglich zu „Deutschland. Ein Wintermärchen“ überleiten sollte und heute das letzte Gedicht des Zyklus „Zeitgedichte“ in „Neue Gedichte“ (1844) ausmacht, also mit „Doktrin“ zusammen die Klammer der „Zeitgedichte“ bildet.

Aufbau des Gedichts: Die 1. und 10. Strophe bilden eine Klammer: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, / Dann bin ich um den Schlaf gebracht…“  – „Gottlob! Durch meine Fenster bricht / Französisch heitres Tageslicht…“ Diese Klammer ist von Kontrasten bestimmt: Deutschland, Sorgen, Nacht – Frankreich, Heiterkeit, Licht. Das Licht, das in Frankreich leuchtet, ist auch das Licht der Revolutionen von 1789 und 1830. Aus der 2. Strophe kommt ein weiterer Kontrast (alte Mutter – schöne Frau) hinzu. Zwischen diesen beiden Klammerstrophen steht, an was das lyrische Ich denkt, wenn es an Deutschland denkt.

Das ist zuerst die alte Mutter (2. – 5. Str.), in der man Heines eigene Mutter in Hamburg erkennen kann, die er im Herbst 1843 endlich besuchen konnte (siehe „Deutschland. Ein Wintermärchen“, 1844). Es folgt dann in Str. 6 und 7 ein neuer Kontrast: Deutschland hat ewigen Bestand – die alte Mutter kann sterben. „Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr, / Wenn nicht die Mutter dorten wär; / Das Vaterland wird nie verderben, / Jedoch die alte Frau kann sterben.“ (V. 25 ff.) Über diese Verse wird gleich noch zu sprechen sein. An den letzten Vers und das Stichwort „sterben“ schließen die beiden folgenden Strophen an: Es sind bereits viele, die das Ich geliebt hat, in den letzten zwölf Jahren gestorben – die 12 ist die Zahl, die das Ich wiederholt (V. 7, 18, 19), als es die Jahre der Trennung von der Mutter (und vom Vaterland) herausgestellt hat. Am Schluss der 9. Strophe leitet der Sprecher dann zur 10. über: „Gottlob, sie weichen!“

Nimmt man das Gedicht für sich allein, so ist es wesentlich von nächtlichen Sorgen um die alte Mutter in Deutschland bestimmt – um Deutschland selbst braucht das Ich sich nicht zu sorgen (6. Str.). Diese Lesart entspricht der Entstehungsgeschichte: In der ersten Arbeitsphase war es ein im Wesentlichen privates Gedicht, in dem Deutschland nicht vorkam. Zu der privaten Lesart passt aber die letzte Strophe nicht so recht, weil die Sorgen um die alte Mutter nicht von der schönen Frau einfach weggelächelt werden können.

Man muss das Gedicht – ein methodisches Prinzip bei Heines Gedichtzyklen! – in den Kontext seines Zyklus stellen und diesen deshalb tatsächlich auch lesen. Beginnen wir mit Nr. 1 „Doktrin“; aus Nr. 2 zitiere ich V. 21: „Ich will mein volles Freiheitsrecht“; ich verweise auf Nr. 6 „Bei des Nachtwächters Ankunft in Paris“, wo die Rede des Nachtwächters Anklage der deutschen Zustände in Form einer Satire ist (vgl. dazu auch Nr. 19); Nr. 10 „Lebensfahrt“ stellt eine Parallele zu Nr. 24 dar, ebenso Nr. 12 „Georg Herwegh“ (eine Fahrt nach Deutschland). Nr. 13 „Die Tendenz“ behandelt die Aufgabe des Sängers in finsteren Zeiten (vgl. Nr. 23!); eine Satire ist wieder Nr. 15 „Verheißung“; dann verdient noch Nr. 20 „Zur Beruhigung“ Beachtung – ich habe oben verlinkt, wo man die „Zeitgedichte“ finden kann. Wenn man diese von mir genannten anderen Zeitgedichte heranzieht, ergibt sich für die Str. 6 der „Nachtgedanken“ eine ironische Lesart: Deutschland ist krank, lebt in der Finsternis von Zensur und Unterdrückung, während in Frankreich das Licht der Freiheit leuchtet. [Damit gibt es zwei Lesarten für die 6. Strophe: (a) Deutschland „mit seinen Eichen, seinen Linden“ ist das romantisch-reaktionäre Deutschland, welches „ewigen Bestand“ hat; (b) Deutschland ist das Vaterland, welches (ironisch) „ewigen Bestand“ hat, also zutiefst gefährdet ist. Im Fall (a) stände dieses Deutschland im Kontrast zur alten Mutter, im Fall (b) stände es parallel zur alten, gefährdeten Mutter.] Mit dem Hinweis auf Frankreich und die eigene Frau neben der alten Mutter stellt Heine sich recht deutlich als das persönlich gemeinte lyrische Ich vor.

