Theodor Storm: Oktoberlied – Analyse

Der Nebel steigt, es fällt das Laub…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/oktober.htm

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1885)/Erstes+Buch/Oktoberlied

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=396

Storms „Oktoberlied“ (ursprünglich „Herbstlied“), im Oktober 1848 entstanden und veröffentlicht, steht am Beginn aller seiner Gedichtsammlungen und hat so einen programmatischen Charakter.

Das lyrische Ich, das nur im Pronomen „wir“ (V. 3, 15, 23) ausdrücklich mit benannt wird, wendet sich an ein Du, welches am Ende als „wackrer Freund“ (V. 23) angesprochen wird; gegen Christoph Brede halte ich daran fest, dass es sich um ein reales Du und nicht um eine verkappte Form des Ich handelt.

Der Ich-Sprecher beschreibt zunächst, was er draußen in der Natur wahrnimmt (V. 1): Der Nebel steigt, es fällt das Laub; das sind nicht nur zwei herbstliche Vorgänge, sondern mit den Verben „steigt / fällt“ auch gegenläufige; diese Gegensätzlichkeit finden wir noch öfter, sie ist eine der Eigentümlichkeiten des Gedichts. Wir finden die nächste gleich in V. 3 f.: „den grauen Tag / vergolden“; diesmal  handelt es sich um einen Entschluss, einen Aufruf: dem grauen Tag selber etwas entgegensetzen, sodass er seinen Charakter „grau“ verliert. Wie das geht, hat das Ich in seiner Aufforderung V. 2 bereits gesagt bzw. gefordert: Schenk’ uns den Wein ein. Der Wein wird als „hold“ bezeichnet, was in der weitesten Bedeutung „in einem merklichen Grade angenehm, was man mit merklichem oder vielem Wohlgefallen empfindet, liebenswürdig“ heißt (Adelung). Dem grauen Tag (obwohl nach V. 1 das Attribut „grau“ nur begrenzt berechtigt ist, wenn auch die Herbstlichkeit der Natur allgemeine Vergänglichkeit signalisiert) wird mit gelb leuchtendem Wein (-> „vergolden“: Glanz verleihen), einem Produkt menschlicher Kultur, begegnet. „Goldener Oktober“ ist seit Jahrhunderten eine feste Bezeichnung für das meist typische Landschaftsbild im Herbst; hier wird durch den Wein das Graue des Tages vergoldet. „Wir wollen“ taucht dreimal im Gedicht auf (V. 3, 15, 23): Es ist der ausgesprochene Wille der beiden, dem erfahrbaren Verdrießlichen den Lebenswillen entgegenzusetzen. Die Wiederholung (hier „vergolden, ja vergolden“, V. 4), ein weiteres Merkmal dieses Gedichts (V. 7, die ganze 4. Str., V. 17 f., V. 24), ist Ausdruck der Energie dieses Lebenswillens.

Die vier Verse der 1. Str. sind im Jambus abgefasst, wobei in V. 2 und V. 4 jeweils eine Silbe fehlt (weibliche Kadenz), also nur drei statt vier Hebungen vorliegen; zusammen mit dem Paarreim (holden/-golden) und der semantischen Geschlossenheit der Doppelverse ergibt das zwei Langverse, an deren Ende jeweils eine Pause eintritt. Viermal wird zudem der jeweils 2. Vers einer Strophe durch ein Rufzeichen abgeschlossen. Die langen o-Laute in V. 2 und 4 geben eine Ahnung von dem, was mit dem Vergolden angestrebt wird.

Die 4. Strophe ist gleich der ersten, sodass die beiden Strophen wie eine Klammer wirken. In den beiden Strophen dazwischen werden zwei widrige Umstände benannt, welche den Lebensgenuss stören können, welche aber jeweils durch eine oben schon benannte „Gegensätzlichkeit“ wieder aufgehoben werden. Da ist einmal der Umstand, dass es draußen, in der Welt, „toll“ zugeht; und zweitens wird erwähnt, dass gelegentlich das eigene Herz „wimmert“. Aber beides ist nicht endgültig; das Ich stellt den Widrigkeiten entgegen, was es von der Welt und vom Herzen weiß.

