Heine: Die schlesischen Weber – Analyse

Im düstern Auge keine Träne…

Text

http://de.wikisource.org/wiki/Die_armen_Weber (1. Fassung, vgl. http://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/EAEZ56P4H2AIBXD5HY4N4UXYFO5NL27P):

Die armen Weber

Im düstern Auge keine Thräne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne;
Alt-Deutschland wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch.
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, dem blinden, dem tauben,
Zu dem wir gebetet mit kindlichem Glauben
Wir haben vergeblich gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt.
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der uns den letzten Groschen erpreßt
Und uns wie die Hunde erschießen lässt.
Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo nur Verwesung und Todtengeruch;
Alt-Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben, wir weben!

http://de.wikisource.org/wiki/Die_schlesischen_Weber (2. Fassung des Textes)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1250 (2. Fassung)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Nachlese/Zeitgedichte/Die+schlesischen+Weber (2. Fassung)

Das Gedicht Heinrich Heines erinnert an den Aufstand der schlesischen Weber im Juni 1844, der sich gegen die zunehmende Verarmung und niedrige Löhne richtete. Fabrikantenvillen und Fabriken wurden attackiert, schließlich schickte die Herrschaft das preußische Militär zur Niederschlagung der Revolte. Dessen Eingreifen mit elf Toten und dutzenden Verletzten ließ die Situation außer Kontrolle geraten – es folgten Plünderungen und das Militär musste vor der mit Stöcken und Steinen bewaffneten Menge zurückweichen. Nach Eintreffen von Verstärkung wurde der  Aufstand niedergeschlagen; zahlreiche Weber wurden verhaftet und zu Zuchthaus, Festungshaft bzw. Peitschenhieben verurteilt.

Das Gedicht wurde zunächst in dem von Karl Marx redigierten „Vorwärts! Pariser deutsche Zeitschrift“ (Nr. 55 vom 10.7.1844) unter dem Titel „Die armen Weber“ gedruckt. Später wurde das „Weberlied“ als Flugblatt in einer Auflage von 50.000 Stück in den Aufstandsgebieten verteilt, also unmittelbar für die politische Agitation eingesetzt. 1846 verfasste Heine für Hermann Püttmanns „Album“ eine revidierte fünfstrophige Fassung, die auf den heutigen Namen „Die schlesischen Weber“ lautete, die heute allgemein verbreitet ist und auch dieser Analyse zugrunde liegt.

Der Sprecher beschreibt zunächst die in der Überschrift benannten Weber: „Im düstern Auge keine Träne…“ (V. 1 f.). Dass sie keine Tränen zeigen, weist darauf hin, dass sie zu handeln entschlossen sind (statt zu weinen); der Singular „Auge“ fasst ihrer aller Augen als gleichermaßen düster zusammen – dabei lässt das Attribut „düster“ nichts Gutes erwarten. „Sie sitzen am Webstuhl“ (V. 2), sie gehen also ihrer Arbeit nach, „und fletschen die Zähne“: Das ist bei Tieren, speziell bei Hunden und Wölfen der Ausdruck der Aggression, der Kampfbereitschaft; es werden die Zähne gezeigt, mit denen zugebissen werden kann. Nehmen wir das Verb als Metapher, dann zeigt es die wilde Kampfbereitschaft der Weber an. Der Doppelpunkt hinter V. 2 macht es zugleich zu einem Verb des Sprechens; es folgt eine längere Äußerung der Weber, wie man am Wechsel des Personalpronomens (von „sie“ zu „wir“) merkt.

Sie sprechen „Deutschland“ an – sie haben also eine politische Botschaft auszurichten; die beiden Verse 3 f. werden in der 5. Strophe wiederholt (V. 23 f.), allerdings heißt das angesprochene Land dort „Altdeutschland“, wie es in der 1. Fassung des Gedichts bereits in V. 3 genannt wurde – „Altdeutschland“ steht im Kontrast zum „Jungen Deutschland“, dessen Schriften 1835 auf Beschluss des Deutschen Bundestages der Fürsten verboten wurden; „wir weben dein Leichentuch“ (V. 3), ist der erste Satz ihrer Botschaft. Das heißt, dass Deutschland bald sterben wird oder bereits tot ist. Wieso es so schlimm um Deutschland steht, ist vorerst noch offen