Die Form des Gedichtes ist originell: Vier Verse pro Strophe, vierhebige Jamben, Paarreim mit zuerst männlichen, dann weiblichen Kadenzen (eine Silbe mehr). Gelegentlich ist die erste Silbe gegen den Takt betont: Denk (V. 1), Zwölf (V. 7, 18, 19), Deutsch- (V. 21), evtl. Seit (V. 29). Die Paarreime sind oft semantisch sinnvoll, z. B. „in der Nacht / um den Schlaf gebracht“ (V. 1 f.); „Hand gezittert / Mutterherz erschüttert“ (V. 15 f.) usw., manchmal auch etwas holpriger (V: 13 f., V. 23 f. u.a.). Jan-Christoph Hauschild geht in seiner Analyse auch auf die Klangstruktur des Textes ein (in: Interpretationen. Gedichte von Heinrich Heine, RUB 8815, S. 134 ff.); was Hauschild zum Gebrauch und Missbrauch der Eingangsverse schreibt (S. 137 ff.), wird leicht durch einen Blick ins Internet bestätigt, wo man heute ja bequem einen Zugriff auf solche Zitate hat.

Eigentlich müsste man auch noch „Deutschland. Ein Wintermärchen“ zum vollen Verständnis des Gedichts „Nachtgedanken“ heranziehen; aber das würde nun wirklich zu weit führen – eine Interpretation des isolierten Gedichts kann jedenfalls beinahe nur scheitern, wie ein geplagter Referendar (s. unter „Sonstiges“) erfahren musste. Die Schüleranalysen zeigen, dass das Gedicht im Deutschunterricht präsent ist, aber nicht methodisch sauber erarbeitet wird.

http://de.wikipedia.org/wiki/Nachtgedanken (sehr knapp)

http://www.lyrik-und-lied.de/media/FA/typ/4979/Kommentar_nachtgedanken.pdf (zur Entstehungsgeschichte)

http://www.abipur.de/referate/stat/668148199.html (geht ins Detail, rhetorisch lehrreich)

http://www.lehrer-online.de/nachtgedanken.php (lehrer-online: Anleitung zur Analyse – medienorientiert, holt in der Zeitgeschichte weit aus)

http://www.loehrschule.de/files/graf/Gedichtinterpretation%20Nachtgedanken.pdf (hilflose Paraphrase)

http://users.minet.uni-jena.de/~chrbayer/schule/files/deutsch/Int-Heine_Nachtgedanken.pdf (beinahe genauso hilflos)

http://gk-deutsch.blogspot.de/2010/03/heinrich-heine-nachtgedanken.html (Stichwortsammlung einer Schülerin des Gymnasiums Amberg, bayerisch, hilflos)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=vP0KlFvRtjQ (Jürgen Hentsch)

http://www.vorleser.net/hoerbuch.php?id=heine_nachtgedanken (gut)

http://www.youtube.com/watch?v=x7Nc0srEhN4 (?, überaus mäßig)

Sonstiges

http://ueberlebenimreferendariat.wordpress.com/tag/nachtgedanken/ (Bericht eines Referendars von seinem Unterricht)

http://ueberlebenimreferendariat.wordpress.com/tag/nachtgedanken/ (Aktualisierung)

http://www.keinverlag.de/texte.php?text=53174 (Adaption: „Taggedanken“)

http://www.zum.de/Faecher/D/BW/gym/Heine/winter.htm (Übersicht: „Deutschland. Ein Wintermärchen“)

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