Heine: Nicht gedacht soll seiner werden! – Analyse

Nicht gedacht soll seiner werden!…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1272

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/HeineNachlese/gedacht.htm

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/HeineNachlese/ (Nachgelesene Gedichte, dort „Nachgelesene Gedichte 1845-1856“, III. Abteilung: Lamentationen)

Der pathetische Refrain „Nicht gedacht soll seiner werden!“, den es fünfmal im Gedicht gibt, stammt aus dem AT, genauer aus einer Strafandrohung, die Hesekiel (Ezechiel) im Namen des HERRN gegen die Ammoniter ausspricht: „Du must dem Fewr zur speise werden / vnd dein Blut mus im Land vergossen werden / vnd man wird dein nicht mehr gedencken / Denn ich der HERR habs geredt.“ (Hes 21,32 – Lutherbibel 1545) „Du sollst dem Feuer zum Fraß werden, und dein Blut soll im Lande vergossen werden, und man wird nicht mehr an dich denken; denn ich, der HERR, habe es geredet.“ (Hes 21,37 – Lutherbibel 1984) Umgekehrt gibt es bei Jesaja die Zusage des immerwährenden Gedenkens: „Zion aber sprach: Der HERR hat mich verlassen, der Herr hat meiner vergessen. Kann auch eine Frau ihr Kindlein vergessen, dass sie sich nicht erbarme über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie seiner vergäße, so will ich doch deiner nicht vergessen.“ (Jes 49,14 f.) Und im Neuen Testament gibt es als zentralen Auftrag das Gebot Jesu: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ („Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: ‚Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.’“1 Kor 11,25) Das Thema Erinnern/Vergessen ist ein zentrales Motiv in den biblischen Religionen, denen Heine vielleicht nicht angehörte, aber die er bestens kannte und als Dichter auch nutzte.

Heines Gedicht „Nicht gedacht soll seiner werden!“ finden wir in den Nachgelesenen Gedichten 1845 – 1856, dort unter den „Lamentationen“. Das Gedicht beginnt mit diesem Satz als Zitat eines Wortes „der armen alten Esther Wolf“ (V. 2 f.), einer unbekannten Jüdin; das lyrische Ich berichtet davon (1. Str.), dieses Wort gut behalten zu haben. In den folgenden Strophen reflektiert es diesen in religiösem Fanatismus gesprochenen ungeheuerlichen Satz, den als Verdammungsurteil Gottes über die Ammoniter der Profet Hesekiel sich ausgedacht hatte (s.o.), was es in abgewandelter Form als damnatio memoriae bei den Römern gab (s. die Links unten). In Rom war die damnatio jedoch kein reales vollständiges Vergessen des Verdammten; „vielmehr wurde die Erinnerung an ihn durch die Verfluchung seines Namens bewusst wachgehalten – nicht zufällig kennt man fast jeden, der in Rom der damnatio verfiel, mit Namen“ (wikipedia).

In der 2. Str. wird die Löschung des Andenkens vom lyrischen Ich als höchste Form („die Blume“, V. 7 – ein bitterer Euphemismus) der Verwünschung bewertet. In der 3. Strophe spielt das lyrische Ich eine solche Verwünschung durch, indem es sich selbst bzw. dem eigenen Herzen gebietet, bei all seinen Äußerungen („die Fluten deiner Klagen und Beschwerden“, V. 9 f.) jenen einen nie zu erwähnen (V. 11). In der 4. Strophe wird die Verwünschung zunächst allgemein wiederholt (V. 13 f.) – dann wendet sich das lyrische Ich direkt an den Verwünschten und beschimpft ihn drohend als dunklen Hund, „Du verfaulst mit meinem Fluche!“ (V. 16) Hier zeigt sich, dass man in seinem Vernichtungswillen doch von dem sprechen muss, dessen man nicht mehr gedenken will – konsequent wäre es, ihn einfach nicht mehr zu erwähnen; aber dann könnte man seinen Hass nicht ausleben, sich mit niemandem mehr darüber verständigen, dass man JENEN nicht mehr erwähnen will.

In den beiden letzten Strophen wird als letzte schreckliche Konsequenz der damnatio ausfabuliert, dass „selbst am Auferstehungstage“ (V. 17) die Engel den Namen des Verstoßenen nicht vorlesen werden, wenn ausnahmslos alle zum Gericht aufgerufen werden: „Nicht gedacht soll seiner werden!“ (V. 24) Die Verstoßung wäre demnach bereits das Endgericht GOTTES vor dem Tag des letzten Gerichts: eine Anmaßung religiöser Selbstgerechtigkeit – einen solchen Verstoß gegen die Regeln könnte sich nicht einmal GOTT selbst erlauben. Diese Tatsache legt den Gedanken nahe, dass es sich in den beiden letzten Strophe um eine ironische Überspitzung und damit um eine (satirische) Kritik der damnatio-Praxis handeln könnte; das würde dann auch für die 4. Strophe gelten, ebenso für die 3. Strophe – eine innere Unmöglichkeit darzustellen ist eine bekannte satirische Technik. Dann hätten wir doch eine Logik im Aufbau des Gedichts: Am Ende stände die Satire.

