Theodor Storm: Herbst – Analyse

Schon ins Land der Pyramiden…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=390

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/herbst2.htm

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1885)/Erstes+Buch/Herbst/1.+%5BSchon+ins+Land+der+Pyramiden%5D (teilt das Gedicht auf)

Achtung: Es gibt von Storm außer diesem Herbstgedicht noch die Gedichte „Der Herbst“ (Das ist der Herbst…), „Im Herbste“ (Es rauscht…) sowie „Im Herbste 1850“ (Und schauen auch…). Wie in der Freiburger Anthologie angemerkt und von der bei zeno.org reproduzierten Ausgabe gedruckt wird, handelt es sich beim Gedicht „Herbst“ eigentlich um drei Gedichte; es wird sich zeigen, dass sie durch die Überschrift „Herbst“ nur oberflächlich miteinander verbunden sind. So ist es auch sinnvoll, in allen Gedichten die Verse gesondert zu zählen.

Veröffentlicht 1848, handelt es sich bei dem 1. Gedicht um ein „echtes“ Herbstgedicht, welches das Thema der Vergänglichkeit behandelt. Der Sprecher tritt indirekt in Erscheinung, in den Wertungen dessen, was er wahrnimmt, sowie in der Folgerung (und im Indefinitpronomen „man“), die er daraus ziehen zu können glaubt (V. 18-20); direkt meldet sich das lyrische Ich nur im Possessivum „dein“ zu Wort (V. 10), was als „mein“ zu lesen ist, da das Ich monologisch spricht.

Die eigentliche Erfahrung des Vergehens wird in den ersten drei Strophen behandelt: in dem, was der Sprecher weiß und wahrnimmt und denkt. Er weiß, dass die Vögel (Störche, Schwalben) schon in den Süden weggeflogen sind (geflohen, geschieden, V. 2 f.) und dass die Lerche nicht mehr singt (V. 4); er weiß, dass „die süßen Sommertage“ (V. 7) vergangen sind (Wiederholung „dahin“, V. 8, zur Bekräftigung, verbunden mit dem klagenden „Ach“, V. 8). Er nimmt wahr, dass der Wind „das letzte Grün“ streift (V. 6); dies tue er „Seufzend, in geheimer Klage“ (V. 5), meint der Sprecher zu vernehmen – auch der Wind leidet also an der Macht des Vergehens, wenn man den Partizipialsatz V. 5 nicht auf das Grün beziehen will, wozu er viel besser passt als zu „Wind“: Dann leidet das Grün an seinem Vergehen, es ist ja schon das letzte, wie der Sprecher weiß und das Grün wohl fühlt. Schließlich nimmt das Ich wahr, dass Nebel den Wald „verschlungen“ hat (V. 9) – die Assoziation „gefressen“ wird aufgerufen, was umso schlimmer ist, als dieser Wald im Sommer „dein stillstes Glück gesehn“ hat (V. 11), wohl ein Schäferstündchen mit der Liebsten. Das alles empfindet das Ich als Verlust: Die schöne Welt will ganz vergehen (V. 11 f.). Allerdings scheint sie „in Duft und Dämmerungen“ (V. 11, Alliteration) zu vergehen, was in sich schon ein hoffnungsvolles Zeichen ist – Vorgriff auf die beiden letzten Strophen. Ich möchte jedoch auf die unklare Position von „ganz“ (V. 11) hinweisen: Ich habe es als Adverb zu „vergehn“ (neben dem zweiten Adverbial „in Duft und Dämmerungen“) gelesen; es wäre auch möglich, es zusammen mit „in Duft und Dämmerungen“ als Attribut zu „die schöne Welt“ zu verstehen, was ebenfalls eine sinnvolle Lesart wäre: Selbst im Untergang ist die Welt noch schön.

Form: Die vier Verse jeder Strophe sind im Trochäus abgefasst, wobei jeweils Vers 2 und 4 eine Silbe weniger aufweisen (männliche Kadenz), was zusammen mit den Paarreimen und der semantischen Struktur dazu führt, dass quasi Doppelverse entstehen, also nach Vers 2 und Vers 4 eine Pause gemacht wird. Mit dieser Struktur hängt dann zusammen, dass eigentlich nur die Reime der Verse 2/4 sinnvoll sein können, während die Verse 1/3 mehr oder weniger beliebig reimen müssen: Störche flohn übers Meer / die Lerche singt nicht mehr (V. 2/4), usw.; Land der Pyramiden /Schwalbenflug ist längst geschieden (V. 1/3), das ist ein eher zufälliger Reim ohne semantische Leistung.

