Theodor Storm: Lied des Harfenmädchens – Analyse

Heute, nur heute…

Text

http://www.textlog.de/lied-gedichte.html

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1885)/Erstes+Buch/Lied+des+Harfenm%C3%A4dchens

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=394

Über Harfenmädchen

Zunächst möchte ich klären, was es mit den Harfenmädchen auf sich hat; denn die gibt es heute unter diesem Namen nicht mehr. Harfenmädchen, also professionelle Harfenspielerinnen, die mit anderen Musikanten umherzogen und die Leute bei Festen unterhielten, hatten einen schlechten Ruf. Ich nenne dafür zwei Beispiele. Das erste stammt aus den Canterbury-Erzählungen aus dem 14. Jahrhundert. Darin erzählt der Ablasskrämer:

„Dann kamen hübsche, schlanke Tänzerinnen

Und junge Obst- und Waffelhändlerinnen,

Und Huren, Harfenmädchen und was mehr

Als Officier dient in des Teufels Heer,

Die fleischlichen Begierden zu entflammen.

Denn Völlerei und Kitzel wohnt beisammen.“

(Canterbury-Erzählungen, Zweiter Teil)

Das zweite Beispiel stammt aus Karl May: Das Buch der Liebe, 1876: „In Breslau existiren eben 1000 der Polizei bekannte öffentliche Dirnen. Zahlreiche Hôtels garni, Schänkwirthschaften mit Chambres separées, sowie prostituirte Kellnerinnen, Harfenmädchen, Couplet- Sängerinnen u.s.w. leisten auch hier der Prostitution einen bedeutenden Vorschub und fördern die allgemeine Unsittlichkeit in bedauernswerther Weise.“ (3. Abteilung, Kapitel: In Schmutz und Staub, S. 401)

Harfenmädchen hatten also über die Jahrhunderte einen schlechten Ruf. Böhmische Harfenmädchen werden im Damen Conversations Lexikon, Bd. 5, 1835, erwähnt. In Heines „Wintermärchen“ (1844) wird in Caput I vom Lied des Harfenmädchens berichtet, gegen welches Heine sein neues Lied setzen will:

„Ein kleines Harfenmädchen sang.

Sie sang mit wahrem Gefühle

Und falscher Stimme, doch ward ich sehr

Gerühret von ihrem Spiele.

 

Sie sang von Liebe und Liebesgram,

Aufopfrung und Wiederfinden

Dort oben, in jener besseren Welt,

Wo alle Leiden schwinden.

 

Sie sang vom irdischen Jammertal,

Von Freuden, die bald zerronnen,

Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt

Verklärt in ew’gen Wonnen.“

Theodor Storm hat 1843 selber ein Gedicht über „Das Harfenmädchen“ veröffentlicht, welches das lyrische Ich geliebt hat, als es noch jung und unverdorben war, ehe es von der Mutter zum Harfenspielen gezwungen wurde. Das Ich trifft das Mädchen sieben Jahre später wieder:

„Wie greifst du so keck in die Saiten

Und schaust und äugelst umher!

Das sind die kindlich scheuen,

Die leuchtenden Augen nicht mehr.

 

Doch kann ich den Blick nicht wenden,

Du einst so reizende Maid;

Mir ist, als schaut ich hinüber

Tief, tief in vergangene Zeit.“

„Lied des Harfenmädchens“

Das Lied des Harfenmädchens steht in der Novelle „Immensee“ (1849 verfasst, 1850 veröffentlicht, 1851 in einer zweiten Fassung in der Sammlung „Sommergeschichten und Lieder“). In dieser Neufassung 1851 steht das Lied im Kapitel „Da stand das Kind am Wege“ (Ausgabe zeno.org S. 501 f.): Elisabeth war nach langen Jahren der Trennung bei einer Waldpartie für Reinhard „der Ausdruck für alles Liebliche und Wunderbare seines aufgehenden Lebens“ (S. 500) geworden. Im folgenden Kapitel begegnet Reinhard dann am Weihnachtsabend nachmittags im Ratskeller mit anderen Studenten der Harfenspielerin; sie wird für ihn zu einer Versuchung, vor der er durch einen Freund bewahrt wird, der ihn nach Hause schickt, wo ein Weihnachtspaket von seiner Mutter und Elisabeth auf ihn wartet, wodurch die Liebe zu Elisabeth in ihm erneuert wird.

Das Harfenmädchen, „mein böhmisch Liebchen!“, wie einer der Studenten ruft, weist die billige Anmache einiger Studenten selbstbewusst zurück; auch Reinhard beleidigt sie, indem er ihre schönen Augen „falsch“ nennt. „»Auf deine schönen, sündhaften Augen!« sagte er und trank.“ Sie trinkt dann mit ihm und schaut ihm in die Augen. „Dann griff sie einen Dreiklang und sang mit tiefer, leidenschaftlicher Stimme:

Heute, nur heute

Bin ich so schön…,

eben das Lied des Harfenmädchens. Das Lied stellt in der Novelle also eine Liebeserklärung an Reinhard dar. Wie Reinhard reagiert, wird nicht mehr berichtet – unvermittelt taucht der Freund auf, der ihn wegen des Weihnachtspakets nach Hause schickt.

