Heine: Schelm von Bergen – Analyse, Interpretation

Im Schloß zu Düsseldorf am Rhein…

Text

http://meister.igl.uni-freiburg.de/gedichte/hei_h31.html

http://www.textlog.de/heine-gedichte-schelm-bergen.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Romanzero/Erstes+Buch.+Historien/Schelm+von+Bergen

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1257

Das Gedicht ist am 31. Mai 1846 in der Kölnischen Zeitung als „romantisches Lied“ veröffentlicht worden; ehe es 1851 in den „Romanzero“ übernommen wurde, wurde es von Heine sprachlich überarbeitet. Die Erstfassung ist mir nicht bekannt. Dem Gedicht liegt eine Sage zugrunde, die von Karl Lyncker (1854) so wiedergegeben wird:

224. Der Schelm und die Kaiserin.

Eine dritte Sage erzählt, die Kaiserin habe einmal auf einem Hofballe mit einem unbekannten Ritter getanzt, der durch seine Anmuth und edle Haltung Aller Augen auf sich gezogen. Der Kaiser frägt ihn endlich nach seinem Namen und Herkommen, denn Niemand hatte ihm sagen können, wer der fremde Ritter war. Da erhält er die schreckliche Antwort, daß er der Schelm von Bergen sei. Mit Entsetzen weichen alle Umstehenden zurück vor ihm, der es gewagt hatte, durch seine entehrende Berührung die allverehrte Kaiserin zu beflecken und der ergrimmte Kaiser zürnt ihm sein Todesurtheil zu; aber der Schelm trat unbetroffen vor ihn hin und sagte: »Gnädigster Kaiser, mein Tod macht das Geschehene nicht ungeschehen; wollt Ihr den Schaden kuriren, so macht aus mir, was Eure Höflinge sind!« Und der Rothbart lächelte wieder gnädig: »Du bist ein Schelm mit Rath und That und magst’s denn auch bleiben; drum knie nieder, Ritter Schelm von Bergen!« Der Schelm that’s und empfing den Ritterschlag.

In den ersten drei Worten wird schon gesagt, dass es mehrere Sagen gibt, in denen der auffällige Familienname „Schelm[e] von Bergen“ ätiologisch erklärt wird. Von Heine wird das Geschehen nach Düsseldorf in den Karneval verlegt; statt des Kaisers und der Kaiserin agieren die Herzogin und der Herzog. Das Geschehen wird dramatisch (mit Wechselrede von Schelm und Herzogin) als Ballade von einem unbeteiligten Erzähler erzählt.

Im ersten Teil (Str. 1 – 5) wird zuerst die Szene des Geschehens beschrieben (Maskenball im Düsseldorfer Schloss); die Hauptfiguren sind die Herzogin und ihr schöner Tanzpartner, dessen Identität schon verborgen angedeutet wird (3. Str.). Die Situation ist bestimmt von Lachen, Musik und Freude; die Menschen sind einander nahe; es ist jedoch eine Welt des Scheins, welchen die Masken erzeugen.

Es folgt der Dialog des Tänzers mit der Herzogin (Str. 6 – 8): Der Tänzer will sich von ihr trennen; sie lacht weiterhin und will sein Gesicht sehen, er jedoch verweigert das, weil „Schrecken und Grauen“ (V. 26), Nacht und Tod (V. 30) zu ihm gehören – eine Gegenwelt zur Welt der lachenden Herzogin. Die drei Strophen sind streng parallel aufgebaut: Hier wird Spannung erzeugt, die auf eine Entladung drängt.

Im nächsten Teil der Erzählung (Str. 9 – 10), die jetzt im Präteritum (bisher im Präsens) vorgetragen wird, wird durch das ungestüme Handeln der Herzogin die Maske des Mannes entfernt; die Menschen werden aus der Scheinwelt des Karnevals in die Realität gestoßen, die Freude weicht dem Entsetzen: Der Mann ist der Scharfrichter von Bergen, es besteht größte Distanz zwischen ihm und der Herzogin. Entsprechend „stürzt [sie] fort zu ihrem Gemahl“ (V. 40), die Menschen weichen vor ihm zurück. Es droht eine Katastrophe.

„Der Herzog ist klug“ (V. 41), weiß der Erzähler zu berichten, um so die Lösung des Problems einzuleiten (11. und 12. Strophe). Der Herzog löst die Spannung, überbrückt die Differenz zwischen seiner Gattin und jenem Mann, indem er ihn durch einen Ritterschlag adelt und ihm so den gleichen Rang wie seine Gattin verleiht (zugesteht).

