Theodor Storm: Abends – Analyse

Warum duften die Levkojen so viel schöner bei der Nacht…

Text

http://www.lyrik123.de/theodor-storm-abends-11571/

http://www.textlog.de/gedichte-abends.html

http://de.wikisource.org/wiki/Seite:Theodor_Storm_Sommergeschichten_und_Lieder.djvu/105

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&print=1&spalten=&id=375

Offenbar gibt es mehrere Gedichte Theodor Stroms mit der Überschrift „Abends“ (Auf meinem Schoße sitzet nun…; Die Drossel singt, im Garten scheint der Mond…), die man von unserem Gedicht unterscheiden muss.

Das vorliegende Gedicht ist 1845 im Briefwechsel mit seiner Braut entstanden; veröffentlicht wurde es 1851, vertont von Heinrich von Herzogenberg (1884?). Über den Briefwechsel Theodor Storms mit seiner Braut Constanze Esmarch schreibt Regina Fasold: „Es ist in der Forschung bekannt, dass Storm in seinem Briefwechsel mit Constanze Esmarch Mitte des 19. Jahrhunderts ein geradezu kolossal anmutendes Liebesprojekt entfaltet, das, gerade weil er es unternimmt, die Geschlechterliebe herauszulösen aus allen religiös-christlichen und kirchlichen Bezügen seiner Zeit, quasireligiöse Züge anzunehmen droht. Christian Demandt spricht nicht von ungefähr von einem „Liebesevangelium“, das Storm hier verkünde, und vermag durch eine Fülle von Belegen geradezu pietistische Strukturen in des Dichters Liebesdiskurs auszumachen. Und tatsächlich gewinnt man bei der Lektüre der Briefe nicht selten den Eindruck, hier einer Sektengründung  beizuwohnen, der Gründung einer Sekte, die freilich nur aus einem Führer und einem Mitglied besteht. Denn Storm hat versucht, seine Braut mit allen ihm in Briefen zur Verfügung stehenden Mitteln seiner Liebesauffassung zu unterwerfen –  diese Mittel reichen von der Darstellung großer historischer und literarischer Vorbilder, von projektiven Überformungen der Geliebten und ihrer Äußerungen, über suggestive und manipulative Überredungskunst, aggressiv formulierte Forderungen, Drohungen mit Beziehungsabbruch, Erpressungsversuchen (er könne krank werden, wenn sie sich nicht nach Wunsch verhalte) bis hin zu omnipotenten Kontrollen Constanzes durch die Korrespondenz selbst (mit Festlegungen für das tägliche Schreiben, mit Vorschriften für die Länge und die Inhalte der Briefe). Zugleich ging damit die strikte Forderung einher, und das unterstreicht den fundamentalistischen Zug in dieser ‚Liebesreligion’, sich mit der Geliebten und diesem ‚Konzept’ vor der übrigen Welt abzuschotten, aus ihrem exklusiven ‚Bund’ ein Geheimnis zu machen.“ (Regina Fasold, a.a.O., S. 33 f.)

Das Gedicht besteht aus drei Fragen eines lyrischen Ichs an eine Frau – eine Frau deshalb, weil auf ihre roten Lippen abgehoben wird (V. 2, V. 4). Im normalen Rollenverständnis (und erst recht aufgrund des Briefwechsels) wird man im Ich einen Mann erkennen, welcher konkret Theodor Storm war – oder eben die Rolle, die Theodor Storm für sich konzipiert hatte (s.o.). Die beiden ersten Fragen bereiten die dritte vor; mit der dritten fragt der Ich-Sprecher nach dem Ursprung seiner Sehnsucht, die roten Lippen seiner Geliebten zu küssen.

„Levkojen sind wegen ihres exquisiten Duftes bereits seit dem Altertum in Kultur; die Blüten duften bereits tagsüber, viel intensiver aber mit zunehmender Dämmerung. 1613 erwähnte Tabernaemontanus erstmals in seinem „New vollkommentlich Kreutterbuch“ ein „leucojum, das erst kürzlich aus Welschland gekommen sei“. Die neue Pflanze erfreute sich rasch großer Beliebtheit; um 1730 war sie weit in den hiesigen Gärten verbreitet und schnell ein großes Sortiment vorhanden.“ (Manufactum) Die schönsten Düfte der Nacht kommen von Levkojen und Nachtviolen. „Sie duften auch am Tage süß, aber das Beste des würzigen Geruchs scheint wie ein dünner Schleier über der Oberfläche zu liegen. Man muß den Duft nicht zu stark einatmen, denn besonders bei Levkojen und Goldlack hat er einen starken, unfeinen, krautartigen Untergrund. Aber der Duft, den ihnen an Sommerabenden so verschwenderisch entströmt, enthält nichts dergleichen. Dann geben sie nur ihr Allerbestes.“ (Gertrude Jekyll) Die erste Frage des lyrischen Ich gilt dem Grund, warum die Levkojen „so viel schöner bei der Nacht“ duften (V. 1). Der Sprecher ist natürlich nicht an einer sachlichen Antwort interessiert (um Motten und Nachtschwärmer anzulocken – das philosophische Problem einer solchen Warum-Frage sei hier ausgeklammert), sondern er möchte die zweite Frage vorbereiten: „Warum brennen deine Lippen so viel röter bei der Nacht?“ Mit der ersten Frage wird die zweite „legitimiert“: So etwas gibt es, dass Verlockendes in der Nacht stärker verlockt: die Levkojen, deine Lippen. So erscheinen dem Ich die Lippen „röter bei der Nacht“ (V. 2): Sie „brennen“ röter bei der Nacht – hinter dem Rot der Lippen wird so die Glut der heißen Lippen oder der heißen Küsse antizipiert. Dass Lippen „heiß“ sind und Küsse „brennen“, ist bekannt (Franz Lehar: „Meine Lippen, sie küssen so heiß“, aus Giuditta; vgl. auch einen kleinen Aufsatz von Ruth Weitz).

