Theodor Storm: Abseits – Analyse

Es ist so still; die Heide liegt…

Text

http://de.wikisource.org/wiki/Abseits_(Storm)

http://www.textlog.de/gedichte-abseits.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=376

Das 1847 entstandene Gedicht wurde 1848 veröffentlicht. Es ist folgendermaßen aufgebaut:

(1) Die Heide am Mittag im Sommer, beschrieben;

(2) Die Tiere in der Heide, beschrieben;

(3) Das Heidehaus und seine Bewohner, beschrieben;

(4) Die Ruhe in der Heide, abseits der aufgeregten Zeit, beschrieben und gepriesen.

Da ich vor fünf Jahren bereits eine Analyse geschrieben habe, begnüge ich mich damit, sie noch einmal hier abzudrucken und um einige Links zu ergänzen:

Bereits mit der Überschrift „Abseits“ gibt der Dichter einen Hinweis, dass dieses Abseits neben etwas anderem stehen oder liegen muss. Im „Leipziger Wortschatz“ werden als Synonyme angegeben: „abgelegen, absondern, außerhalb, beiseite, draußen, einsam, entfernt, fern, fernliegend, isolieren, seitab, zurückziehen“. Was also ist abseits und was ist das andere, das durch „Abseits“ mit in den Blick gerückt wird?

Abseits ist dort, wo es „still“ ist, sagt der Sprecher gleich zu Beginn: „Es ist so still; die Heide liegt / Im warmen Mittagssonnenstrahle.“ (V. 1 f.) Abseits ist die Heide. In den beiden letzten Versen sagt der Sprecher auch direkt, was das andere des Abseits ist: Es ist die aufgeregte Zeit (V. 23), also die große Welt und ihre Betriebsamkeit. Abseits ist „diese Einsamkeit“ (V. 24). Dieses Abseits wird vom Sprecher gepriesen, wie ich gleich zeigen werde; es ist ein Gegenbild gegen die Unruhe der Welt. Das Prädikativ „still“ und die zum Schluss genannte „Einsamkeit“ entsprechen einander und bilden den Rahmen um alles, was zum Lob der Heide als Lebensraum zu sagen ist. Zwar kann man das Schwirren der Vögel, „Lerchenlaut“ (V. 12) und einen Schlag der Dorfuhr hören (V. 20), aber eben doch „kaum“, da sie weit entfernt ist; vor allem jedoch sind Lerchengesang und Uhrenschlag nicht Lärm der aufgeregten Zeit, sondern in die Einsamkeit passende Laute oder Töne. Auch das Haus liegt „einsam“, also abseits des Dorfes (vgl. V. 20), was seinerseits abseits der Stadt liegt. Da das Haus so abseits liegt, sind auch nur zwei Menschen zu sehen, Vater und Sohn (V. 15 ff.), während einem in der Großstadt „Millionen Gesichter“ (Tucholsky: Augen in der Großstadt) begegnen. Vielleicht ist auch die Tatsache, dass das Alte Bestand hat („ihre alten Gräbermale“, V. 4), Zeichen dafür, dass die städtische Jagd nach Neuem und Neuigkeiten hier noch nicht begonnen hat.

Der Sprecher tritt als Figur nicht hervor, aber doch in der Art, wie er das, was er in der Heide wahrnimmt, beschreibt: Er sieht, wie ein Schimmer um die Hünengräber fliegt und wie die Kräuter blühen; er riecht den Heideduft, der aufsteigt; er nimmt also wahr, wie die Natur lebt und sich entfaltet. Es ist Mittagszeit (V. 2), Zeit der Heideblüte (V. 5), Zeit der Mittagsruhe (V. 19). Deshalb braucht der Bauer (Kätner: Bewohner der Kate) nicht zu arbeiten (V. 15 f.), kann behaglich blinzeln, statt aufmerksam zu schauen; sein Junge schnitzt Pfeifen (V. 17 f.), vertreibt sich also die Zeit mit dem, was ihm Freude macht. Da kein Lärm zu hören ist, schläft der Bauer ein, um von seinen fleißigen Bienen zu träumen (V. 21 f.), die für ihn die Arbeit erledigen.

