Heine: Pfalzgräfin Jutta – Analyse

Pfalzgräfin Jutta fuhr über den Rhein…

Text

http://www.textlog.de/heine-gedichte-jutta.html

http://de.wikisource.org/wiki/Pfalzgr%C3%A4fin_Jutta

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1273

Das Gedicht entstand wahrscheinlich 1845–1846. Heine veröffentlichte es 1846 unter der Überschrift Frau Jutte im Morgenblatt für gebildete Leser [2. September, mit einigen anderen Gedichten]. Pfalzgräfin Jutta wurde in erster Linie durch das Volkslied Albertus Magnus aus „Des Knaben Wunderhorn“ angeregt, einem Werk, mit dem Heine seit seiner Jugend vertraut war. […] Im Unterschied zur Vorlage werden bei Heine die schauerlich-dämonischen Züge einseitig betont, ohne daß er Reue oder Erlösung der Frau andeutet. Die Lokalisierung der Sage am Rhein ist Heines Erfindung und entspricht wohl seiner Neigung, die Rheinlandschaft zur Kulisse romantisch-schauerlicher Geschichten zu machen. Die Verlagerung dürften Rheinsagen erleichtert haben, aus denen der Autor einzelne Züge in neuer Deutung aufgreift. Die sieben aus dem Rhein auftauchenden Jünglinge erinnern an die sieben Riffe bei Oberwesel, die sieben Jungfrauen. Sie erhielten ihren Namen von sieben schönen Schwestern, die auf dem nahe gelegenen Schloß Schönberg lebten. Aloys Schreiber, Heines Gewährsmann für rheinische Geschichte und Sagenwelt auch noch in der Pariser Zeit, berichtete über sie, sie hätten allen jungen Rittern in der Nähe und Ferne die Köpfe und – Herzen verrückt. Aber wunderbar, sie waren eben so spröde als schön, und wurden darum in die sieben Felsenspitzen verwandelt, welche gleich unter Wesel, bey seichtem Wasser, aus dem Rheine hervorragen, und die sieben Jungfrauen heißen (Handbuch für Reisende am Rhein, 3. Auflage, Heidelberg 1822, S. 170). […] Zu Stand und Namen der Protagonistin Pfalzgräfin Jutta könnte Heine durch die Burg Gutenfels über Kaub angeregt worden sein.“ (Kommentar DHA) Heute steht das Gedicht im „Romanzero“ (1851), in der Abteilung „I. Historien“.

Das Gedicht ist eine Schauerballade von einer Blaubart-Gräfin. Den Rahmen bildet eine Beschreibung der Situation: Pfalzgräfin Jutta fährt mit ihrer Zofe „bei Mondenschein“ (V. 2) im Kahn über den Rhein. In dieser nächtlich-unheimlichen Situation hält die Gräfin eine kleine Ansprache an ihre Zofe (V. 4-14); darin weist sie die Zofe (und so die Leser) auf die hinter ihnen schwimmenden sieben Leichen hin (V. 4-7) und erklärt ihr darauf, wer das ist und wie das Phänomen zustande kommt (3. Str.). Der letzte Vers ist in allen Strophen gleich: „So traurig schwimmen die Todten!“ (V. 7, 14, 21)

In der 1. Strophe wird eine schauerliche Szene etabliert: nächtliche Fahrt auf dem Rhein, sieben Leichen schwimmen hinter dem Boot; der letzte Vers (V. 7) scheint Mitgefühl der Gräfin mit ihnen zu bezeugen. In der 2. Strophe wird das dämonische Wesen der Gräfin offenbar: Sie hat ihre Liebhaber „sogleich“ nach deren Liebesbekenntnis ertränken lassen: „Zur Sicherheit, / Daß sie nicht brächen ihren Eid“ (V. 10 f.) Diese irrationalen Morde geben dem Schlussvers einen dämonisch-irren Klang. Zudem lacht sie höhnisch (V. 15 f.), wie der Erzähler berichtet. Die grausige Szene wird dadurch abgerundet, dass die Leichen „wie schwörend“ immer noch die Finger aus dem Wasser erheben (V. 18 f.), als seien sie bei ihrer Ermordung verhext worden, als seien sie immer noch Zeugen des Verbrechens, und puppenhaft nicken. Voller Mitgefühl klingt dann der letzte Satz des Erzählers: „So traurig schwimmen die Todten!“ (V. 21)

Die Form des Gedichtes ist originell: In jeder Strophe gibt es zunächst vier Verse mit vier Hebungen bei freier Füllung und mit männlicher Kdenz (volkstümlich-balladenhaft); es folgen zwei Verse mit zwei Hebungen und weiblicher Kadenz. Diese sechs Verse weisen Paarreime auf. Die verkürzten 5. und 6. Verse jeder Strophe werden, da sie nur zwei Hebungen und weniger Silben aufweisen, langsamer gesprochen; in ihnen stehen die schrecklichen Einzelheiten, seien sie nun von der Gräfin oder vom Erzähler berichtet: Die Leichen schwimmen hinterher (V. 5 f.); die Männer wurden nach dem Treueschwur ersäuft (V. 12 f. – niedere Spracheben, setzt die Männer auf die Stufe von Tieren); sie heben noch immer die Schwurhand und nicken gespenstisch (V. 19 f.). Der 7. Vers jeder Strophe ist der schon zitierte gleiche Vers vom Schwimmen der Toten. Die Reime sind insgesamt semantisch sinnvoll: „über den Rhein / bei Mondenschein“ (V. 1 / 2); „voll Jugendlust / an meine Brust“ (V. 8 / 9) usw.; nur V. 3 f. fallen dabei aus.

Im 19. Jahrhundert hat das Gedicht großen Eindruck bei den Lesern gemacht; wir sind heute durch entsprechende Filme an ganz andere Grausamkeiten gewöhnt, für mich variiert das Gedicht nur ein Rheinsage, ohne dass mich ein Schauer ergriffe. Der Rhythmus (und der Text V. 3-7) erinnert mich ein wenig an Goethes „Erlkönig“. Wenn es nach mir ginge, müsste es nicht in den Kanon von Heines bleibenden Gedichten aufgenommen werden, weil uns kein Blick in das Innere der dämonischen Pfalzgräfin gewährt wird, sodass die berichtete Ermordung der Liebhaber episodisch bleibt.

http://urts55.uni-trier.de:8080/Projekte/HHP/searchengine/werke/baende/D01/getpage?pageid=D03S0652&mode=2 (Kommentar DHA, zur Entstehung, dort bis S. 655)

Sonstiges

http://www.histsem.uni-freiburg.de/mertens/graf/obwes_v.htm#t4 (Zu Rheinsagen, Beispiel: die Sieben-Jungfrauen-Sage)

http://www.literatur-archiv-nrw.de/lesesaal/Essays/Joseph_A__Kruse___Berg__und_Burgen_schau_n_herunter_/seite_1.html (Literarische Rheinbilder)

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