„So ward der Henker ein Edelmann / Und Ahnherr der Schelme von Bergen…“ (V. 49 f.); damit schließt die Erzählung, indem sie in den alten ätiologischen Schluss der Namenserklärung mündet. 1844 war der letzte Namensträger des Geschlechts gestorben, sodass der Erzähler mit Fug und Recht mit dem schönen Kontrast schließen kann: Das Geschlecht blühte einst am Rhein, „Jetzt schläft es in steinernen Särgen.“ (V. 52)

Sowohl in der alten Sage wie in Heines Gedicht liegt der Namengebung ein Wortspiel zugrunde, welches von dem eigenwilligen Familiennamen förmlich provoziert wird: Bei Lyncker ist es „Schelm“ als Schlaumeier oder Spaßvogel, bei Heine (die heute veraltete Bedeutung) „Schelm“ als Henker. Ich gebe hier kurz zunächst die Wortgeschichte (nach Pfeifer im DWDS), dann die Wortbedeutung nach dem DWDS und dem Wortschatz Uni Leipzig (Dornseiff-Bedeutungsgruppen) wieder:

Schelm m. ‘Spaßvogel, schalkhaftes Kind, Schlingel’. Ahd. scalmo (9. Jh.), scalm (11. Jh.), skelmo (Hs. 12. Jh.), mhd. schalm(e), schelm(e) ‘Pest, Seuche’ nimmt in mhd. Zeit auch die Bedeutung ‘toter Körper, Aas’ an, entwickelt sich von da aus zum Schimpfwort im Sinne von ‘Bösewicht, Schurke, Betrüger, Dieb, Verräter’ und zum Beinamen des als unehrbar geltenden Scharfrichters und Schinders; vgl. noch Ende 18. Jh.: dein Vater ist zum Schelm ( ‘Verräter’) an mir geworden(Schiller). Im 17. Jh. beginnt diese pejorative Bedeutung sich zu ‘armer Kerl, bemitleidenswerter Mensch’ und dann zu ‘loser, neckischer Mensch’ abzuschwächen, und Schelm kann sogar den Charakter eines Kosewortes erhalten (vgl. kleiner Schelm, 18. Jh.). Die Herkunft des nur im Dt. auftretenden Substantivs (anord. skelmir ‘Teufel’ und die entsprechenden schwed. dän. norw. Formen sind Entlehnungen aus mnd. schelm) ist ungewiß […]. (DWDS)

1 zu Scherz, Neckerei, lustigen und mutwilligen Streichen aufgelegter Mensch, Schalk, Spaßvogel

der alte Parkwächter ist als Schelm bekannt

vertraulich Schlingel, Frechdachs

du bist schon ein rechter kleiner Schelm

bildlich

in jmds. Augen sitzt der Schelm (jmd. ist zu lustigen, mutwilligen Streichen aufgelegt, ist übermütig)

2 veraltet ehrloser, unehrlicher Mensch, Betrüger, Dieb

ein verlogener, zungenfertiger Schelm (DWDS)

Dornseiff-Bedeutungsgruppen:

  • 10.22 Witz: Hofnarr, Humorist, Karikaturist, Narr, Satiriker, Schalk, Schelm, Scherzbold, Spaßmacher, Spaßvogel, Spötter, Witzbold
  • 10.52 Liebe: Auserwählter, Dicker, Engel, Hase, Lieber, Liebster, Männe, Schatz, Schelm, Schlingel, Strick, Strolch, Stromer, Süßer
  • 11.52 Schlau: Filou, Leisetreter, Pfiffikus, Schelm, Schlauberger, Schlaumeier, Schlitzohr, stilles, Wolf
  • 15.53 Betrug: Bauernfänger, Betrüger, Beutelschneider, Fälscher, Falschmünzer, Falschspieler, Frömmler, Gaukler, Heuchler, Hochstapler, Komödiant, Krimineller, Lockvogel,Lügner, Pharisäer, Rechtsbrecher, Schelm, Schieber, Schuft
  • 21.8 Unredlich: Bösewicht, Delinquent, Erpresser, Filou, Ganove, Gauner, Gewalttäter, Halunke, Kanaille, Krimineller, Rechtsbrecher, Schädling, Schelm, Schieber, Schuft, Schurke,Schwerverbrecher, Schwindler, Straftäter (Wortschatz Uni Leipzig)

Helmut Landwehr hat über eine Neuinterpretation des „Romanzero“ 2000 promoviert; von ihm gibt es eine große Interpretation (1. Link unten) sowie die noch stärker ausgearbeitete Interpretation aus seiner 2001 veröffentlichten Dissertation (die beiden nächsten Links) – ich empfehle eine intensive Lektüre der Texte. Ich folge allerdings seiner Interpretation weithin nicht, weil ich

  • eine Differenz zwischen den drei ersten und den beiden folgenden Strophen nicht erkennen kann,
  • die allegorische Deutung der Herzogin als Figur „Literatur“ (und des ganzen Geschehens) nicht nachvollziehen kann,
  • die Interpretation des Tempuswechsels in der 9. Strophe für verwegen halte,
  • in Herzog und Herzogin wirklich nicht das Prinzenpaar aus dem Karneval erkennen kann – die Szene spielt schließlich im Schloss, die Erzählung endet ätiologisch.