Das Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon erklärt in Band 4, 1841, wie das Weben vor sich geht. Im Weben des Leichentuchs kann man eine satirische Umkehrung dessen erblicken, was der Erdgeist in Goethes „Faust“ (V. 501 ff.) tut: der Gottheit lebendiges Kleid herstellen. Das Leichentuch ist „ein schwarzes, an einigen Orten auch weißes Tuch, womit der Sarg der Leiche bey dem Begräbnisse bedeckt wird“ (Adelung). Ein Fluch ist ein „Ausspruch, wodurch Einer dem Anderen alles Unheil u. Übel anwünscht“ (Pierer’s Universal-Lexikon, 1858); „Die heftige Anwünschung eines großen Übels“ (Adelung); „Ein Schwur bey einer göttlichen Strafe“ (Adelung). Der Tod Deutschlands könnte die mit dem Fluch angedrohte Strafe sein. Das wiederholte „wir weben!“ klingt wie eine Drohung, zumal da es sich auf das Hineinweben des Fluchs ins Leichentuch bezieht; es wird nach jeder Strophe wiederholt und findet sich insgesamt 15mal im Gedicht, der ostinate Bass der Drohung.

In den folgenden drei Strophen erklären die Weber, was sie mit ihrem dreifachen Fluch meinen, wem dieser gilt (V. 6 ff.):

  • dem Gott, zu dem wir gebeten;
  • dem König der Reichen;
  • dem falschen Vaterland.

„Mit Gott für König und Vaterland“ war die Devise des 1813 gestifteten preußischen Landwehrkreuzes; der Satz wurde später von preußischen Soldaten in Schlachten vor dem Angriff des Gegners gerufen. Hier sind die drei Größen Gott, König, Vaterland diejenigen, denen der Fluch gilt. Aber man muss genau lesen: Es sind nur das falsche Vaterland, nur der König der Reichen, nur der bisher angebetete erbarmungslose Gott, von denen die Weber sich mit ihrem Fluch lossagen. Damit ist impliziert, dass es ein wahres Vaterland, einen guten König und einen segensreichen Gott gibt oder geben kann und soll; wenn man nicht auf andere Werke Heines zurückgreifen will, lässt sich das am einfachsten für das Vaterland zeigen: „falsches Vaterland“ impliziert „richtiges Vaterland“ als Gegenbild, „Altdeutschland“ impliziert „neues Deutschland“.

Gott: Das ist hier der „christliche“ Gott, der im Bündnis von Thron und Altar die Macht segnete und genauso erbarmungslos wie der König der Reichen auf das notleidende Volk schaut, dem sogar Täuschung des Volkes in der Enttäuschung von dessen Hoffnung vorgeworfen wird. Hier sind die Aufzählungen von V. 8 und 9 besonders eindrucksvoll (Partizip II). König: Der ist noch erbarmungsloser, er gibt nicht nur nicht, sondern nimmt den Notleidenden noch „den letzten Groschen“ ab und lässt sie „wie Hunde erschießen“ (V. 14; vgl. das Zähnefletschen als Antwort darauf, V. 2). Vaterland: Das ist das Vaterland, in dem dieser König regiert und dieser Gott angebetet wird; deswegen gedeihen dort nur „Schmach und Schande“ (Alliteration, Aufzählung – sachlich eher unbestimmt). Schmach ist „Die thätige, kränkende Erweisung des Urtheils von der geringen, verächtlichen Beschaffenheit eines andern“ (Adelung); die Behandlung der armen Weber ist in sich schon Schmach oder Schmähung ihrer Menschenwürde. „Schande“ hat viele Bedeutungen; hier kommt am ehesten in Frage „Körperliche Verunstaltung und Verstümmelung, eine Verletzung, wodurch ein Ding seine gehörige Gestalt auf eine sehr merkliche Art verlieret“ (Adelung). Solche Schändung der Menschen bewirkt, dass das Leben erstirbt (V. 18 f., wieder eine Doppelung). Das neue Deutschland wäre also das Vaterland, in dem die Armen nicht vergebens auf Hilfe hoffen; nicht vom König ausgebeutet werden; ihr Leben entfalten können.

