Theodor Storm: Hyazinthen – Analyse

Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/hyaz.htm

http://www.storm-gesellschaft.de/?seite=52651 (mit franz. und engl. Übersetzung)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=391

Vermutlich liegt in diesem Gedicht eine Reminiszenz an das Lied der Rosetta aus Georg Büchners Leonce und Lena vor, welches Storm geschätzt hat. Es ist aber wesentlich durch das Motiv der nächtlich duftenden Blumen erweitert, das wir auch aus den Gedichten „Mondlicht“ und vor allem „Abends“ kennen: „Warum duften die Levkojen so viel schöner bei der Nacht…“ Entstanden 1851, wurde das Gedicht 1852 veröffentlicht. Die in der Überschrift genannten „Hyazinthen“ werden im Gedicht nicht mehr mit Namen genannt, sondern sind nur noch mit ihrem starken Duft präsent. „Die Hyazinthe ist oft besungen worden, bereits Novalis verwendete ihren Namen für eine seiner Hauptfiguren in seinem berühmten Kunstmärchen von Hyazinth und Rosenblütchen. So gelten Hyazinthen auch heute noch als Blumen der Romantik, unter Liebenden werden gerne weiße oder rote Hyazinthen verschenkt.“ (Blumenparadies 24) Die Hyazinthen bereiten also von sich aus auf das Thema „Liebe“ vor.

Ein lyrisches Ich, ein Mann, spricht abwechselnd in seinem Monolog von den Orten „hier“ und „Fern“ (V. 1), von Ich und Du; er ist hier, aber „fern“ ist die Geliebte, die er in seinen Gedanken anspricht – sein Monolog ist das Gedicht. Hier ist „stille Nacht“, er sitzt oder liegt neben stark duftenden Pflanzen, „Schlummerduft“ senden sie aus (V. 3); aber fern „hallt Musik“ (V. 1) und hindert den Ich-Sprecher am Einschlafen. Und dann kommt die entscheidende Klage, die uns Aufschluss über die Situation gibt: „Ich habe immer, immer dein gedacht; / Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.“ (V. 3 f.) Er ist also von ihr getrennt, er ist allein, in seiner Sehnsucht einsam – und sie ist auf einem Fest. Wann „immer, immer“ ist, bleibt unbestimmt; das kann während des Festes sein, aber auch schon länger davor: Dann wäre die Zeitangabe das Datum seiner verschmähten Liebe. Warum sie tanzen „muss“, wird nicht gesagt; es könnte sogar sein, dass sie tanzen will und er ihr das vorwirft; es könnte aber auch sein, dass sie als Verlobte oder Frau eines anderen Mannes sich auf dem Fest vergnügt und er das als ihr „Müssen“ interpretiert oder dass sie als Tochter ihren Vater auf ein Fest begleiten muss – wir haben nur seine Sicht der Situation und damit keine Möglichkeit, uns ein „objektives“ Bild des Geschehens zu machen. Wir wissen, dass er sie liebt und vermisst; was sie denkt und empfindet, wissen wir nicht.

Wir haben einen fünfhebigen Jambus vor, bei dem in V. 2 und 4 eine Silbe nachklappt (weibliche Kadenz). Im Kreuzreim sind die Verse, die jeweils eine semantisch geschlossene Einheit bilden, sinnvoll aneinander gebunden: stille Nacht / dein gedacht (V. 1/3), das ist seine Situation; anhauchen mich die Pflanzen / du musst tanzen (V. 2/4), das ist der Kontrast (Widerspruch) zwischen seinem Wunsch und ihrer „Pflicht“. Der Rhythmus weicht jedoch vom Takt ab: „Fern“ (V. 1) ist gegen den Takt stark betont, dazu im Kontrast dann „hier“; das wiederholte Adverbial „immer“ (V. 3) wird stark betont, in V. 4 dann die konträren Verben „schlafen / tanzen“, vielleicht auch das Pronomen „Ich“ leicht. Das alles muss man sprechen und hören, Gerd Wameling und Fritz Stavenhagen tragen es vor (s. die Links). Die erste Strophe wird ruhig gesprochen, nach jedem Vers (Hauptsatz) tritt eine kleine Pause ein, die weibliche Kadenz verstärkt die Pause taktmäßig noch ein wenig.