Der Sprecher wendet sich in liebevoller Betrachtung dem Kleinen zu: Laufkäfer sieht er (V. 7) mit ihren Panzerröckchen (V. 8) – das Diminutiv zeigt sie als liebenswürdige Wesen; im Reim sind die „Glöckchen“ der Edelheide (nicht bloß: der Heide), an denen die Bienen hängen, ebenfalls diminutiv genannt; klein ist auch das Haus, gleich mehrfach: niedrig (V. 13), eine Kate (V. 15). Kleines ist das Abseits der in die Höhe strebenden Stadt, wo es eng ist und alles dicht beieinander steht.

Die Strophen sind gleichmäßig aufgebaut: Jeweils vier Takte Jambus, die ersten vier Verse im Kreuzreim aneinander gebunden, die beiden letzten im Paarreim; am Ende des jeweils zweiten und vierten Verses findet man eine weibliche Kadenz, welche als unvollendeter Beginn eines neuen Taktes für eine kleine Pause sorgt. Dadurch wird auch das bei Paarreimen mögliche Tempo merklich gebremst. Mehrfach hält der Sprecher sogar mitten im Vers inne (V. 1, V. 5, indirekt auch V. 20 durch die Inversion), er passt sich im ruhigen Sprechen der Stille der Heide an. Die sinntragenden Wörter werden betont: still, Heide, Mittag, Schimmer, alten, Gräber, Kräuter, Heide, blaue, Sommer (als Wörter der 1. Strophe): Es ist das, was sich dem ruhigen Betrachten darbietet. Außerhalb des Taktes werden „steigt“ (V. 6), „Lauf“ (V. 7), „kaum“ (V. 19), „kein“ (V. 23) und „drang“ (V. 24) betont; die beiden ersten Betonungen beruhigen das Sprechen, weil „steigt“ auf das betonte Wort „Duft“ folgt und so im Jambus eine kleine Pause erzwingt, was auch in V. 7 der Fall ist. Das Gleiche gilt für die Abfolge „Drang noch“ (V. 24). Mit „kaum“ und „kein“ sind Wörter betont, die eine Negation des Anderen, der fremden Stadt bezeichnen. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Sprecher ausgesprochen ruhig spricht, wie es einem Bewunderer der Heide und ihrer Einsamkeit angemessen ist.

Es gibt eine Vielzahl von Reimen, welche Verse sinnvoll aneinander binden: Da Mittagsruh ist, kann dem Alten die Wimper zufallen (V. 19/21); die aufgeregte Zeit (V. 23) steht im Gegensatz zu dieser Einsamkeit (V. 24). Sonst werden nur Verbindungen des Gleichen oder Gleichartigen hergestellt (Heideduft – Sommerluft, V. 5 f., usw.), da die Heidelandschaft in sich einheitlich still und einsam ist.

Dass diese einsame Heide primär Gegenbild gegen die städtische Unruhe ist und nicht realistisches Bild vom Leben und Arbeiten eines Heidebauern, hängt damit zusammen, dass nicht die Heidebauern Gedichte schreiben, sondern die Städter. Sie sind es, die sich ein Bild vom schönen Leben auf dem Land machen – ganz in der Tradition der Kultur- oder Zivilisationskritik Rousseaus (1712 – 1772), die schon früh nach Deutschland strahlte und sich auch in der Dichtung der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang Gehör verschaffte. Wie es wirklich auf dem Land zugeht, hat die spöttische Gestalt Mephisto seinem von natürlichen Mitteln der Verjüngung schwärmenden Herrn, Faust, gesagt:
„Begib dich gleich hinaus aufs Feld, 
Fang an zu hacken und zu graben, 
Erhalte dich und deinen Sinn
In einem ganz beschränkten Kreise,
Ernähre dich mit ungemischter Speise,
Leb mit dem Vieh als Vieh, und acht es nicht für Raub,
Den Acker, den du erntest, selbst zu düngen;
Das ist das beste Mittel, glaub,
Auf achtzig Jahr dich zu verjüngen!“ 
(Goethe: Faust I, V. 2353 ff.)
Oder zu Deutsch: Das Leben auf dem Land ist beschissen, du arbeitest dich kaputt; Mephisto durfte die Wahrheit gegenüber seinem Schwärmer Faust aussprechen. Nur unter dem Eindruck des Zaubertranks fiel Faust auf Gretchen, die eben diesem engen Lebenskreis angehörte, herein; doch schon bald hielt er es bei ihr nicht mehr aus, – aber das gehört in ein anderes Kapitel.

