Theodor Storm: Kanon der Gedichte, Hilfsmittel

Zuerst wollte ich nach dem bekannten Verfahren die Vorschläge Reich-Ranickis, die Texte in „Epochen der deutschen Lyrik“ (Bd. 8) und die Gedichte in der Freiburger Anthologie als Maßstab nehmen: Was in zwei dieser drei Sammlungen steht, gehört in den Kanon der Gedichte Theodor Storms. Doch da fehlten mir ein paar Gedichte, die ich schätze; deshalb habe ich auch noch den neuen CONRADY hinzugezogen, habe auch meine eigene Stimme berücksichtigt: Wenn ein Gedicht von den Fünfen mindestens zwei Stimmen bekommt, gehört es in den Kanon. Eine Ausnahme habe ich gemacht: „Im Herbste“ hat nur meine Stimme; ich nehme es trotzdem in den Kanon auf, weil es zu meinem Repertoire im Unterricht gehört hat. – Legende: „v“ Jahr der Veröffentlichung, „e“ Jahr der Entstehung.

Oktoberlied (Der Nebel steigt, es fällt das Laub)  v, e 1848

Herbst  v 1848 (e 1845)

Abseits (Es ist so still; die Heide liegt)   v 1848 (e 1847)

„Die verehrlichen Jungens, welche für dies Jahr“  v 1849 (e 1847)

Sturmnacht  v 1849 (e wohl 1846)

Von Katzen (Vergangnen Maitag brachte meine Katze)  v 1849 (1848?)

Elisabeth (Meine Mutter hat’s gewollt)  v 1850 (e 1849)

Abends (Warum duften die Levkojen)  v 1851 (e 1845)

Schließe mir die Augen beide  v 1851 (e 1846)

Lied des Harfenmädchens (Heute, nur heute)  v 1851 (e 1851)

Mondlicht (Wie liegt im Mondenlichte)  v 1851, neue Fassung 1856 

Und war es auch ein großer Schmerz  v 1852 (e 1851)

Im Herbste  v, e 1852

Ein grünes Blatt (Ein Blatt aus sommerlichen Tagen)  v 1852 (e 1850)

Hyazinthen (Fern hallt Musik)  1852 (e 1851)

Die Stadt (Am grauen Strand, am grauen Meer)  v 1852 (e 1851)

In Bulemanns Haus  v, e 1852

Trost (So komme, was da kommen mag!)  v, e 1853 (1854?)

Für meine Söhne  v, e 1854

Meeresstrand (An’s Haff nun fliegt die Möwe)  v 1856 (e 1853)

Die Nachtigall (Das macht, es hat die Nachtigall)  v 1864 (e 1856)

Über die Heide (Über die Heide hallet mein Schritt)  v, e 1875

 

An einem Gedicht möchte ich zeigen, wie schwierig manchmal die Entscheidung ist, ob man ein Gedicht in den Kanon der bleibenden Werke aufnehmen soll.

Du bist so jung

Du bist so jung – sie nennen dich ein Kind –

Ob du mich liebst, du weißt es selber kaum.

Vergessen wirst du mich und diese Stunden,

Und wenn du aufschaust und ich bin verschwunden

Es wird dir sein wie über Nacht ein Traum. –

 

Sei dir die Welt, sei dir das Leben mild,

Mög nie dein Aug gewesnes Glück bekunden!

Doch wenn dereinst mein halberloschnes Bild

Lieb oder Haß mit frischen Farben zeichnen,

Dann darfst du mich vor Menschen nicht verleugnen.

Dieses Gedicht entfaltet eine Erfahrung, die man nicht leicht so schön formuliert findet: Ein älterer Mann wendet sich [monologisch!] an „ein Kind“, einen jungen Menschen, vermutlich ein Mädchen (so lese ich es), mit dem ihn ein ganz zartes Band verbindet und dem er vorab entsagt (1. Str.). In der 2. Strophe formuliert er seine Wünsche, zuerst zwei für das Du, von denen der zweite selbstlos und hochherzig klingt: „Mög nie dein Aug gewesnes Glück bekunden!“ Der dritte Wunsch irritiert mich dann: Wenn es dereinst, in ferner Zukunft, um sein eigenes Bild in der Öffentlichkeit geht, „Dann darfst du mich vor Menschen nicht verleugnen.“ Ich verstehe nicht, wozu dieser Wunsch gut sein soll – wenn er längst tot ist, kann ihm egal sein, was die Leute von ihm sagen. Wozu will er das „Kind“, wenn er ihm schon jeden Trennungsschmerz, jede Festlegung auf seine Person ersparen möchte, auf eine solche Solidarität festlegen? Wo doch die Begegnung mit ihm bloß „wie über Nacht ein Traum“ sein wird? Natürlich wäre die gewünschte Solidarität als elementare Form der Treue schön – aber muss er das „Kind“ darauf festlegen? Wo Storm doch weiß, dass vergessen und vergessen werden das Gesetz des Lebens ist:

Vergessen und Vergessen werden! –


Wer lange lebt auf Erden,


der hat wohl diese beiden


zu lernen und manchmal auch zu leiden.

