Theodor Storm: Mondlicht – Analyse

Wie liegt im Mondenlichte…

Text

http://www.textlog.de/gedichte-mondlicht.html (2. Fassung, 1856)

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/mond.htm

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/Gedichte/Gedichte+%28Ausgabe+1885%29/Erstes+Buch/Mondlicht

http://de.wikisource.org/wiki/Mondlicht (1. Fassung, 1851)

Dieses Mondgedicht wird gern zitiert, aber nicht analysiert – es fehlen Angaben zur Entstehung und zur Überarbeitung. So halte ich mich einfach an den Text der Neufassung, die 1856 veröffentlich worden ist.

Es meldet sich ein lyrisches Ich in seinem Erleben zu Wort: „Wie liegt im Mondenlichte / Begraben nun die Welt…“ (V. 1 f.) Die einleitende Partikel „Wie“ ist „ein Umstandswort, die Beschaffenheit, Art und Weise zu bezeichnen“ (Adelung); hier als „ein Fragewort, nach der Art und Weise zu fragen“ (Adelung) – in Verbindung mit Adverbien leitet es auch Ausrufe ein, hier leitet es ohne Adverb einen Ausruf ein. Zu Beginn stehen also zwei Wie-Sätze (V. 1 f., V. 3 f.), in denen das Ich voller Begeisterung auf den besonderen Charakter der Welt hinweist, den sie „im Mondenlichte“ zeigt. Es scheint dem Ich so, als wäre das Mondlicht eine Decke, unter der „die Welt“ begraben ist; „begraben“ ist hier metaphorisch im Sinn von „zudecken“ gemeint. Im zweiten Wie-Satz wird genauer gesagt, was es mit dem Begraben auf sich hat: „Der Friede“ hält die Welt umfangen, die also sonst ein Ort des Streites oder des Kampfes sein muss. Der Friede wird als „selig“ bewertet; in der Religion ist jemand selig , wenn er „von allen Übeln des irdischen Lebens auf ewig frei und der himmlischen Wonnen teilhaftig“ ist (DWDS); abgeblasst ist selig, wer wunschlos glücklich ist. Der Mond vermittelt also eine Art himmlischen Frieden, wie es in der Tradition der Mondgedichte üblich ist (vgl. Claudius: Der Mond ist aufgegangen; Faust, in „Wald und Höhle“: „Und steigt vor meinem Blick der reine Mond / Besänftigend herüber…“, V. 3235 f.).

Der Sprecher verwendet den Jambus, dreihebig, mit nachklingender Silbe in Vers 1 und 3 jeder Strophe (weibliche Kadenz); es reimen sich die Verse 2/4 – wenn man den ganzen Doppelvers liest, auch sinnvoll (im Mondlicht begraben / vom Frieden umfangen). Durch die nachklingende Silbe wird nach V. 1, 3 eine kleine Pause erzeugt, hinter V. 2 ist der Satz zu Ende – das Gedicht wird also ruhig gesprochen, wie es zu der gepriesenen friedvollen Situation passt.

In der 2. Strophe wird der Frieden oder die Ruhe am Beispiel der Winde expliziert: Sie müssen schweigen (V. 5), sie säuseln zuerst noch und schlafen dann ein (V. 7 f.). Die Beruhigung der Winde wird auf den Mondschein zurückgeführt (V. 6, „sanft“). Eigentlich sind V. 5 f. und V. 7 f. parallele Aussagen; am Ende ist das Schweigen eingetreten, wovon zu Beginn bereits die Rede war. Dem „säuseln“ parallel steht „weben“, was dichterisch verwendet „sich regen“ bedeutet (DWDS). Auch hier ist der Reim semantisch sinnvoll: Sanft ist der Schein / Die Winde schlafen ein (V. 6/8). Die Doppelverse bilden jeweils einen Satz bzw. ein verkapptes Satzgefüge (V. 5 f.).