In der zweiten Strophe liegt ein umarmender Reim vor, wobei die Reime mit weiblicher Kadenz in der Mitte stehen; das Sprechen wird aufgeregter, wenn auch nach jedem Vers wieder eine Pause einzuhalten ist. Es ist das imaginierte Geschehen in der Ferne, welches das lyrische Ich aufwühlt: „Es“ (V. 5, zweimal). Mit den betonten Verben „brennen, schreien“ (V. 6) wird die Situation bedrohlich, obwohl das Brennen der Kerzen ja etwas Normales ist; das Verb „rast“ (V. 5) hat diese Bedrohlichkeit eingeleitet, die ei-Laute (V. 6, 7) untermalen diesen Charakter. „glühen“ (V. 8) greift das Verb „brennen“ (V. 6) auf, sie glühen vor Tanzwut und vielleicht Begierde – gegen „alle“ steht dann das Du: „blaß“ (V. 8). Diese Blässe erregt Besorgnis, ist ein Zeichen von Schwäche; da möchte man helfen, da müsste sie erlöst werden und Ruhe bekommen, am besten „hier“… Die beiden Konjunktionen „Und“ am Versanfang (V. 8, 9) bezeugen, dass es ohne Unterlass (V. 5) weitergeht. Es gibt für das arme, blasse Du keine Ruhe. Die Reime V. 5/8 zeigen, dass das Du aus seiner Umgebung heraussticht; die Reime V. 6/7 gelten dem Festgeschehen.

In der 3. Strophe blickt der Sprecher nur auf das Du in seiner Umgebung. Er sieht es von den Armen fremder Tänzer bedroht, wobei „fremd“ zunächst heißt, dass es nicht seine eigenen Arme sind, die er gern um die schöne Tänzerin schlingen würde. Sie schmiegen sich in seiner Vorstellung „an dein Herz“, nicht nur an ihren Körper (V. 10); er sieht also die erotische Werbung, die im Tanzen zelebriert wird. Dabei hofft er offenbar, dass sie sich für ihn aufbewahrt, sodass diese Werbung etwas Gewaltsames hätte: „o leide nicht Gewalt!“ (V. 10), gib nicht nach, hofft und fleht er. In den beiden folgenden Versen widmet er sich dem Gesamtanblick des Geschehens und wird dadurch etwas ruhiger: „Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen…“. Dass ihre Gestalt „zärtlich“ ist, kann er nur im Hinblick auf sich selber sehen – sonst wäre sie ihm schon verloren. Das Enjambement am Ende von V. 9 beschleunigt nach dem Semikolon das Sprechen. Der Reim, wieder Kreuzreim, verbindet in V. 10/12 die Gewalt mit ihrer zärtlichen Gestalt im Kontrast, während der Reim V. 9/11 wegen des Enjambements nichts Passendes hervorbringt. „Herz“ und „Gewalt“ sind in V. 10 stark betont; in V. 9 wird der ganze Satz „du mußt tanzen“ aus V. 4 wiederholt, wobei sowohl „Und“ wie „mußt tanzen“ besonders betont sein können.