Trotzdem regt Landwehrs Interpretation dazu an, nach der politischen Bedeutung dieser Ballade zu fragen. Es leuchtet mir ein, dass die in der „Realität“ vom Herzog vollzogene Aufhebung des Standesunterschieds zwischen dem deklassierten Henker und seiner adeligen Frau politische Bedeutung haben kann: Vorbild dessen, was in der sozialen Realität zu geschehen hat; dass also die im Karneval vollzogene Aufhebung aller Standesunterschiede Vorbild für die soziale Realität in Deutschland zu sein hat. Dafür spricht, dass das Sagen-Geschehen im Düsseldorfer Karneval spielt und dass das Gedicht in Köln veröffentlicht worden ist. Schade, dass man nicht die Leser vom 1846 und 1851 fragen kann, wie sie das Gedicht verstanden haben.

Kurz etwas zur Form des Gedichts: vier Verse pro Strophe, abwechselnd vier und drei Hebungen mit abwechselnd männlicher und weiblicher Kadenz bei freier Füllung, Paarreim der 2. / 4. Verse. Dadurch entstehen praktisch zwei Langverse pro Strophe, weil ja am Ende des 1. / 3. Verses keine Pause zu machen ist. Die Verspaare bilden in der Regel (außer V. 38, der in V. 39 übergeht) eine semantische Einheit; trotzdem passen die sich reimenden Wörter bzw. Verse fast immer sinnvoll zusammen (außer in der 9. und 13. Strophe): Mummenschanz gehalten / tanzen die bunten Gestalten (1. Str.); jene vorüberwalzen / grüßen mit Schnalzen (3. Str.) usw. – das heißt, die auch die ganze Strophe eine semantische Einheit bildet, sei es in der Entsprechung (1., 3., … Str.), sei es im Kontrast (7., 8. Str.). Von den Anaphern sind die vier „Da“ (V. 3 – 5) wichtig, welche die Beschreibung des Ortes mit der Erzählung des Geschehens verbinden; das Lachen der Herzogin beherrscht die ersten acht Strophen (Wiederholung) und schlägt in die Stille (10. Str.) um, die Nähe der Tänzer in die Flucht der Herzogin – das ist bereits oben bei der Beschreibung des Aufbaus gesagt worden. Wiederholungen gibt es in der Parallelität der drei Strophen 6 – 8, Alliterationen en masse (l- V. 6, Sch- V. 16, l- V. 23 und 31).

Im Unterschied zu „Pfalzgräfin Jutta“ haben wir hier ein bedeutendes Gedicht Heines vor uns – oder habe ich bei „Pfalzgräfin Jutta“ bloß die Bedeutung nicht erkannt?

http://www.reinhard-doehl.de/forschung/heine_schelm.htm (Interpretation Landwehrs)

http://www.verlagdrkovac.de/volltexte/0316/Teil_1._Der_Interpretationsansatz.pdf mit http://www.verlagdrkovac.de/volltexte/0316/Teil_2._Exemplarische_Interpretationen.pdf (große Interpretation: aus der Dissertation Landwehrs, 2001)

http://de.wikipedia.org/wiki/Schelm_von_Bergen

Sonstiges

http://www.zeno.org/Literatur/M/Lyncker,+Karl/Sagen/Deutsche+Sagen+und+Sitten+in+hessischen+Gauen/224.+Der+Schelm+und+die+Kaiserin (Karl Lyncker: Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen – vgl. Nr. 222 und 223)

http://www.sagen.at/texte/sagen/deutschland/bayern/spessart/schelm.html (Sage: Barbarossa – nur eine der drei Versionen von Lyncker)

http://de.wikipedia.org/wiki/Schelme_von_Bergen (Familie Schelme von Bergen)

http://schelmenstube.falbor.eu/der_schelm.php (Sagen)

http://de.wikipedia.org/wiki/Schelm (Schelm)

http://de.wiktionary.org/wiki/Schelm („Schelm“)

http://www.duden.de/rechtschreibung/Schelm („Schelm“)

http://www.dwds.de/?qu=Schelm&view=1 („Schelm“: Wortgeschichte)

http://de.wikipedia.org/wiki/Karneval,_Fastnacht_und_Fasching (Karneval)

http://de.wikipedia.org/wiki/Mummenschanz (Mummenschanz)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s