Heine: Gedächtnisfeier – Analyse

Keine Messe wird man singen…

Text

http://www.textlog.de/heine-gedichte-gedaechtnisfeier.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1264

http://gutenberg.spiegel.de/buch/379/42 (Zyklus „Lazarus“)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Romanzero/Zweites+Buch.+Lamentationen/Lazarus (Zyklus „Lazarus“)

Im „Romanzero“ (1851), II. Lamentationen, bildet der kleine Zyklus „Lazarus“ den Abschluss; darin ist „Gedächtnisfeier“ das 12. Gedicht. In diesem Zyklus kommt das Schicksal des todkranken Dichters, der sich kaum hinter dem lyrischen Ich versteckt, zur Sprache.

In seinem Testament hatte Heine u.a. verfügt:

§ 6. Wenn ich mich zur Zeit meines Ablebens in Paris befinde und nicht zu weit von Montmartre entfernt wohne, so wünsche ich auf dem Kirchhofe dieses Namens beerdigt zu werden, da ich eine Vorliebe für dieses Quartier hege, wo ich lange Jahre hindurch gewohnt habe.

§ 7. Ich verlange, daß mein Leichenbegängnis so einfach wie möglich sei und daß die Kosten meiner Beerdigung nicht den gewöhnlichen Betrag derjenigen des geringsten Bürgers übersteigen. Obschon ich durch den Taufakt der lutherischen Konfession angehöre, wünsche ich nicht, daß die Geistlichkeit dieser Kirche zu meinem Begräbnisse eingeladen werde; ebenso verzichte ich auf die Amtshandlung jeder andern Priesterschaft, um mein Leichenbegängnis zu feiern. Dieser Wunsch entspringt aus keiner freigeistigen Anwandlung. Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolze entsagt und bin zu religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt; ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt, dessen Erbarmen ich anflehe für meine unsterbliche Seele. […]

Im Licht des Testaments sollte man Heines Gedicht „Gedächtnisfeier“ lesen. In der 1. Strophe wird von einem lyrischen Ich ausgesprochen, was es für seine „Sterbetage“ erwartet: dass man keine christliche Messe bei der Begräbnisfeier singt (Heine hatte sich im Juni 1825 taufen lassen), dass man nicht als jüdisches Totengebet das Kaddisch spricht (Heine stammte aus einer jüdischen Familie). Dieses „Nichts“ wird in V. 3 wiederholt; es greift die zwei Negationen der beiden ersten Verse auf, die streng parallel gebaut sind. „Kein“ und „Nichts“ sind jeweils vorangestellt: So nicht.

In den beiden folgenden Strophen, nach dem adversativen Doch“ (V. 5), beschreibt das lyrische Ich, wie es vielleicht zugehen könnte: dass seine Frau Mathilde (Heines Frau!) auf dem Friedhof Montmartre spazieren geht und einen Kranz auf sein Grab legt. Immortellen sind Trockenblumen: „Als Trockenblumen werden im engeren Sinne Blumen bezeichnet, die im getrockneten Zustand für lange Zeit haltbar sind. Der Begriff kann aber auch als Sammelbezeichnung für alles gelten, was aus der belebten Natur stammt und länger als frische Schnittblumen aufbewahrt werden kann; dazu gehören Blüten, Zweige, Früchte, Blätter, Wurzeln, Rinden, Moose, Zapfen und selbst Pilze.“ (Wikipedia) Das Ich sieht auch ihre Trauer voraus, die „Feuchte Wehmut in den Blicken“ (V. 12).

In den beiden letzten Strophen phantasiert es seine Reaktion auf diesen Besuch aus: Es hat seinerseits Mitleid mit seiner müden Frau; es spricht sie als „Süßes, dickes Kind“ (V. 17) an und gibt ihr den guten Rat, mit einer Droschke nach Hause zu fahren, wenn es ihr schon keinen Stuhl zum Ausruhen anbieten kann.

Beginnt das Ich in einem düsteren oder gedämpften Ton von dem zu sprechen, was ihm nach seinem Tod nicht zuteil wird, so spricht es von der 2. Strophe an gelöst und heiter; da geht es um die menschliche Anteilnahme seiner Frau (2. und 3. Strophe) und um „seine“ Anteilnahme an den Beschwernissen, die seine Frau durch den Friedhofsbesuch zu ertragen hat. Das alles ist Zeugnis einer Menschlichkeit vor oder hinter aller Religion; dass religiöse Riten fehlen werden (wie bei einem religiös Verstoßenen), macht dem lyrischen Ich nichts aus – Heine hat es in seinem Testament selber so gewollt.

Die vier Verse jeder Strophe sind im Trochäus gesprochen, jeweils vier Takte, bei denen nur selten die letzte Silbe fehlt. Der 2. / 4. Vers sind im Paarreim verbunden; die reimenden (Doppel)Verse passen semantisch einigermaßen zusammen (keinen Kadosch sagen / an meinen Sterbetagen, V. 2/4), ohne dass damit neue Bedeutungsdimensionen erschlossen würden. Die Sätze gehen immer mindestens über zwei Verse, können sogar eine ganze Strophe ausmachen. Insgesamt wird das in der Umgangssprache gehaltene Gedicht recht zügig gesprochen.

Dem Gedanken an Mathilde, um die er sich auch in seinem Testament gesorgt hat, gilt das 15. Gedicht im „Lazarus“: „An die Engel“; trotz mancher Klage ist der Ton im ganzen Zyklus „Lazarus“ nicht bedrückt, sondern von ironischer Heiterkeit bestimmt. Zum Schluss möchte ich nur die letzten Verse des Gedichtes „Rückschau“, der Nummer 2 im Zyklus, zitieren:

„Jetzt bin ich müd‘ vom Rennen und Laufen,

Jetzt will ich mich im Grabe verschnaufen.

Lebt wohl! Dort oben, ihr christlichen Brüder,

Ja, das versteht sich, dort sehn wir uns wieder.“

Sonstiges

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Autobiographisches/Testament (Heines Testament)

http://de.wikipedia.org/wiki/Kaddisch (Kaddisch, zu „Kadosch“)

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_Messe_(Gottesdienst) (Deutsche Messe)

http://de.wikipedia.org/wiki/Messe_(Musik) (Messe)

http://de.wikipedia.org/wiki/Lutherische_Messen_(Bach) (Messen: Bach)

https://norberto42.wordpress.com/2013/06/09/heine-nicht-gedacht-soll-seiner-werden-analyse/

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