„Leben auf dem Land (mit einer Familie)“ als Idylle, das gibt es auch in einem Schlager Reinhard Meys (1980), wo im Refrain der Kontrast zur idiotischen Stadtwelt (drei Strophen) aufgebaut wird:

Reinhard Mey: Bei Ilse und Willi auf’m Land

Ein Hand voll Kinder in der kleinen Küche
lachen und krakeel’n, und Schwager Roberts Sprüche.
Oma in der Fensterbank, im Korb schnarcht der Hund,
Ulla deckt den Küchentisch, es geht wieder rund.
Kaffee auf’m Herd und Braten in der Röhre,
kein Platz auf der Welt, wo ich jetzt lieber wär‘, ich schwöre!
Die Füße unter’m Tisch, die Gabel in der Hand
bei Ilse und Willi auf’m Land.

Vor mir auf dem Schreibtisch türmen sich Papiere,
höchste Zeit, daß ich die wenigstens sortiere,
fang‘ ich von hinten an oder von vorn?
Völlig wurscht, den Überblick hab‘ ich doch längst verlor’n.
Ich räum‘ sie von einer auf die andre Seite,
fabelhaft wie unermütlich ich arbeite
bis mir der Ramsch vor den Augen verschwimmt
und ein Bild erscheint, das mich fröhlich stimmt:

Autobahnkreuz Frankfurt Süd, Wagen an Wagen,
seit zwei Stunden spür‘ ich, wie wir Wurzeln schlagen.
Schön, aus dem Radio jetzt zu erfahr’n:
„Wir empfehlen den Stau weiträumig zu umfahr’n“
Gummibärchen, Chips und Kekse aufgegessen,
Thermos leer, und mein Gesäß ist durchgesessen,
die Zeitung kenn‘ ich auswendig, mir knurrt der Bauch,
und jetzt singt Peter Alexander, und müssen muß ich auch.

Schon seit heute morgen, ohne Unterbrechung,
langweil‘ ich mich tödlich in dieser Besprechung,
und beim Versuch „Wie int’ressant“ zu lall’n,
bin ich schon zweimal vornüber auf den Tisch gefall’n.
Ich kann nicht mehr blinzeln, ich kann nicht mehr denken,
nicht mehr mit dem Tischnachbarn Schiffe versenken.
Jetzt meld‘ ich mich zu Wort: „Ich will hier raus,
wer von den Herren nimmt mich ‚Huckepack’ und trägt mich nach Haus?“

http://www.bk-deutsch.de/textanalyse/abseits.htm (zwei kurze Interpretationen)

http://www.gedichte-hoch-drei.de/gedicht-22.php

http://logos.kulando.de/post/2008/12/09/theodor-storm-abseits-1848-analyse-interpretation

http://www.abipur.de/referate/stat/653733241.html (Gedichtvergleich mit Mörike: Auf einer Wanderung)

http://home.arcor.de/richardt/5-14.htm

Vgl. Fontane: Mittag

Eichendorff: Mittagsruh

Vortrag

https://www.youtube.com/watch?v=_NV00As_aNc (Ulrich Tukur)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/abseits.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=Lenzfp2l1eg (Schüler: abschreckendes Beispiel)

http://www.youtube.com/watch?v=wBAZ0IOfhe0 (Rockballade: Gruftierocker)

One thought on “Theodor Storm: Abseits – Analyse

  1. Pingback: Fontane: Mittag – Analyse | norberto42

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