In der 3. Strophe wird die belebende Wirkung der Nachtruhe gezeigt – diese Strophe ist gegenüber der ersten Fassung neu und deutlich besser: Dem nächtlichen Frieden stehen hier die „Tagesgluten“ gegenüber, welche offenbar das Blühen mancher Blumen erschweren; in der Kühle der Nacht können diese dagegen aufgehen. Die beiden Doppelverse sind jeweils ganze Sätze (Neben- und Hauptsatz, V. 9 f. und V. 11 f.), im Reim sind die beiden Gegensätze aneinander gebunden: „zur Blüte nicht erwacht / duftet in der Nacht.“ Die nächtlich duftenden Blumen findet man bei Storm öfter, etwa die Levkojen im Gedicht „Abends“ („Warum duften die Levkojen soviel schöner bei der Nacht?“) oder die „Hyanzinthen“ („Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht / Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen.“).

Mit der 4. Strophe kommt der Sprecher auf sich selbst zu sprechen und bekennt, solchen Frieden, wie er ihn gerade erlebt, lange entbehrt zu haben; er wendet sich also auf sich selbst zurück, reflektiert seine Situation (V. 13 f.), was in Mondgedichten durchaus normal ist. Dann wendet er sich an ein bisher nicht genanntes Du: „Sei du in meinem Leben / Der liebevolle Mond!“ (V. 15 f.) Das ist ein Liebesbekenntnis und eine Bitte, die mich überrascht; die Bitte entspringt dem Wunsch, im Frieden zu leben, überträgt eine Vermittlung als Daueraufgabe einem geliebten Du. Das passt insofern nicht zum bisherigen Gedicht, als der Mond(schein) die Gegengröße zur „Welt“ war (V. 1 f.) und auch jedes geliebte Du zu dieser Welt gehört, zweitens insofern, als der Mondschein seine Friedensleistung nur im Moment erbringt, das liebende Du aber andauernd „in meinem Leben“ ein solcher Mond sein soll. Auch in „Schließe mir die Augen beide“ beruhigt das liebende Du (nur) im Augenblick das leidende Ich – hier wird es dagegen auf Dauer in seinem Mond-Amt installiert. Der Reim „nicht gewohnt / der liebevolle Mond“ (V. 14/16) bindet die beiden Sätze im Sinn des Verhältnisses von Entbehrung/Erfüllung aneinander. Das Pronomen „du“ (V. 15) bekommt einen ganz starken Akzent.

Diese beiden letzten Verse erweisen sich als Pointe und Zweck des ganzen Gedichts; der Preis des Mondscheins erscheint als Vorwand, um das Ich im Liebesbekenntnis in sein Mond-Amt einzuführen. Goethe hatte sich an dieser Stelle im Gedicht „An den Mond“ noch damit begnügt, denjenigen selig zu preisen, der „einen Freund [Mann] am Busen hält“ und sich mit dem von der Welt ohne Hass abwendet, um die Gemeinschaft zu genießen. Storm geht noch zwei Schritte weiter, das lyrische Ich überträgt einfach a) dem geliebten Du, b) auf Dauer, diese Aufgabe, an der das Du nur scheitern kann; es geht in seiner Funktion auf, wird nicht als ebenfalls bedürftiges Ich wahrgenommen. (Ähnlich ist es auch beim Gedicht „Du bist so jung“, das ich bei der Zusammenstellung der in den Kanon gehörenden Gedichte vorgestellt habe: eine kleine Störung am Schluss.)

Hier ist daran zu erinnern, was ich oben zum Gedicht „Abends“ über Storms Verhältnis zu Constanze geschrieben habe; die Wendung zum Schluss des Gedichtes ist nicht vorbereitet, die traditionelle Mond-Lyrik wird fortgesetzt, aber im Liebesbekenntnis auch entwertet. Selbst im Gedicht „Schließe mir die Augen beide“ geht es nur um den Moment der Beruhigung; hier dagegen wird der Mondschein-Effekt institutionalisiert. Diesem Amt ist kein liebendes Du gewachsen, weil es selber ab und zu den Mondenschein erleben muss.

Sonstiges

http://clair-obscur.ch/fileadmin/arachne/pubs/dreitaegigemond.pdf (Der Mond als Chiffre des Stilwandels von Goethe bis Storm)

http://derpostmann.blogspot.de/2013/06/gedichte-zum-thema-mond-mondgedichte.html (Mondgedichte)

http://fioriepoeti.blogspot.de/2012/03/theodor-storm-luce-lunare-mondlicht.html (italien. Übersetzung)

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