Worauf Storm mit V. 5 anspielt, dass es draußen toll zugeht, ist nicht sicher zu ermitteln, aber zu ahnen: „1848 ist europaweit ein Jahr der bürgerlich-revolutionären Erhebungen gegen die zu dieser Zeit herrschenden Mächte der Restauration und deren politische und soziale Strukturen.“ (Wikipedia, Art. „1848“) Ferner hat in Storms Heimat gerade der Schleswig-Holsteinische Krieg (1848-1851) begonnen. Als Apposition zum Satzadjektiv „toll“ fungiert die Alternative „unchristlich oder christlich“ (V. 6) – die ganze Bandbreite der Tollheiten wird damit abgedeckt; bemerkenswert ist, dass auch mit christlichen Tollheiten zu rechnen ist. Den Tollheiten steht entgegen, was das Ich sich hier (auch in der Wiederholung, V. 7) bewusst macht, dass die Welt schön ist und dabei auch „gänzlich unverwüstlich“ (V. 8). Man muss weit ausholen, um den Sinn des Reims zu fassen: Trotz aller Tollheiten, seien sie unchristlich oder christlich / ist die Welt unverwüstlich (V. 6/8). 100 Jahre nach Storms Gedicht konnte man nicht mehr so sicher wie er sein, dass die schöne Welt wirklich unverwüstlich ist.

Das Nächste, was den Lebensgenuss stören kann, ist das eigene Herz, welches gelegentlich „wimmert“ (V. 9). Wimmern: „einen schwachen, zitternden Laut der leidenden Ohnmacht von sich geben, wie kleine Kinder, und zuweilen auch Hunde“ (Adelung). Wer wimmert, stellt sich den Problemen nicht mannhaft, sondern ergibt sich dem Leiden. Woran Storm gedacht hat, wissen wir nicht; ich vermute, dass er darunter gelitten hat, dass er kurz nach seiner Eheschließung (1846) eine heftige Affäre mit Dorothea Jensen hatte, die er später nach dem Tod seiner Frau heiratete (1866). Das Herz wimmert „auch einmal“ (V. 9), gelegentlich, eher selten; dem stellt das lyrische Ich die Aufforderung entgegen, Wein zu trinken und fröhlich zu sein („Stoß an“, V. 10, nach „Schenk ein“, V. 2); „laß es klingen“ entspricht als Konkretum dem „vergolden“ (V. 4). Er begründet seine Zuversicht mit dem Wissen, dass ein rechtes Herz „gar nicht umzubringen“ ist (V. 12), also sehr viel aushalten kann. Auch dieses Wissen ist (trotz der Versicherung „Wir wissen’s doch“, V. 11) nicht allgemein gültig: Manchen Leuten bricht wirklich das Herz („broken-heart-Syndrom“). Doch der Ich-Sprecher ist für seine Person und seinen wackern Freund zuversichtlich. Hier ist der Reim („laß es klingen / nicht umzubringen“, V. 10/12), wieder höchst sinnvoll.

Mit der 4. Strophe als Wiederholung der 1. wird noch einmal bestätigt, dass der Ich-Sprecher allen Widrigkeiten trotzen und sich nicht unterkriegen lassen will, dass er den Genuss des guten Weins und des guten Lebens unter allen Umständen pflegen will.