Wenn man prüft, mit welchen Wörtern der Herbsteindruck erzeugt wird, findet man Verben (fliehen, scheiden, bezogen auf Vögel; vergehen); eine Negation (singt nicht mehr); ein Adjektiv (letzte); ein Adverb (dahin); ein Nomen (Nebel, evtl. verbunden mit dem Verb „verschlingen“), also die ganze Palette der Wortarten. Von den ersten Wörtern der Verse sind „Schon“ (V. 1), „Seufzend“ (V. 5), „Ach“ (V. 8), „Nebel“ (V. 9) und „Ganz“ (V. 11) besonders stark betont.

War der Blick der Sprechers vom Jetzt (V. 5 f.; V. 9 ff.) bisher rückwärts gerichtet: ein Blick auf das Verlorene, so ändert sich das mit der 4. Strophe; vom Jetzt (V. 13 ff.) richtet sich der Blick in die Zukunft (V. 19 f.). Anlass dieser Änderung ist die gegenwärtige Wahrnehmung eines kraftvollen Sieges der Sonne („unaufhaltsam“, V. 14) über den Nebel.

Dass die Sonne „durch den Duft“ bricht (V. 14), ist dem Reim verdankt („über Tal und Kluft“, V. 16). Auch V. 15 f. sind sprachlich etwas eigenwillig: Aus dem Sonnenstrahl wird „ein Strahl der alten Wonne“ (V. 15), womit sachlich auf die süßen Sommertage (V. 7) zurückgegriffen wird. „Wonne“ bedeutet „die Freude, das Vergnügen, besonders ein hoher Grad derselben“ (Adelung), war aber bereits 1811 veraltet; „allein die neuern Schriftsteller haben es ohne Noth wieder in den Gang gebracht, indem es bey seinem dunkeln Baue wenig mehr sagen kann, als Freude,“ was von Adelung getadelt wird. Auch das Bild des rieselnden Strahls finde ich nicht gelungen. Zur Form ist nichts Neues zu sagen; nur die zweifache Betonung von „Unaufhaltsam“ (V. 14) ist bemerkenswert.

Die 5. Strophe (Hauptsatz, beginnend mit „Und“, V. 17) schließt an V. 15 f. an. Wichtig ist, dass Wald und Heide im Sonnenlicht „leuchten“ (V. 17) – ein Verb, dessen Konnotation des göttlichen Lichtglanzes (Goethe: „Wie herrlich leuchtet mir die Natur…“) abgeschwächt erhalten geblieben ist: Das Leuchten sichert den Glauben an den nächsten Frühling derart, „Daß man sicher glauben mag…“ (V. 18). V. 19 f. ist in indirekter Rede formuliert („Lieg“, V. 20: Konjunktiv I). Das Winterleid (V. 19) ist den süßen Sommertagen (V. 7) entgegengesetzt, der zukünftige ferne Frühlingstag (Alliteration, V. 20) verspricht einen neuen Sommer. In der 5. Strophe wird ausnahmsweise hinter dem zweiten Vers (V. 18) keine große Pause gemacht, weil der dass-Satz (V. 19 f.) an „glauben“ (V. 18) gebunden ist. „glauben mag / ferner Frühlingstag“ (V. 18/20) passen semantisch zueinander, weil der Frühlingstag der Inhalt des Glaubens ist. Eigentlich braucht es den Sonnentag nicht, damit man weiß, dass es demnächst wieder Frühling wird; entscheidend ist hier das Modalverb „mögen“: „so wohl subjective, als objective, Kraft, Macht, Vermögen haben etwas zu thun, möglich seyn, durch keinen Widerspruch, durch keine wesentliche oder zufällige Einschränkung gehindert werden, zu seyn oder zu handeln“ (Adelung). Durch den schönen Sonntag kann man es leichter glauben, dass nach dem Winter der nächste Frühling kommt.

Wir haben ein konventionelles Herbstgedicht vor uns, das auch heute noch gern und oft zitiert (bzw. im Internet gedruckt) wird; überhaupt erfreuen sich die Herbstgedichte einer großen Beliebtheit – vielleicht ist das dadurch bedingt, dass die Abschiedlichkeit eine Grundhaltung skeptischer Ethik ist (Wilhelm Weischedel: Skeptische Ethik, 1976, S. 194 ff. und S. 209 ff.) und dass der Herbst gerade dem Erleben von Vergänglichkeit und Abschied Raum gibt.

Gedicht 2 („Die Sense rauscht…“)

des Zyklus ist poetisch kaum bedeutend: Drei Vers im vierhebigen Jambus mit simplen Reimen (fällt – Feld – Welt); dass „die Ähre fällt“ (V. 1), macht es möglich, es dem Thema „Herbst“ zuzuordnen. Das Gedicht ist aber ein prophetischer Drohspruch, der heute noch aktueller ist als 1848: „Der Mensch begehrt die ganze Welt.“ (V. 3) Das kann nicht gut ausgehen. Eine passende Überschrift wäre „Der Mensch“.