Das Gedicht lebt vom Gegensatz zwischen dem Heute und dem Morgen (V. 1-4), der mit dem Kontrast ‚ich bin schön / alles vergeht’ gleichgesetzt wird. In den nächsten vier Versen wird dieser Gegensatz erneut aufgegriffen: ‚diese Stunde / [später] sterben’ und ‚du bist mein / ich sterbe allein’. Das lyrische Ich, hinter dem sehr deutlich das Harfenmädchen selbst steht, bietet an und bittet also um die Liebe im Augenblick, im Heute. Was danach kommt, sei ohnehin Untergang und damit nicht mehr wichtig.

Das Gedicht hat seine besondere künstlerische Gestalt „aufgrund von syntaktischen Parallelismen, wie sie in der Lyrik aller Völker vorkommen“ (Norbert Mecklenburg). Die Kontraste sind auch im Satzbau streng parallel ausgeführt: Doppelte Zeitangabe (V. 1, 3), ganz einfacher Hauptsatz mit den Pronomina „ich / alles“ (V. 2, 4) bzw. „du / ich“ (V. 6, 8) als Subjekt. In der zweiten Hälfte sind die Zeitangaben nicht mehr so klar: „diese Stunde“ (V. 5) entspricht dem „Heute“ (V. 1), woraus sich für V. 7 das nicht ausgesprochene „Später“ als Pendant zu „Morgen“ (V. 3) ergibt. Die beiden Extreme Liebe und Tod bilden also den Rahmen, in dem das lyrische Ich sich bewegt, indem es auf Heute und Morgen blickt.

Die Form des Gedichtes ist nicht leicht zu bestimmen. Ich erkenne zwei Hebungen pro Vers, zwischen denen zwei weitere Silben stehen; die sich reimenden Verse 2/4 und 6/8 enden mit einer betonten Silbe, in den anderen Versen klappt eine Silbe nach (weibliche Kadenz). Die Verse haben keinen Auftakt, bis auf V. 4 („Muß“ schwach betont, es folgt das stark betonte „alles“). Die Reime formulieren die genannten Kontraste aus: ich bin schön / alles vergehn; du bist mein / ich sterbe allein. Mit diesen klaren Kontrasten und dem einfachen Satzbau (V. 5 ff. ähnlich V. 1 ff., mit der Abweichung in V. 7, wo die explizite Zeitangabe fehlt) ist das Gedicht ausgesprochen volkstümlich, wie es sich für das Lied eines Harfenmädchens im Ratskeller gehört.

Vertont wurde das Gedicht u.a. von Edeltraut Eckert und Max Reger, Josef Schelb, Karl Kaufhold, Felicitas Kukuck, Hans Martin.

Möglicherweise hat ein Lied des alten Harfenspielers in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ („Wer sich der Einsamkeit ergibt“) Theodor Storm zu seinem Lied des Harfenmädchens inspiriert.

Ein Beispiel dafür, wie das Gedicht aus seinem Kontext in der Novelle herausgelöst wird, wenn es rezipiert wird, bietet ein Interview der SZ mit Wolf Wondratschek:

Wieso waren nur die Anfängerjahre schöne Jahre für die Liebe? Sagten Sie eben. 
Tja, wir waren schön und jung und brauchten wenig Schlaf und konnten die Nächte durchmachen, nicht? Wir waren leicht und unzerstörbar. Das Leben war das Risiko, es aufs Spiel zu setzen. „Morgen, ach morgen muss alles vergehn“, wie es im Lied des Harfenmädchens von Theodor Storm heißt…. Leider ist heute bereits übermorgen.

Vortrag

http://vimeo.com/54661860 (gesungen von Sebastian Pilgrim)

Sonstiges

http://www.recmusic.org/lieder/get_text.html?TextId=15401 (Vertonungen des Gedichts)

http://irrungen.blogspot.de/2011/10/das-lied-des-harfenmadchens.html (Variation: Das Lied des Harfenmädchens)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/Erz%C3%A4hlungen/Immensee (Text: Immensee), dort http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/Erz%C3%A4hlungen/Immensee/Da+stand+das+Kind+am+Wege (S. 501 f.)

http://de.wikipedia.org/wiki/Immensee_(Storm) (Die Novelle „Immensee“, vgl. auch die Angaben zum Gedicht „Elisabeth“! )

Beispiel für Rezeption: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/langenacht/215541/ (Sendung im Deutschlandfunk über Treue)

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