Die dritte Frage ist dann die entscheidende. Hier fragt das Ich nach dem Grund seiner Sehnsucht, „diese brennend roten Lippen“ zu küssen. Die Frage ist natürlich keine Frage, sondern Liebesbekenntnis und Ausdruck des Begehrens; denn die roten Lippen stellen eo ipso eine Einladung zum Küssen dar. Die dritte Frage ist insofern ungewöhnlich, als in ihr der Anblick der roten Lippen mit der „Sehnsucht“, sie zu küssen, verbunden wird; Sehnsucht kann man nur haben, wenn die Geliebte nicht anwesend ist, aber dann kann man auch die Lippen nicht sehen. Man versteht diese Ungereimtheit nur, wenn man das Gedicht tatsächlich in eine schriftliche Kommunikation versetzt: Das Ich weiß um die roten Lippen, aber hat sie nicht vor sich; deshalb hat es Sehnsucht, sie zu küssen.

Formal sind die beiden ersten Fragen gleich aufgebaut (Warum-Frage mit komparativischem Adverb und Zeitangabe „bei der Nacht“); die dritte Frage (V. 3 f.) weicht teilweise von diesem Schema ab: Warum-Frage, statt des Verbs dann der restliche Hauptsatz, kein komparativisches Adverbial, sondern ein satzwertiger Infinitiv mit „küssen“ plus Zeitangabe „in der Nacht“, wobei die brennend roten Lippen aus der 2. Frage aufgenommen werden. Die vier Verse sind im Trochäus abgefasst, acht Hebungen, mit männlicher Kadenz; dreimal folgt der gleiche Schluss „bei der Nacht“, einmal dazu der passende Reim „Sehnsucht auferwacht“ (V. 3). In den beiden ersten Versen trägt die sechste Hebung den stärksten Akzent (schöner, röter), weil der Komparativ die Pointe der Frage ist; analog ist es in den beiden folgenden Versen, so dann „Sehnsucht“ und „küssen“ den Hauptakzent tragen. Die Überschrift „Abends“ datiert das Bekenntnis auf den Abend; heute bedeutet „abends“ so viel wie „regelmäßig am Abend“ – das scheint im 19. Jahrhundert nicht der Fall gewesen zu sein.

Das Gedicht ist Ausdruck einer großen Sehnsucht, die auch außerhalb von Theodor Storms „Liebesevangelium“ bestehen kann, weshalb das Gedicht beliebt ist und gern zitiert wird.

http://www.sungshin.ac.kr:8900/jsps/common/download.jsp?sSiteId=kowoin&file=kowoin_1533_3_1341998600138.pdf&orifile=2%20-%20%BF%A9%BC%BA%BF%AC%B1%B8%B3%ED%C3%D1%C1%A610%C1%FD-%C6%ED%C1%FD%BA%BB%20(2).pdf&board_id=1533&board_seq=3&file_seq=1 (Regina Fasold, über den Liebesdiskurs Storms mit Constanze, 1844-1846, als Hintergrund des Gedichts)

http://www.fnl.at/aktuelles-termine/publikationen/doc_download/67-gesundheitsbote-heft-4-jahrgang-2012-kurzversion (warum die Levkojen duften)

http://www.garten-literatur.de/duft/mondschein.htm (über nachtduftende Pflanzen)

https://norberto42.wordpress.com/tag/storm/ (zu Storms Gedicht „Hyazinthen“)

http://www.youtube.com/watch?v=7tUq8Q_b8Lg („Meine Lippen, sie küssen so heiß“)

http://www.youtube.com/watch?v=4ng0hlh64c8 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=RrwY0hjePzY (dito)

Sonstiges

http://www.lexikus.de/bibliothek/Die-Landschaft-in-Theodor-Storms-Novellen/Darstellung-der-Landschaft/Allgemeiner-Charakter (über Storms Poesie und seine Landschaftsschilderungen)

http://waugh-lesen.blogspot.de/2012/03/levkojen-vor-dem-fenster-und-die.html (über Levkojen)

 

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