Storm: Die verehrlichen Jungens, welche für dies Jahr – Analyse

Die verehrlichen Jungens, welche für dies Jahr…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1659 (frühe Fassung, v 1849)

http://www.lyrik123.de/theodor-storm-die-verehrlichen-jungens-welche-fuer-dieses-jahr-10047/

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=418 (späte Fassung, v 1864)

http://www.lyrik123.de/theodor-storm-august-10046/

Das 1847 entstandene, 1849 (ohne Überschrift) als Kalenderspruch für den Monat September veröffentlichte Gedicht lautet so:

 Die verehrlichen Jungens, welche für dies Jahr
Meine Birnen und Äpfel zu stehlen gedenken,
Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen
Sich möglichst in so weit zu beschränken,
Daß sie mir auf den anliegenden Beeten
Gefälligst die Wurzeln nicht zertreten!

Das Gedicht stellt eine Bekanntmachung dar, in welcher Diebe vorab schon in höflicher Form darum gebeten werden, möglichst wenig Schaden anzurichten; dass sie auf den Diebstahl verzichten könnten, wird nicht einmal erwogen. Daraus spricht die Gelassenheit des Erwachsenen, eines Gartenbesitzers, der weiß, dass er die Welt nicht verbessern kann – die Bitte um Schonung des sonstigen Eigentums widerspricht allerdings seiner eigenen Einsicht, und das macht gerade die Pointe des Gedichtes aus: Er verliert nicht die Contenance; er schickt sich in das „Gewohnheitsrecht“ der Jungen, Äpfel und Birnen zu stehlen; er bittet milde, aber wohl vergeblich um Schonung des Gartens.

Seine Höflichkeit beherrscht die ganze Äußerung: in der Anrede „verehrlich“ (V. 1), in der Umschreibung „zu stehlen gedenken“ (V. 2), im Verb „ersuchen“ mit dem Adverb „höflichst“ (V. 3), in der Qualifizierung des Diebstahls als „Vergnügen“ (V. 3), im Adverb „möglichst“, im Verb „sich beschränken“ sowie im Adverb „gefälligst“ (V. 6) – dieses aber nur, wenn man es wörtlich nimmt (wie es hier im Kontext zu lesen ist), sonst hat es doch einen herrischen Ton.

Der Adressat innerhalb des Textes sind die Jungen als Diebe; die Adressaten des Gedichtes sind die Erwachsenen, welche den Kalender in Ruhe zu Hause lesen und über das Gedicht schmunzeln, vielleicht auch über sich selbst und über ihren Ärger, in den sie durch solche kleinen Diebstähle geraten. Insofern ist das Gedicht ein Appell an seine Leser, es dem Sprecher gleich zu tun und nicht die Fassung zu verlieren, wenn die Jungen wieder einmal ihre Äpfel klauen.

Jeweils zwei Verse gehören syntaktisch zusammen und werden als Einheit gesprochen (Enjambement); die beiden ersten Doppelverse reimen sich demnach als Paarreim (gedenken/beschränken), im letzten Doppelvers gibt es den Paarreim in den zwei Versen (Beeten/zertreten). Der Rhythmus kommt nicht durch einen regelmäßigen Takt, sondern durch die Aufteilung des ganzen Satzes auf die drei Teile V. 1 f., V. 3 f., V. 5f. zustande. In der späteren Fassung wird deutlicher, dass es sich jeweils um vier Hebungen pro Vers mit freier Füllung, also um einen Knittelvers handelt:

 Die verehrlichen Jungen, welche heuer
Meine Äpfel und Birnen zu stehlen gedenken,
Ersuche ich höflichst, bei diesem Vergnügen
Womöglich in so weit sich zu beschränken,
Daß sie daneben auf den Beeten
Mir die Wurzeln und Erbsen nicht zertreten.

Die zweite Fassung (1864) steht unter der Überschrift „Inserat“ und greift damit die Form der Bekanntmachung auf. Inhaltlich sind die Veränderungen nicht erheblich; nur die Form des Knittelverses kommt jetzt auch in V. 1 und V. 5 zum Vorschein, wogegen diese beiden Verse in der älteren Fassung rhythmisch unsauber waren. Der Knittelvers entspricht dem Charakter des Gedichts: einer volkstümlichen Weisheit.

Wenn das Gedicht auch nicht zur großen Lyrik zählt, so gehört es ob seiner milden Weisheit doch zu den liebenswerten Gedichten, die nicht vergessen werden sollten, auch wenn die Jungen heute kaum noch Äpfel und Birnen klauen.

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