Es folgen zwei Gedankenstriche — es tritt eine Pause ein; das Ich wendet seine Gedanken vom Fest ab, es ist aus seiner Raserei wieder zu sich gekommen und spricht von dem, was es gerade erlebt: wie der verführerische Duft der Hyazinthen stärker wird (zwei Komparative). Die beiden „Und“ (V. 13 f.) schließen an die 1. Strophe an; diese bildet mit der 4. Strophe die Ich-Klammer, welche das Festgeschehen umrahmt. Mit dem Adjektiv „träumerischer“ (V. 14), das analog zu „Mit Schlummerduft“ (V. 2) steht, und dem Subjekt „Duft der Nacht“ (V. 13) wird das baldige Einschlafen des Sprechers angedeutet (vgl. die Interpretation in der NZZ, die Parallele zu Goethes Gedicht „Nachtgesang“!). Die beiden letzten Verse (V. 15 f.) sind eine exakte Wiederholung von V. 3 f.; hier bekommt das Perfekt „ich habe … dein gedacht“ (V. 15) Bedeutung; das Gedenken ist damit abgeschlossen, es bleibt im Rückblick jetzt die wehmütige Klage darüber. Zweimal steht „Ich“ am Versanfang, das Ich ist mit seinen Gedanken wieder ganz bei sich und seinem beklagenswerten Zustand: „Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.“ (V. 16)

Betont sind in dieser Strophe vor allem „süßer“ und „träumerischer“ (V. 13 f.), dann wieder „immer“ (V. 15); im letzten Vers kann man sowohl „ich/du“ als auch „schlafen/tanzen“ verstärkt betonen, das müsste man im Sprechen ausprobieren. Die Reime sind wieder die gleichen wie in der 1. Strophe: ein kunstvoll gebautes Gedicht.

Für das Verständnis scheint mir Storms Blumenliebe wichtiger als der griechische Hyakinthos-Mythos zu sein; ob man biografisch auf Storms Verhältnis zu Dorothea Jensen oder zu seiner Frau rekurrieren will, ist sachlich belanglos. Jedenfalls kann man festhalten, dass beim Verständnis die wilden, fantastischen Ausflüge ins Ungefähre übertrieben werden – siehe die folgenden drei Links. Ich habe das Gedicht öfter in Kl. 10 im Gymnasium besprochen (resp. im FMG als Text in der Klassenarbeit vorgelegt, am ländlich geprägten Stadtrand von Mönchengladbach), aber die Schüler hatten mit ihren 16 Jahren offenbar wenig Ahnung von Sehnsucht und Eifersucht und konnten meine Liebe zum Gedicht nicht teilen. Vielleicht hätte ich es mir für die Oberstufe aufbewahren sollen?

http://kritik-und-kunst.blog.de/2008/04/18/storm-theodor-hyazinthen-keine-interpret-4063963/ (mit viel Phantasie interpretiert)

http://www.gottfried-august-buerger-molmerswende.de/eversberg_trunkene_liebesphantasie_2007.pdf (dort S. 53 ff.)

http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/article7UTQG-1.512694

http://archiv.tylers-kneipe.de/velvet-underground-99669/gedicht-thread-34291400.html

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=5GiCYK-jQfs (Gerd Wameling)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/hyazinthen.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=L18xZxnl6iY (Arne Elsholtz)

http://vimeo.com/1024359 (Schüler)

Sonstiges

http://www.zeno.org/Literatur/M/B%C3%BCchner,+Georg/Dramen/Leonce+und+Lena/1.+Akt/3.+Szene (Büchner: Leonce und Lena, I,3, mit dem Lied der Rosetta)

http://www.bouillon-veyhl.de/Dokumente/StormsBlumen.pdf (Storm und die Blumen)

http://www.peter-hug.ch/lexikon/hyakinthos (Hyakinthos)

http://en.wikipedia.org/wiki/Hyacinth_(mythology) (Hyakinthos)

http://de.wikipedia.org/wiki/Hyakinthos (Hyakinthos)

http://www.zeno.org/Hederich-1770/A/Hyacinthvs (Hyazinth)

http://archiv.tylers-kneipe.de/velvet-underground-99669/gedicht-thread-34291400.html (Beispiel: Rezeption)

http://gartenblick.blogspot.de/2011/02/hyazinthen-von-theodor-storm.html (Fotos)

http://blumenparadies24.de/hyazinthen/ (über Hyazinthen)

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