Theodor Storm: Schließe mir die Augen beide – Analyse

Schließe mir die Augen beide…

Text

http://www.textlog.de/gedichte-die-augen.html

http://www.storm-gesellschaft.de/?seite=54071 (mit franz. und engl. Übersetzung)

http://de.wikisource.org/wiki/Schlie%C3%9Fe_mir_die_Augen_beide

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1885)/Erstes+Buch/Schlie%C3%9Fe+mir+die+Augen+beide

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=398

Gertrud Storm berichtet in ihrem Buch „Theodor Storm: Ein Bild seines Lebens“, Bd. 1, von der ersten Zeit nach der Eheschließung, wo die Storms gerade in ihre neue Wohnung gezogen waren: „Aus dieser Zeit stammen die Gedichte Nun sei mir heimlich zart und lieb und Schließe mir die Augen beide, ferner ein ungedrucktes vom 1. Pfingsttage 1846: Gasel.“ (S. 186) Dieses 1846 entstandene, 1851 veröffentlichte Gedicht ist das am häufigsten vertonte Gedicht Storms.

Unklar ist mir, ob das Gedicht aus einer oder zwei Strophen besteht; wenn auch hinter V. 4 ein Einschnitt deutlich zu erkennen ist, haben doch zwei der fünf Textquellen dort keinen Stropheneinschnitt. Ein lyrisches Ich – biografisch Theodor Storm, s.o. – wendet sich an eine geliebte Person und bittet sie, ihm die Augen zu schließen (V. 1 f.). Wie hat man sich das vorzustellen? Vielleicht soll das Du dem Ich die Augen mit den Händen zuhalten; denn nur Toten drückt man die Augenlider zu. Die Hände werden als „liebe“ Hände bezeichnet, eine Metonymie für die Geliebte selbst. Es folgt eine Begründung des Wunsches in V. 3 f., worin die umfassende Bedeutung der Geliebten deutlich wird: „Alles, was ich leide,“ geht „unter deiner Hand zur Ruh“. Hier ist „unter deiner Hand“ metaphorisch gemeint: unter deiner Fürsorge, unter deinem Schutz. „Alles, was ich leide,“ ist völlig unbestimmt; die Wendung lässt nur darauf schließen, dass das Ich auch „jetzt“ an etwas leidet. Das dies alles „zur Ruh“ geht, heißt zunächst: Es geht schlafen, heißt dann auch: Es verschwindet, es entzieht sich der Wahrnehmung.

Die vier Verse sind im Trochäus abgefasst, vierhebig, wobei in V. 2/4 eine Silbe fehlt (männliche Kadenz); dadurch entsteht nach V. 2 und V. 4 eine Pause, zumal da V. 1 f. und V. 3 f. zwei selbständige Sätze sind. Im Kreuzreim sind entsprechend V. 2/4 sinnvoll aufeinander bezogen: die Augen schließen, zu / alles geht zur Ruh. Die beiden anderen Reime (beide/leide) greifen Wörter mitten im Satz heraus und sind semantisch ohne Bedeutung. Das Tempo ist getragen; Gedichte mit ähnlichem Rhythmus sind von Heine bekannt (z.B. „Wo wird einst des Wandermüden…“ http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/HeineNachlese/wo.htm), der zu den Lehrmeistern Theodor Storms gehört.

In den letzten vier Versen beschreibt der Ich-Sprecher, wie er erlebt, dass das angesprochene Du ihm die Augen schließt. Er greift dabei das Bild „zur Ruhe gehen“ (V. 3 f.) auf: Der Schmerz legt sich schlafen (V. 5 f.). Das erläutert er mit zwei adverbialen Bestimmungen, „leise“ (V. 5) und  „Well’ um Welle“ (V. 6). Die Ergänzung „Well’ um Welle“ lässt mich an Kopfschmerzen denken, die mit dem Rhythmus des Puls- oder Herzschlags abnehmen, während die Ergänzung „leise“ der Atmosphäre von „schlafen gehen“ angehört, eine Ausgestaltung der Personifikation „sich schlafen legen“. Der ganze Vorgang ist in einem Wie-Nebensatz auf den folgenden Hauptsatz (V. 8) bezogen, wobei „wie“ einen temporalen Sinn hat, die Gleichzeitigkeit bezeichnet. Eine zweite Wie-Bestimmung steht in V. 7; der letzte Schlag müsste der letzte Pulsschlag sein, der noch mit einem kleinen Schmerz verbunden ist, sozusagen die letzte Welle des Schmerzes. Diesen beiden Bestimmungen ist das abschließende Liebesbekenntnis als Hauptsatz zugeordnet: Du füllst mein ganzes Herz, wobei die altertümliche Form „füllest“ sich dem Trochäus verdankt, aber auch ein wenig Liebespathos verströmt.

Bei den letzten vier Versen gibt es einen umarmenden Reim, wobei die beiden Binnenverse aus acht, die beiden rahmenden Verse aus sieben Silben bestehen. Die Reime „Schmerz/Herz“ (V. 5/8) sind konventionell; in den beiden Reimen der Binnenverse kommen die beiden Wie-Bestimmungen auch in der Lautung überein. In V. 5 sorgt die fehlende Silbe für eine kleine Pause am Ende, in V. 6 das Satzende, in V. 7 Satzende und Reim, mit Vers 8 schließt das Gedicht: V. 5 ff. wird also wieder ruhig gesprochen, das Tempo entspricht dem beschriebenen Vorgang, dass das Ich zur Ruhe kommt.

Die große Anzahl der Vertonungen (über 70) zeigt, wie sehr das Liebesgedicht von den Lesern bzw. Komponisten geschätzt wurde; es preist die Innigkeit einer tiefen Liebe, jenseits von Leidenschaft oder Missverständnissen, die Erfüllung des Herzens.

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/schliesse-mir-die-augen-beide.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=VSvB51RSxgc  (Vertonung: Alban Berg)

http://www.youtube.com/watch?v=mBNRIo7JjaQ (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=HXYJhk7dvdE (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=xJjgpZ5QUJY (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=hA00s2kqq04 (dito: H. Prey)

http://www.youtube.com/watch?v=1xge8ijvNG4 (andere Vertonung)

http://www.youtube.com/watch?v=ZOcTDoy8hm4 (dito)

http://www.youtube.com/watch?v=Yi7rXh7_WfE (Vertonung: Joseph Marx)

Sonstiges

http://www.recmusic.org/lieder/get_text.html?TextId=15411 (Liste der Vertonungen)

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