Heine: Der Asra – Analyse

Täglich ging die wunderschöne…

Text (wird oft falsch gesetzt!)

http://www.textlog.de/heine-gedichte-asra.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1256

Dem Gedicht liegt ein Stück aus der Sammlung arabischer Liebesgeschichten von Ebn-Abi-Hadglat zugrunde, welche von Stendhal in seiner Schrift „De l’Amour“ (1822, 55. Kap.) zitiert wird: „Sahid, Agbas Sohn, fragte eines Tages einen Araber: »Von welchem Stamme bist du?« – »Ich bin vom Stamme derer, welche sterben, wenn sie lieben,« antwortete der Araber.– »So bist du vom Stamme der Asra,« sagte Sahid. – »Ja, beim Herrn der Kaaba!« versetzte der Araber. – »Wie kommt es, daß ihr so liebt?« fragte darauf Sahid. – »Unsere Frauen sind schön und unsere jungen Männer keusch!« erwiderte der Araber.“ Heine machte daraus eine Erzählung, in der sich eine schöne Sultanstochter und ein junger Sklave begegnen; das Gedicht wurde erstmals am 2. September 1846 im „Morgenblatt für gebildete Stände“ veröffentlicht, ist also wahrscheinlich im Sommer 1846 entstanden. Später nahm er es in den Zyklus „Historien“ im Gedichtband „Romanzero“ (1851) auf.

Das Gedicht besteht aus zwei Teilen: In den beiden ersten Strophen werden die Figuren eingeführt; der Erzähler berichtet, was sie „täglich“ (V. 1, 5) tun. Die schöne Sultanstochter geht am Springbrunnen auf und nieder, der junge Sklave steht und wird täglich (V. 8) bleicher. Zwei Verse sind in den beiden Strophe identisch (V. 3 f. und V. 6 f.); mit der Gemeinsamkeit des Ortes ist gegeben, dass sich die beiden dort täglich begegnen. Der Brunnen war in der Antike ohnehin der Ort, wo man sich traf, wo man auch Fremde traf, weil eben alle auf das Wasser des Brunnens angewiesen waren; hier handelt es sich aber offenbar um einen Zierbrunnen im Palast des Sultans. Die Sultanstochter ist aktiv, sie geht auf und ab; der Sklave ist der abgrundtief Untergeordnete, er steht bloß da, zu Diensten bereit – und er wird täglich bleicher. Mit diesem Vers 8, der hier auf die identischen Doppelverse folgt, wird ein ungewöhnliches Geschehen in die zuvor normale Szene eingeführt, welches dem folgenden Geschehen („Eines Abends“, V. 9 – der zweite Teil des Gedichtes beginnt) als Hintergrund dient.

Die zuvor auf und ab gehende Fürstin ergreift die Initiative und geht auf den Sklaven „mit raschen Worten“ zu (V. 10); sie fragt ihn nach seinem Namen, seiner Heimat und Herkunft. Warum sie so fragt, wird nicht erklärt – es kann eine Laune der Sultanstochter sein, bezeugt aber auch ein gewisses Interesse am Sklaven als einem Menschen. Denn das war der Sklave bisher (für sie) nicht; ein Sklave ist bloß ein Gebrauchsgegenstand. Wenn er jetzt für sie einen Namen bekommt, wird er zum Menschen. Der Erzähler berichtet dann in der 4. Strophe die Antwort des Sklaven; die Pointe steht am Schluss: Er gehört zum Stamm der Asra, „jene Asra, / Welche sterben, wenn sie lieben“ (V. 15 f.).

Damit bekommt der letzte Vers des 1. Teils (V. 8) eine Erklärung: Er wird täglich bleicher, weil er bald sterben muss, weil er (unausgesprochen: die Sultanstochter) liebt. Aber auch V. 15 f. wird durch V. 8 erklärt: Die scheinbar völlig sachliche Beschreibung der Besonderheit der Asra (V. 16) wird zu einem indirekten Liebesbekenntnis gegenüber der Sultanstochter; denn sie könnte ja sehen, dass der Sklave täglich bleicher wird.