Dass die drei Wünsche nicht übereinstimmen, lässt mich zögern, dieses mich berührende Gedicht Stroms in den Kanon aufzunehmen. Aber ich stelle es zumindest hier vor. (Ähnlich ist es auch beim Gedicht „Mondlicht“, das nach meinen Kriterien in der Kanon gehört: ein Störung am Schluss.)

Hilfsmittel

http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Storm (insgesamt)

http://www.deutsche-biographie.de/sfz6827.html (Biografie)

http://www.martinschlu.de/kulturgeschichte/neunzehntes/vormaerz/storm/bio/1817.htm (Biografie)

http://www.grosse-literatur.de/autoren_storm.php (Biografie)

http://www.schuelerlexikon.de/sid/2044f14f17998d6bbd38f2f9711e3646/lexika/literatur/cont/cont0500/cont0502/full.htm (Biografie und lit. Schaffen)

http://www.buecher-wiki.de/index.php/BuecherWiki/StormTheodor (Biografie)

http://www.husumer-stadtgeschichte.de/Storm__Dannebrog.qxp.pdf (über den Juristen Theodor Storm)

http://dspace.utlib.ee/dspace/bitstream/handle/10062/18954/monatsschrift_39_1892_ocr.pdf?sequence=5 (dort S. 75 ff.: Biografie Storms, 1892, gut nationalistisch)

http://books.google.de/books?id=SflVjRezkXYC&pg=PA5&hl=de&source=gbs_toc_r&cad=4#v=onepage&q&f=false (Gertrud Storm: Theodor Storm. Ein Bild seines Lebens, Bd. 1) = http://archive.org/details/3430044_1 (1912, 2. Aufl.)

http://archive.org/details/3430044_2 (Gertrud Storm, Bd. 2, 1913)

http://archive.org/details/theodorstormsein00schuoft (Paul Schütze: Theodor Storm. Sein Leben und seine Dichtung, 3. Aufl. 1911 – 1. Aufl. 1887)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Reventlow,+Franziska+Gr%C3%A4fin+zu/Essays/Erinnerungen+an+Theodor+Storm (Reventlow: Erinnerungen an Theodor Storm)

http://m.schuelerlexikon.de/deu_abi2011/Theodor_Storm.htm (Leben und Werke)

http://www.xlibris.de/Autoren/Storm (Leben, Werke)

http://www.g.eversberg.eu/StormHusum.htm (Storm in Husum)

http://www.literaturport.de/index.php?id=125 (Theodor Storm in Potsdam, 1853-1856)

http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/2152802/ (Besprechung der neuesten kritischen Biografie),

http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article117690763/Der-sexuelle-Trieb-war-Theodor-Storm-Antrieb.html (dito)

http://www.storm-gesellschaft.de/index.php (Theodor-Storm-Gesellschaft)

http://bildungsserver.hamburg.de/theodor-storm/ (Links)

http://www.ub.fu-berlin.de/service_neu/internetquellen/fachinformation/germanistik/autoren/autors/storm.html (Links)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor (Werke)

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/ (Gedichte)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/Gedichte (Gedichte)

http://www.digbib.org/Theodor_Storm_1817/Gedichte (Gedichte, alphabetisch geordnet)

http://nddg.de/dichter/1423-Theodor+Storm.html (dito)

http://literaturlexikon.uni-saarland.de/index.php?id=3430 (Theodor Storm-Figurenlexikon)

http://home.arcor.de/anima.mundi/Storm_index.htm  (Christoph Brede: Todesfurcht als Hintergrund in der Lyrik Theodor Storms)

http://archive.org/details/3434145 (Theodor Storms Lyrik: Diss. 1910)

http://www.lexikus.de/bibliothek/Die-Landschaft-in-Theodor-Storms-Novellen (Die Landschaft in Theodor Storms Novellen, 1913)

http://www.bouillon-veyhl.de/Dokumente/StormsBlumen.pdf (Storm und die Blumen)

http://www.gottfried-august-buerger-molmerswende.de/eversberg_trunkene_liebesphantasie_2007.pdf (Storm und G. A. Bürger) = http://www.g.eversberg.eu/MWStormWiss/Seite9.htm

Über den Liebesdiskurs Storms mit Constanze, 1844-1846, als Hintergrund der Gedichte dieser Zeit

http://web.uni-frankfurt.de/irenik/relkultur146.pdf (W.-L. Federlin: zu Religion und Kirchenkritik bei Storm)

http://books.google.de/books?id=yn6qCLovDpYC&printsec=frontcover&hl=de#v=onepage&q&f=false (Die schönsten Liebesgedichte Storms, ausgewählt und kommentiert von Hark Bohm)

http://www.youtube.com/watch?v=eJVm0yaJwwg (Einführung in die Lyrik Storms, 1. Teil)

http://www.youtube.com/watch?v=tZsUpzuOth4 (dito, 2. Teil)

http://www.recmusic.org/lieder/s/storm/ (Vertonung von Gedichten Storms)

http://blog.zeit.de/schueler/2012/02/19/realismus-1848-1890/ (Literatur des Realismus)

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