Heine: Enfant perdu – Interpretation

Verlorner Posten in dem Freiheitskriege…

Text

http://www.textlog.de/heine-gedichte-enfant-perdu.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1258

http://www.zeno.org/Literatur/M/Heine,+Heinrich/Gedichte/Romanzero/Zweites+Buch.+Lamentationen/Lazarus (Zyklus „Lazarus“)

Es gibt heute auf youtube verschiedene Songs mit dem Titel „enfant perdu“ (oder ähnlich); bereits in Goethes Ballade „Der Gott und die Bajadere“ sieht der Gott „ein verlornes schönes Kind“ (V. 15). „Enfant perdu“ ist ein Topos, der bereits in Ovids „Metamorphosen“ auftaucht und zunächst ganz wörtlich gemeint, später auch metaphorisch gebraucht wird.

Michael Werner („Heines poetisch-politisches Vermächtnis“) hat das vermutlich im Sommer 1849 entstandene Gedicht „Enfant perdu“ interpretiert (in: Interpretationen. Gedichte von Heinrich Heine, RUB 8815, S. 181 ff.); ich stütze mich weithin auf seine Ausführungen.

Im Zyklus „Lazarus“ betrachtet Heine seinen Tod aus einer Außenperspektive (vgl. auch „Gedächtsfeier“). Der Zyklus beschließt das Buch „Lamentationen“ im „Romanzero“; unser Gedicht ist das letzte Gedicht im Zyklus, die Nr. 20, und steht damit an exponierter Stelle. In Nr. 18 sieht Heine den Tod des Dichters in Analogie zum Ende eines Theaterstücks: „Der Vorhang fällt…“, zum Schluss erlischt die letzte Lampe: „Das arme Licht war meine Seele.“ In Nr. 19 übergibt er im „Vermächtnis“ alle seine Leiden seinen Feinden und wünscht, dass „der Herr“ ihr Angedenken vertilge. In Nr. 20, „Enfant perdu“, bietet er dann seine hervorgehobene Selbstinterpretation für die Nachgeborenen.

Der ursprünglich vorgesehene Titel des Gedichts war „Verlorene Schildwacht“. Die Schildwache war „eigentlich der vor jeder Wache stehende Posten vor dem Gewehr, der ehemals die hier aufgehängten Schilde und Waffen zu bewachen hatte; im weiteren Sinn jeder aufgestellte Einzelposten im Garnison– und Lagerdienst“ (Wikipedia). Das lyrische Ich erzählt davon, wie es „in dem Freiheitskriege“ (V. 1) seinen Posten verwaltet hat (1. – 5. Str.), und zieht dann Bilanz, indem es die gegenwärtige Situation dieses Postens beschreibt (6. Str.).

Das lyrische Ich, nennen wir es ruhig Heine, sieht sich seit 30 Jahren „in dem Freiheitskriege“; damit meint es „den durch Aufklärung und Revolution eingeleiteten universalen Kampf um die Befreiung des Menschen vom Menschen“ (M. Werner, S. 184). Seit 30 Jahren: Das ist die Zeit von Heines literarischem Schaffen, die Zeit seines Erwachsenenlebens. Darin war er ein „verlorener Posten“ (V. 1), wie er auch in der Vorrede zu „Lutetia“ sagt; er habe einen hoffnungslosen Kampf ausgefochten (V. 3 f.), wobei er auf seine persönliche Situation (krank in Paris im Exil) anspielt, wenn er auch im militärischen Bild bleibt.

In den beiden nächsten Strophen berichtet er von seinem Schicksal als Einzelkämpfer; er grenzt sich gegen seine von ihm bewachten Freunde ab, die er durch „das laute Schnarchen“ („dieser Braven“!) als Schlafmützen charakterisiert, wogegen er als Einzelkämpfer durchweg wach geblieben sei, auch „wenn ich ein bißchen schlummrig war“ (V. 8). Seine Dichtung erklärt er mit der Redensart vom Pfeifen im Wald, das sich bei Angst einstellt, wobei er durch „die frechen Reime eines Spottgedichts“ (V. 12) seine Angst bekämpft habe – beinahe schon ein Topos seines literarischen Schaffens [vgl. das erste Gedicht in „Die Heimkehr“ im „Buch der Lieder“, 1827].

In den beiden nächsten Strophen berichtet er von Kampfsituationen, wo er selber geschossen hat oder auch verwundet wurde: „Die Wunden klaffen – es verströmt mein Blut.“ (V. 20 – damit wird schon das Ende vorbereitet).

