Theodor Storm: Sturmnacht – Analyse

Im Hinterhaus, im Fliesensaal…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/sturmna.htm

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1885)/Erstes+Buch/Sturmnacht

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=422 (ein Wort falsch, eine Stropheneinteilung fehlt)

Das 1849 veröffentlichte Gedicht, wahrscheinlich 1846 entstanden, ist ganz zauberhaft, eher für Kinder bestimmt, kann aber auch Erwachsene mit seiner sprachlichen Eleganz erfreuen – mich wenigstens.

Zunächst nenne ich die Wörter, die man Kindern heute vermutlich erklären muss: Hinterhaus, Fliesensaal, Schatulle, Föhre, Eibe, Rokokofuß, Kanapee, Kommode, Troß, Bann (?), (Fenster)Läden, glupen, schollern – die beiden letzten Verben erschließen sich vielleicht auch aus dem Zusammenhang.

Aufbau des Gedichts: In den ersten drei Strophen wird beschrieben, was im Hinterhaus geschieht (Präsens): Der Wind nähert sich bedrohlich dem Haus, die alten Möbel erwachen zum Leben, dies alles geschieht im Mondschein – in der 4. Strophe wird berichtet, was im Haus geschieht (Präteritum): Die Alten schwatzen, die Kinder verkriechen sich vor Angst unter die Decke. Im Hinterhaus werden zu Beginn (V. 1-10) und zum Schluss (V. 30-36) das Wirken von Mond und Wind beschrieben; das ist die Klammer, innerhalb derer beschrieben wird, was das alte Holz und die Möbel in dieser Sturmnacht tun. Im Haus (4. Str.) wird unterschieden zwischen dem, was die Alten im behaglichen Zimmer tun, und dem, was die Kinder in der Kammer erleben. Die Kammer könnte auch, muss aber nicht im Hinterhaus liegen.

In den ersten drei Strophen wird, ohne dass ein erlebendes Subjekt genannt würde, beschrieben, was der Wind und die Möbel in dieser Sturmnacht alles treiben. In der 4. Strophe kommt die „Auflösung“: Alle diese beängstigenden Geräusche vernehmen die Kinder „mit Schrecken“ in ihrer Kammer (V. 46), sodass sie sich verkriechen, während die Alten im Zimmer zusammensitzen und schwatzen. Der Sprecher steht also außerhalb des Geschehens, beschreibt das Sturmgeschehen (personal) aus der Sicht der Kinder; als allwissender Erzähler weiß er, was die Erwachsenen nicht hören (V. 41 ff.) und was die Kinder empfinden (V. 46 f.). [Es wäre sogar zu erwägen, ob der allwissende Erzähler in der 2. und 3. Strophe nur die Sicht der Kinder wiedergibt, vgl. V. 11 f. und V. 33, oder ob er vielleicht sogar als einziger weiß, was das Holz und die Möbel wollen – vermutlich genügt es aber, dieses „Wollen“ in der Vorstellung der verängstigten Kinder anzusiedeln.]

Es greifen viele rhetorische Mittel ineinander, sodass das Ergebnis ein wunderbares Leseerlebnis ist. In der Analyse muss man sie einzeln nennen – ihre Wirkung entfalten sie jedoch im Zusammenspiel. Da sind ersten die zahlreichen Personifikationen. Ich nenne beispielhaft nur die der beiden ersten Strophen: Der Mondstrahl wandelt, der Wind kommt, er fährt, er schwatzt („geschwind, geschwind“, V. 7, scheint aus seiner Perspektive gesprochen zu sein, ebenso „und dann wieder fort“, V. 9); das verzauberte (!) Holz (Perspektive der Kinder) wird lebendig, es will schütteln und greifen und sich schaukeln und in Übermut rauschen und Blicke tauschen.

Das zweite Mittel, mit dem die Vorgänge in der Sturmnacht so lebendig gemacht werden, ist der Rhythmus des Gedichts. Wir finden keinen festen Takt vor; in V. 1-4 gibt es vier Hebungen mit freier Füllung (Knittelverse), in V. 5-8 zwei Hebungen, was das Sprechen beschleunigt, da man sich ja auf vier Hebungen eingestellt hatte, und in V. 9 f. drei Hebungen, was zum Strophenende zu einem „Kompromiss“, einer Beruhigung führt. In der 2. Strophe haben wir einen steten Wechsel und damit ein große Unruhe, die den übermütigen Absichten des alten Holzes entspricht: 4 – 2 – 4 – 3 – 4 – 4 – 3 – 2 – 2 – 4 Hebungen. In der 3. Strohe gibt es (mit Ausnahme von V. 26) vier Hebungen, in der 4. Strophe wieder einen Wechsel von 2 – 4 – 2 – 4 Hebungen. Das Tempo wird nicht nur durch diese Wechsel beschleunigt, sondern auch durch den Satzbau. Dabei ist wichtig, dass die Sätze recht lang sind und über mehrere Verse hinweg gehen. So besteht die 1. Strophe aus drei Sätzen: V. 1-4, V. 5 f., V. 6-10. Die zweite Strophe ähnlich: V. 11 f.; V. 13-20, wobei hinter V. 17 eine kleine Pause eingelegt wird (erste Serie der Infinitive abgeschlossen). Die 3. Strophe (16 Verse) besteht aus sechs Sätzen, die letzte Strophe (11 Verse) sogar nur aus einem einzigen Satz. Zum Satzbau gehören auch die Und-Aufzählungen (V. 6, 7, 9; V. 30 f.) und das anaphorische „Mit“ plus Infinitiv (V. 15-17).

Für lebendige Unruhe sorgen auch die Wechsel der Reimformen. Ich führe es nur für die 1. und 2. Strophe aus: umfassender Reim V. 1-4; Kreuzreim V. 5-7 und 10 mit eingeschobenem Paarreim (V. 8 f.); Kreuzreim V. 11-14; Paarreim V. 15 f.; umfassender Reim V. 17-20. Mit diesem Wechsel ist natürlich auch ein Wechsel der den Reim beherrschenden Laute verbunden: a – ä – ä – a – i – ei – i – o – o – ei (1. Strophe). Es gibt nur wenige Alliterationen (w- V. 5, w- V. 13); wichtiger ist der Wechsel von Lauten und Hebungen, verbunden mit der Personifikation von Wind und Möbeln, die den lebhaften Eindruck der wilden Sturmnacht erzeugen.

Das bedeutet dann, dass man dieses Gedicht nicht lesen, sondern sprechen und hören muss, immer wieder, um den besten Klang durch Probieren zu finden – eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Leider habe ich im Netz keinen derartigen Versuch gefunden. Ich verweise deshalb bloß auf meine UnterrichtsreiheBildhafte Sprache in Gedichten“ für Kl. 6.

http://www.nibis.de/nli1/allgemein/gosin/vergleich/v8-2012/DeutschDidaktHinw2012/V8-2012_DEU-Modul-C_TH-III_2012-01-16.pdf (dort S. 55 ff.: Prüfungsaufgaben zum Gedicht, mit Lösungen, VERA-8 2012)

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