Gedicht 3 („Und sind die Blumen abgeblüht…“)

des Zyklus ist nur durch die beiden ersten Verse mit dem Thema „Herbst“ verbunden. Mit dem einleitenden „Und“ wird das Thematisierte in eine reguläre Abfolge eingebunden, mit „So“ (V. 2) wird die Konsequenz der eingeforderten Handlung (Imperativ) vermittelt: Sind die Blumen verblüht, gibt es nichts zu klagen, sondern etwas zu ernten; von den Blumen kann man nur schwärmen, die Äpfel dagegen kann man essen. Das Bild „der Äpfel goldne Bälle“ (V. 2) hat einen erotischen Anklang, die Äpfel als „goldne Bälle“ (V. 2) weisen ziemlich eindeutig auf weibliche Brüste hin, was die Blumen und ihre Blüte im Lebenslauf der Frau (Jugend) verortet und dem Schwärmen/Brechen eine neue Bedeutung gibt. Damit wird der Weg für eine Verallgemeinerung frei, die in den beiden folgenden Versen vorgenommen wird. Sie sind analog den beiden ersten Versen aufgebaut, Vers 4 ergibt mit V. 2 einen Paarreim: Der Blumenblüte entspricht die „Zeit der Schwärmerei“ (V. 3), dem Brechen der Äpfel die Wertschätzung des Reellen, welcher man sich „nun endlich“ befleißigen soll (Imperativ). [Anmerkung eines älteren Herrn: Heute vertun die jungen Leute ihre Zeit nicht mehr mit Schwärmen, sondern bahnen frühzeitig sexuelle Begegnungen an – ihnen fehlt damit eine lebenspraktische Voraussetzung für das Verständnis des Gedichts. Wie es vor gut 50 Jahren war: Ich erinnere mich, dass eine Freundin damals – ich war vielleicht 17 Jahre alt – zu mir sagte: „Ich küsse nur den Vater meiner Kinder.“ Und das Schlimme war, sie handelte auch so. So blieb uns nur das Schwärmen… Deshalb verstehe ich Storms Gedicht 3 auch so, wie ich es verstehe.]

Die „Zeit der Schwärmerei“ geht hier nicht nur notwendig der Wertschätzung des Reellen voraus, sondern steht (wegen der beiden Adverbien in V. 4) auch in einem Gegensatz zu ihr. Die Parallele zwischen den beiden Vorgängen bzw. Doppelversen geht bis in den Satzbau hinein, nur dass V. 1 ein Konditionalsatz und V. 3 ein Hauptsatz ist. Die Verse bestehen aus vier Jamben, wobei V. 2/4 jeweils eine zusätzliche Silbe haben (weibliche Kadenz; zusammen der Sinneinheit der Doppelverse ergibt das eine Pause hinter V. 2). Der Paarreim „goldne Bälle / das Reelle“ (V. 2/4) steht in der Beziehung Konkretum / Abstraktum. Gegen den Takt ist „Hin“ (V. 3) am Satzanfang ausdrücklich betont; auch die beiden „So“ (V. 2, 4) tragen einen kleinen Akzent und leiten so energisch die Aufforderungen ein.

Wir haben einen Sinnspruch vor uns, in dem der Hörer aufgefordert wird, die Logik des Lebens anzuerkennen und entsprechend zu handeln. Dabei dienen V. 1 f. der Anschauung, V. 3 f. stellen die Verallgemeinerung dar. Der Spruch gilt einmal dem Einzelnen in seiner erotischen Reifung; aber er lässt sich auch den rot-grünen Landesregierungen ins Stammbuch schreiben – eben allen Personen und Institutionen, die für ideologische Schwärmereien anfällig sind. Als Überschrift könnte ich mir „Zur Vernunft kommen“ vorstellen. Der Spruch gefällt mir.

http://www.lyrikschadchen.de/Interpretation_Herbst_Storm.pdf (Interpretation einer Schülerin, mit Lehrerkritik)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/herbst-1650.html (Fritz Stavenhagen: nur Teil 1)

http://www.rezitator.de/gdt/1035/ (nur Teil 3: Lutz Görner)

Sonstiges

http://www.dw.de/herbst/a-4684775 (Stichwort „Herbst)

http://www.gedichtemeile.de/herbst/herbstgedichte.htm (Herbstgedichte)

http://www.deanita.de/herbst.htm (dito)

http://joachim-groesser.jimdo.com/gedichte-zu-den-vier-jahreszeiten/herbstgedichte/ (dito)

http://myweb.dal.ca/waue/Trans/0-TransList.html (herbstlich gestimmte Gedichte)

http://www.symbolonline.de/index.php?title=Apfel (Symbol Apfel)

http://www.mdr.de/lexi-tv/pflanzen/artikel20084.html (dito)

http://www2.germanistik.uni-freiburg.de/dafphil/internetprojekte/internetprojekte/projekte7/apfel/apfel_symbolik.html (dito)

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