In der 6. Strophe beschreibt er, was das Ergebnis dieses Wachdienstes ist: „Ein Posten ist vakant! – Die Wunden klaffen -“ (V. 21); damit greift er die Stichworte vom verlorenen Posten (V. 1) und von seiner Verwundung (V. 20) auf und verbindet sie. Im Vorgriff auf seinen Tod beschreibt er die militärische Situation: „Der eine fällt, die andern rücken nach -“ (V. 22). Damit sieht er sich in einem größeren geschichtlichen Zusammenhang des Kampfes, fordert indirekt aber auch dazu auf, nachzurücken und seinen Posten zu übernehmen. In den Schlussversen stellt er in einem Kontrast den Kampf für die Freiheit über sein Leben: Ich falle unbesiegt / nur mein Herze brach (V. 23 f.). Er hat also die Stellung gehalten, wenn er selber auch stirbt; der einzelne Soldat ist ersetzbar, der Sieg der Armee hat Vorrang. Der Kontrast wird dann in der Verwendung des Verbs „brechen“ ausgestaltet: Waffen nicht gebrochen / Herze brach (V. 23 f.) – woran das Herz bracht, wird nicht gesagt: Er fällt, im Kampf unbesiegt. Das ist Kampfpathos und kleine Leidensgeste zugleich.

Das in der Überschrift „Enfant perdu“ gesetzte Thema bleibt unbestimmt: Die Rolle der Eltern, welche ihr Kind verloren haben, kommt nicht zur Sprache, ihre Rolle wird nicht besetzt. Der Titel ist trauriger als der Soldat, der vor seinem Tod seinen Posten für den nächsten räumt; ein verlorenes Kind kann man nicht unbesiegt nennen. So muss man den Titel auf V. 4 und auf die Existenz Heines im Exil beziehen.

Das Strukturprinzip des Gedichts ist die „Parallelisierung von persönlicher Biographie und Weltgeschichte“ (M. Werner, S. 190), die man auch sonst noch bei Heine findet: Exilsituation, persönliche Krankheit und politische Reaktion treffen 1849 zusammen und setzen Heine zu. Auch die Selbstdarstellung als Soldat im Freiheitskrieg gibt es bereits an anderer Stelle: „Die Poesie, wie sehr ich sie auch liebte, war mir immer nur heiligen Spielzeug […]; denn ich war ein braver Soldat im Befreyungskriege der Menschheit.“ (Reise von München nach Genua) Dass der Soldat fällt, hängt mit dem historischen Ort des verlorenen Postens zusammen: Er ist noch in der alten Zeit geboren und muss sich mit den Gespenstern der Vergangenheit herumschlagen.

Das Takt des Gedichtes ist der fünfhebige Jambus, also der Vers des klassischen deutschen Dramas, was zum tragischen Charakter des Gedichts passt. Es wechseln weibliche und männliche Kadenzen, entsprechend dem Prinzip des Kreuzreims. Dadurch werden jeweils zwei Verse zu einer größeren Einheit verbunden, was auch semantisch in den Strophen 1, 2, 3, 6 realisiert wird; in den Strophen 4 und 5 geht es nach dem 2. Vers im Enjabement ungebremst weiter. Entgegen dem Takt sind die Versanfänge in V. 2, 13, 16, 23 sinngemäß betont; auch sonst weicht der Rhythmus gelegentlich vom Takt ab. Die anaphorischen Ich-Satzanfänge (V. 3-5) entsprechen einem einfachen Erzählstil. Die Erwähnung des Schnarchens (V. 7), die Attribute „brühwarm“ (V. 16 – passt zum Bauch) und „schnöde“ gehören der Umgangssprache an und zeigen, dass der Bericht vom Befreiungskampf kein Heldenepos ist. Die Wiederholung „Die Wunden klaffen“ (V. 20, 21) hat hier den erzählstrategischen Wert, auf das Ende des Berichts und des Lebens vorzubereiten.

Michael Werner sieht im Gedicht eine „permanente[n] Bedeutungs- und Perspektivenverschiebung“ (S. 188); als überzeugendstes Beispiel kann er dafür den Tempuswechsel in der letzten Strophe anführen, und zwar im letzten Vers: Indem vom Brechen des Herzens im Präteritum gesprochen wird, indem der Sprecher also vom eigenen Tod als etwas bereits Ereigneten spricht, werde „zugleich ein Verfremdungs- und ein Intensivierungseffekt“ erzielt (S. 190). Aber auch der Wechsel von „Enfant/Posten“ und der von „unbesiegt/gebrochenes Herz“ mögen zu der genannten Perspektivenverschiebung gehören, vielleicht auch die bereits genannten Stilbrüche. Kämpfer und Dichter wollte Heine sein, und zum letzteren gehört am Ende ein gebrochenes Herz.

2 thoughts on “Heine: Enfant perdu – Interpretation

  1. Pingback: Heine: Die Loreley – Analyse « norberto42

  2. Den aktuell (Stand März 2015) jüngsten Beitrag zum Heine-Gedicht bietet Jessica Romana Dümler: Heinrich Heines „Entfant perdü“. Deutungen und Missdeutungen eines Titels. In: Wirkendes Wort, 64. Jahrgang, 2014, Heft 1, S. 31-45 (Zeitschrift erscheint im WVT-Verlag, Trier). Der Beitrag bietet eine Analyse des Gedichts sowie eine gründliche Diskussion der insbesondere jüngeren Forschungsliteratur.

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