Die formalen Besonderheiten des Gedichts sind der vierhebige Trochäus und der Paarreim der Verse 2/4 jeder Strophe; dreimal wird nach Vers 2 eine semantische Einheit abgeschlossen (2., 3., 4. Strophe), dreimal nicht. In den ersten drei Fällen sind die Reime sinnvoll, wenn man sie auf den ganzen Doppelvers bezieht, z.B. „ausgelöscht auf Erden / nicht gedacht soll seiner werden“ (V. 6/8). Mehrfach leiten Enjambements von einem Vers in den nächsten (V. 2, 9, 18, 19, 21, 22), sodass das Gedicht insgesamt recht zügig gesprochen wird, was dem Zorn auf den Ausgestoßenen gerecht wird.

Entgegen der Analyse von www.dradio.de (s.u.) kann ich zunächst keinen geplanten Aufbau des Gedichts erkennen; die 1. und die 5./6. Strophe stehen vorn und hinten natürlich an dem ihnen zukommenden Platz, aber die drei mittleren Strophen sind doch eher beliebig positioniert, sie könnten ihre Reihenfolge auch vertauschen. So ist das Gedicht noch nicht vollendet und daher zu Recht nur in den Nachgelesenen Gedichten zu finden. Falls man sich jedoch für die satirisch-ironische Lesart entscheidet, sieht die Sache anders aus: Bericht (1. Str.) – Bewertung der damnatio (2. Str., mit ironischem Euphemismus) – satirische Ausführung der damnatio (3. – 6. Str.). Dann gewinnt der Hinweis, dass es sich um Worte der armen alten Frau Wolf handelt (V. 2 f.), nachträglich eine neue Qualität: Die damnatio-Formel ist nichts als Geschwätz eines alten Weibes.

In den „Lamentationen“, Teil II des „Romanzero“ (1851), finden wir im Lazarus-Zyklus zwei weitere Gedichte, in denen das Motiv der damnatio, der Tilgung des Gedächtnisses eine Rolle spielt. Da ist einmal „Gedächtnisfeier“, wo Heine den Gedanken durchspielt, dass man bei seinem Tod weder das jüdische Totengebet (Kadosch) beten noch eine katholische Messe halten wird; „doch vielleicht“ (V. 5) wird seine Frau Mathilde bei einem Spaziergang sein Grab besuchen, das reicht offensichtlich als Ersatz für die Liturgie. Das ist der leichtere Fall: Heine wird ja nicht direkt verdammt werden, sondern nur nicht religiös-offiziell verabschiedet werden. Ernster ist der Fall in „Vermächtnis“, wo er seine körperlichen Leiden all seinen Feinden zu vermachen gedenkt und zum Schluss ein Kodizill (eine einseitige, jederzeit widerrufliche letztwillige Anordnung) erlässt:

„Kodizill zu dem Vermächtnis:

In Vergessenheit versenken

Soll der Herr eu’r Angedenken,

Er vertilge eu’r Gedächtnis.“

Da wird dem HERRN die Aufgabe übertragen, für die Tilgung ihres Gedächtnisses zu sorgen – ein böser Wunsch, der aber nicht sonderlich ernst genommen werden muss, weil das ganze Gedicht ein ironisches Spiel ist: „Christlich will ich drin [im Testament] bedenken / Meine Feinde mit Geschenken.“

So hebt sich „Nicht gedacht soll seiner werden!“ aus den drei Gedichten als dasjenige heraus, wo der Verdammungswunsch am strengsten durchgespielt wird (aber nur in der ersten Lesart – in der zweiten Lesart ist die Behandlung des Motivs in allen Gedichten gleichermaßen spöttisch). Auf wen sich dieser von der alten Frau Wolf geäußerte Fluch bezieht, bleibt unklar – es könnte sein, dass Heine sich selbst als einen von allen Verstoßenen gesehen hat; als einen, der zwischen allen Stühlen gesessen und nirgendwo sich ideologisch festgelegt hat. Denn solche Flüche treffen nur die Abtrünnigen, und abtrünnig war Heine wahrhaftig, sowohl als Jude wie als Getaufter. Dass er bereits im Kaiserreich, dann natürlich im Dritten Reich zu den Geächteten gehörte, entbehrt nicht der Logik des Parteienkampfes: Rache für seine Verachtung der dumpfen Nationalisten (vgl. die Vorrede zu Lutetia!).

Verdammung der Abtrünnigen: Nietzsche hat konsequent den Gedanken zu Ende geführt, dass wir aus Treue zu uns selbst „Verräter“ werden müssen (Menschliches, Allzumenschliches I, 629-637). „Wer nur einigermaßen zur Freiheit der Vernunft gekommen ist, kann sich auf Erden nicht anders fühlen denn als Wanderer, -“ (Nr. 638).

http://www.dradio.de/download/174043/ (dort S. 8 f.)

Sonstiges

http://johannaschall.blogspot.de/2012/02/ein-wirklich-vernichtender-fluch.html (Bild und weitere Texte zum Thema)

http://www.textlog.de/heine-gedichte-lamentationen.html („Lamentationen“, Teil II des „Romanzero“)

http://de.wikipedia.org/wiki/Damnatio_memoriae

http://en.wikipedia.org/wiki/Damnatio_memoriae

http://library.fes.de/pdf-files/kmh/04333.pdf (Jan-Christoph Hauschild über Heine)

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