Wenn man schaut, was Heine aus seiner Quelle bei Stendhal gemacht hat, sieht man die Richtung, in die sein Gedicht zielt: Er verzichtet auf jede Erklärung der Besonderheit der Asra, welche doch die Pointe bei Stendhal war; er erzählt eine Begegnung zweier Personen, von denen eine ein dezentes Liebesbekenntnis ablegt. Diese Liebe ist jedoch dazu bestimmt, nicht erfüllt zu werden; zu groß ist der Rangunterschied zwischen Sklave und Sultanstochter, und Mohamet hat sich mit seiner Liebe auf den Weg zum sicheren Tod begeben.

Die Deutung ist umstritten: Manche sehen mit diesem Gedicht Heine zur romantischen Dichtung seiner Jugendzeit zurückkehren; andere sehen im Scheitern der Liebe das Ende der Romantik im Gedicht poetologisch reflektiert. Manche beziehen das Schicksal des Asra auch auf Heine selber und seine Außenseiterposition, vgl. Heines Gedicht „Donna Clara“. Im „Romanzero“ folgen als nächste Gedichte „Himmelsbräute“ (von den sündhaften Nonnen, also von verbotener Liebe) und „Pfalzgräfin Jutta“ (von ihrer mörderischen Liebe) – auch das kann Zufall sein, gibt jedenfalls keine Hilfe für eine „Interpretation“ des Gedichtes „Der Asra“.

Zur Form: Vier Strophen zu vier Versen; vierhebige Trochäen bilden die Verse (entgegen den Vermutungen mancher Schüler, s.u.) ganz regelmäßig; es gibt keine Reime. Das Gedicht lebt von der Wiederholung des Adverbs „täglich“ (sowie bleich/bleicher, V. 8), von der Parallele V. 3 f. und V. 6 f.; von der w-Alliteration V. 3 und V. 6, von der Aufzählung V. 11 f. – und am meisten von seinem gleichmäßigen Takt, der natürlich nicht mit dem Rhythmus identisch ist. Besonders stark würde ich „täglich“, „raschen“ (V. 10), „Namen“ (V. 11, mit „Heimat“ und „Sippschaft“), „Mohamet“ (V. 14), „Yemmen“ (V. 14), „jene“ (V. 15 – nicht ganz so stark betont), „sterben“ (V. 16) betonen.

Unter „Sonstiges“ unten kann man nachlesen, wie aus Heines Gedicht ein bosnisches Volkslied wurde.

http://www.writing-time.de/gedichte/heine-02.php (schülerhaft)

Vortrag

http://www.vorleser.net/hoerbuch.php?id=heine_asra (Andreas Mann)

http://mp3hamster.net/muz/heinrich%20heine#.Ua9drvYkYvU

http://mp3plate.com/music/Heinrich_heine.html =

http://muzofon.com/search/Heinrich%20Heine

http://www.youtube.com/watch?v=8SwzG-aTlvg (Volkslied: Hanka Paldum)

http://www.youtube.com/watch?v=xwUoD2wde3Q (als bosnisches Volkslied gesungen)

http://www.youtube.com/watch?v=S7iJVOu_3uc (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=EtWcI9rGcPM&list=PLD6396531C1181FE8 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=5sX4q_sclTQ (bosnisch gesungen)

http://www.youtube.com/watch?v=KY6_sBJ-Dwg (Loewe: Julia Culp)

http://www.youtube.com/watch?v=D19nkylgBZQ (Rubinstein: Anton van Rooy)

Sonstiges

http://www.heinrich-heine-club.de/content/view/704/64/ (Karriere des Gedichtes auf dem Balkan)

http://exoriente.eu/?p=858 (dito)

http://elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2001/961/pdf/Asra_2001.pdf (Aufsatz dazu, von Ottmar Pertschi)

http://www.recmusic.org/lieder/get_text.html?TextId=7432 (Übersicht: Vertonungen)

http://www.bpb.de/apuz/29970/erfinder-der-modernen-liebe-essay (zu Heines Liebeslyrik)

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