In der letzten Strophe beschreiben die Weber drohend, wie sie „emsig“ an der Herstellung des Leichentuchs arbeiten (V. 21 f.); die beiden kurzen asyndetischen Hauptsätze („Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht“, V. 21), ohne jede weitere Angabe, bilden den Rhythmus ihrer Arbeit ab; unaufhörlich geht es vorwärts mit dem Weben. Im Verb „kracht“ höre ich keine Anspielung auf revolutionäre Ereignisse, sondern nur die Intensität des Webens. Dieses Stichwort wird in V. 23 f. als minimal abgeänderte Wiederholung von V. 3 f. aufgegriffen: Nichts kann sie darin aufhalten, das Leichentuch zu weben: Der Tod Altdeutschlands ist gewiss.

Mit dieser Wiederholung wirken die 1. und 5. Strophe noch deutlicher als Klammer der drei mittleren Strophen, in denen die drei Flüche entfaltet werden. Der Takt im Gedicht ist volkstümlich: In vier Versen jeder Strophe gibt es vier Hebungen mit freier Füllung und Paarreim; im fünften Vers steht das zweihebige „Wir weben, wir weben!“ Damit bekommt der fünfte Vers (in Parallele zu den vierhebigen Versen) mehr Zeit zugebilligt, mit ihm wird eine Pause erzeugt. Die Reime sind durchweg sinnvoll; meistens entsprechen die reimenden Wörter im Sinn einander, weil auch jeweils zwei Verse eine Sinneinheit bilden. So ist in Deutschland die Blume geknickt / der Wurm wird erquickt (V. 17 f.), usw.; einmal gibt es eine leicht gegensätzliche Entsprechung: Wir haben vergeblich geharrt / der Gott hat uns genarrt (V. 8 f. – durch „vergeblich“ wird wieder die Gleichheit hergestellt). Alliterationen, anaphorische Wiederholung von Vers- und Strophenanfängen, Kontrastbildungen, Drei- und Fünfgliederungen unterstützen das Stakkato des kurzen Satzes „Wir weben“. Die Verbform „gebeten“ statt „gebetet“ (V. 6) passt als unsauberer Reim zu „-nöten“, wirkt in ihrer grammatischen Falschheit aber auch volkstümlich. Die breite Rezeption (s. unten: viele Schülerinterpretationen, Vortrag!) bezeugt, dass Heine ein großes Gedicht gelungen ist.

Wenn man die 1. Fassung („Die armen Weber“) mit der späteren („Die schlesischen Weber“) vergleicht, bemerkt man Folgendes: Die ersten drei Strophen sind im Wesentlichen gleich; in der 4. Strophe sind die beiden ersten Verse erhalten geblieben, V. 18 ist zu V. 18 f. ausgebaut worden; V. 19 ist zu V.23 f. ausgebaut und um den neuen Gedanken V. 21 f. erweitert worden; V. 20 ist ohnehin der Abschluss aller Strophen.

War Heine in diesem Gedicht ein Revolutionär? Mit Renate Stauf (in: Interpretationen. Gedichte von Heinrich Heine, hrsg. von Bernd Kortländer. RUB 8815, S. 144 ff.) bin ich da skeptisch. Ich zitiere zum Schluss eine kleine Passage aus dem Heine-Artikel der Wikipedia:

Heine pflegte seit Beginn seiner Pariser Zeit Kontakte zu Vertretern des Saint-Simonismus, einer frühen sozialistischen Strömung. Trotz dieser Kontakte und der freundschaftlichen Beziehungen zu Marx und Engels hatte er jedoch stets ein ambivalentes Verhältnis zur marxistischen Philosophie. Heine erkannte die Not der entstehenden Arbeiterklasse und unterstützte ihre Anliegen. Zugleich fürchtete er, dass der Materialismus und die Radikalität der kommunistischen Idee vieles von dem vernichten würde, was er an der europäischen Kultur liebte und bewunderte. Im Vorwort zur französischen Ausgabe von „Lutetia“ schrieb Heine im Jahr vor seinem Tod: „Dieses Geständniß, daß den Com<m>unisten die Zukunft gehört, machte ich im Tone der größten Angst und Besorgniß, und ach! diese Tonart war keineswegs eine Maske! In der That, nur mit Grauen und Schrecken denke ich an die Zeit wo jene dunklen Iconoklasten zur Herrschaft gelangen werden: mit ihren rohen Fäusten zerschlagen sie als dann alle Marmorbilder meiner geliebten Kunstwelt, sie zertrüm<m>ern alle jene phantastischen Schnu<r>pfeifereyen die dem Poeten so lieb waren; sie hakken mir meine Lorbeerwälder um und pflanzen darauf Kartoffel<n> […] und ach! mein Buch der Lieder wird der Krautkrämer zu Düten verwenden um Kaffe oder Schnupftabak darin zu schütten für die alten Weiber der Zukunft – Ach!“

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_schlesischen_Weber

http://lyrik.antikoerperchen.de/heinrich-heine-die-schlesischen-weber,textbearbeitung,159.html (schülerhaft)

http://lyrik.antikoerperchen.de/heinrich-heine-die-schlesischen-weber,textbearbeitung,235.html (ähnlich)

http://www.studentshelp.de/p/referate/02/2078.htm, davon schreibt ab:

http://www.schreiben10.com/referate/Literatur/34/Interpretation-politischer-Lyrik-Heinrich-Heine-Die-schlesischen-Weber-reon.php (davon schreibt ab:

http://www.schultreff.de/arbeiten/arb983.htm)

http://simue.homepage24.de/Schule/Schlesige%20Weber-%20Interpretation (schülerhaft)

http://www.martinschlu.de/kulturgeschichte/neunzehntes/vormaerz/heine/werke/weber.htm (historischer Hintergrund)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=2uyIftn2B8k (Cornelia Petmecky)

http://www.vorleser.net/hoerbuch.php?id=heine_weber (Johannes Ackner)

https://www.youtube.com/watch?v=c1U90PK2QOM (Fritz Stavenhagen)

http://www.lutzgoerner.de/gdt/470/ (Lutz Görner)

https://www.youtube.com/watch?v=_G_3xkaCeoY (mit Musik unterlegt)

https://www.youtube.com/watch?v=ADWqEvGxgqY (beinahe lustig)

https://www.youtube.com/watch?v=N-kD6Uelp4g (Schüler?)

http://www.youtube.com/watch?v=J5nmSstYaDo (Lied: Amby Schillo)

https://www.youtube.com/watch?v=vBt0sNhncvk (C. Bruhn: Katja Ebstein)

https://www.youtube.com/watch?v=c9HTCFPf-Ms (Liederjan)

https://www.youtube.com/watch?v=s69kNccy7Is (noch mal: Liederjan)

https://www.youtube.com/watch?v=mNFPQXTGJ6A (Kollmarlibre)

https://www.youtube.com/watch?v=tG22g81TzCI (vertont: Simon Keys)

https://www.youtube.com/watch?v=_Y9JpveiTJk (ähnlich)

https://www.youtube.com/watch?v=VqU2393lxCs (ähnlich: Robert Stadler)

https://www.youtube.com/watch?v=GdFaxJcfjcA (ähnlich: Die schwarzen Schafe)

https://www.youtube.com/watch?v=KXCuozg_3yc (Die Grenzgänger, Collage mit Auszügen aus dem Kommunist. Manifest)

https://www.youtube.com/watch?v=IBW0ZVNrROc (popopopop22)

Sonstiges

Analyse des Gedichts „Die Wanderratten“; dort auch das Zitat aus der Vorrede zu „Lutetia“ im größeren Zusammenhang!

http://www.metalgermania.it/traduzioni/leichenwetter/die-schlesischen-weber.html (italien. Übersetzung)

http://www.historicum.net/themen/restauration-und-vormaerz/lexikon/art/Weberaufstand/html/artikel/8453/ca/7f44bf0aba436bcbcacdeec6a47bf25f/ (Weberaufstand)

http://www.zeit.de/1994/23/der-weberaufstand/seite-1 (Weberaufstand)

http://de.wikipedia.org/wiki/Weberaufstand (Weberaufstand)

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