In der 5. Strophe greift der Sprecher die anfängliche Situationsbeschreibung auf („Wohl ist es Herbst“, V. 17, vgl. V. 1), um ihr seinen Ausblick in die Zukunft entgegenzustellen: Partikel „Doch“ (V. 18) als Gegensatz zu „Wohl“ (V. 17, im Sinn von „Wenn auch“, konzessiv). Die Aufforderung zum Warten wird wiederholt (V. 17 f.) und damit intensiviert; auch die diminutive Zeitangabe „ein Weilchen“ (V. 18) soll zur Ermutigung beitragen: nur ein Weilchen, dann wird es anders (Frühling vs. Herbst, Sonne vs. Nebel, Veilchen vs. fallendes Laub). Der Reim ist wieder sinnvoll: Warte ein Weilchen / die Welt steht in Veilchen (V. 18/20). Gegen den Takt ist hier das einleitende „Wohl“ (V. 17) betont, was dem Widerspruch in v. 18-20 umso mehr Kraft verleiht. Die hellen Laute a-ei-ü-i-e untermalen den Beginn des Frühlings.

In der 6. Strophe wird die 5. unmittelbar fortgesetzt: Im Präsens spricht das Ich von der Zukunft so, als wäre sie schon gegenwärtig: „Die blauen Tage brechen an…“ (V. 21). Dass im Frühling die Luft „blau“ ist, wird in vielen Volksliedern und Gedichten besungen („Blaue Luft, Fühlingsduft…“; Höltys Gedicht „Die Luft ist blau, das Tal ist grün…“ usw.). Hier werden die kommenden blauen Tage dem gegenwärtigen grauen Tag (V.3) entgegengestellt; es folgt die Aufforderung an den Freund, sie gemeinsam zu genießen – in der Wiederholung von „genießen“ (V. 24) bekräftigt. Der Freund wird als „wacker“ bezeichnet: ursprünglich so viel wie „wach, wachsam“, dann auch „lebhaft“ und schließlich „in seinem Beruf thätig“ (Adelung), mit dem Beleg: Ein wackerer Mann, der seine Pflichten mit Munterkeit und Thätigkeit erfüllet. Das Herz eines derart wackeren Mannes ist vorerst „nicht umzubringen“ (V. 12), mit ihm kann man die blauen Tage genießen freilich nur „ehe sie verfließen“ (V. 22); hier höre ich eine kleine Einschränkung, die aber akzeptiert wird und die Zuversicht nicht beseitigen kann. Vielleicht entspricht dem die Möglichkeit, in V. 23 „Wir“ gegen den Takt zu betonen: Zumindest wir wollen sie genießen, mögen andere auch Trübsal blasen. – Der Reim ist wieder höchst sinnvoll: Ehe die blauen Tage verfließen / wollen wir sie genießen (V. 22/24). Man sieht hier wieder, wie die einzelnen Strophen aus Doppelversen bestehen, die zueinander passen.

Das Gedicht umreißt ein Lebensprogramm: wie man zusammen mit einem wackeren Freund den Widrigkeiten trotzen und die schönen Seiten der Welt auch in der bewusst wahrgenommenen Vergänglichkeit genießen kann. Heute wird das Gedicht auch in der Weinreklame verwendet.

http://home.arcor.de/anima.mundi/Storm_Programmatisches.htm (C. Brede)

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem.histcomm&ds=2611&start=0

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=pYJVsZutQMg (mäßig, mit Reklame)

http://www.podcast.de/episode/2177329/Oktoberlied%2Bby%2BTheodor%2BStorm/ (mäßig)

http://www.youtube.com/watch?v=1LFW1608im8 (gesungen von Wilhelm Strienz)

Sonstiges

http://www.rabenseiten.de/literatur/gedichte/jahr/hgedichte.htm (Herbstgedichte)

http://gedichte.woxikon.de/herbstgedichte (dito)

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/480635/Herbstgedichte-Gedichte-ueber-den-Herbst-Herbstgedichte (dito)

One thought on “Theodor Storm: Oktoberlied – Analyse

  1. Ich finde diese Analyse und Interpretation auf jeden Fall sehr hilfreich und gelungen. Ich hätte mir aber zusätzlich noch rhetorische Mittel gewünscht um die Interpretationen noch genauer folgen zu können.

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