Theodor Storm: In Bulemanns Haus – Analyse

Es klippt auf den Gassen im Mondenschein…

Text

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/Gedichte/Gedichte+(Ausgabe+1885)/Erstes+Buch/In+Bulemanns+Haus?hl=in+bulemanns+haus

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/bulehaus.htm

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=392

http://www.textlog.de/gedichte-in-haus.html

Das 1852 entstandene und veröffentlichte Gedicht sowie das 1864 entstandene Märchen „Bulemanns Haus“ sind durch einen Kinderreim angeregt worden: „In Bulemanns Haus / In Bulemanns Haus / Da schauen die Mäuse / Zum Fenster hinaus…“

Das reizende Gedicht besteht aus 12 Strophen zu fünf Versen; deshalb soll hier nur die Vorarbeit für eine Analyse geleistet werden. Ein auktorialer Erzähler berichtet im Präsens vom nächtlichen Ausflug eines kleinen Mädchens: Dieses geht im Mondschein in ein altes Haus und speist mit den Mäusen zur Nacht. Dann beginnt sie nach dem Vorbild der Mäuse zu tanzen, wobei ihr Spiegelbild die Partnerin ist. Als sie müde wird, verlässt sie das Haus und legt sich im Garten zum Schlafen nieder; dort bleibt sie liegen, auch als es Tag geworden ist. Der zeitliche Rahmen ist also die Nacht mit dem Mondschein (V. 1 und 5; V. 31, bis V. 48), die Morgendämmerung (V. 52), Sonnenaufgang (V. 55), Sonnenlicht (V. 59). In der letzten Strophe wird der gegenwärtige Zustand des schlafenden Kindes im Garten beschrieben.

Den Höhepunkt der Erzählung bildet der Bericht vom Tanz mit dem anderen Mädchen, dem Spiegelbild (5. – 8. Str.). Die ersten vier Strophen dienen zur Vorbereitung dieser Situation: Ort, Zeit, Figuren des nächtlichen Spiels werden eingeführt. In den letzten vier Strophen klingt das Geschehen aus, das Mädchen kommt zur Ruhe, die Nacht ist vorbei.

Das Gedicht lebt von einem quirligen Rhythmus, dem idyllischen Geschehen (mit süßen Tieren), der Naivität des Kindes, vielen Diminutiven und einem ganz einfachen reihenden Erzählen. Beginnen wir mit dem Rhythmus, exemplarisch an der 1. Strophe untersucht:

x X x x X x x X x X

x X x X x x X x

x X x X x x X x X

x X x X x X x x X

x x X x x X x X x

Wir haben also einen Auftakt (nur in V. 5 zwei Auftakte), in den Versen 1, 3, 4 vier Hebungen (bei gleichem Reim) mit Endbetonung (männliche Kadenz), in den Versen 2 und 5 drei Hebungen mit weiblicher Kadenz, ebenfalls im Reim verbunden. Das Reimschema ist das des Kreuzreims, wobei aber der 3. Vers „verdoppelt“ ist, was den Ton beschwingter macht. Als regulären Takt hört man den Daktylus (Walzertakt), wobei gelegentliche Abweichungen (eine statt zwei unbetonte Silben) das flotte Tempo dämpfen. Dieses rhythmische Schema wird durchgehalten.

Hauptperson ist „die zierliche Kleine“ (V. 2), die ein süßes Gesicht hat (V. 58); vieles, was von ihr gesagt wird, wird in diminutiven Formen gesagt. Das beginnt mit „klippt“ (V. 1) statt „klappert“; das setzt sich fort mit „Pantöffelein“ (V. 3, und dem passenden Reim „-allein“, V. 4), mit den kleinen Mäusen (2. Str.) und den „Mäuslein“ (V. 11), dem „Mägdlein“ (V. 13) und ihrem „Kleidchen“ (V. 14) usw., bis zu den „kleinen neugierigen Hasen“ im letzten Vers. Diminutive plus kleine Tiere ergeben bei dem gefahrlosen Geschehen im Mondschein eine Idylle; wesentlich ist dabei auch die Naivität, mit der das kleine Mädchen sein Spiegelbild als Spielkameradin behandelt und schließlich küsst (4. – 8. Str.).

Der dritte wichtige Faktor, der den Gesamteindruck bewirkt, ist das einfache reihende Erzählen; häufig werden die Sätze mit „Da“ (V. 8, 9, 17, 22, 23, 24, 25) bzw. „Dann“ (V. 15), „Bald“ (34, 35) oder „Nun“ (V. 20, 36, 51, 56), ebenso mit „Und“ (V. 11, 26, 37, 38, 39) eingeleitet bzw. fortgeführt. Die beiden Wendungen des Geschehens zum Schluss werden mit „Doch“ (V. 41, 51) eingeleitet. Gelegentlich werden andere Wörter wiederholt, was zu diesem einfachen Erzählen gut passt (Mondenschein, V. 1, 5; Maus, V. 7 und 8; tanzen, V. 29, 30); die Reime verstärken den Wiederholungseindruck, z. B. Haus – Maus – Schmaus (V. 6, 8, 9).

Die 1. Strophe wird vom Laut ei beherrscht, die 2. von au und hellem e, in der 4. herrschen e und a vor; das alles muss man mit dem Rhythmus und dem Agieren des reizenden Mädchens zusammen wahrnehmen.

Ich könnte mir vorstellen, dass man das erzählte Geschehen schön spielen kann, vielleicht von Orff-Instrumenten begleitet. In der Schule wird dieses Gedicht anscheinend nicht gelesen; das ist schade, finde ich – bis Kl. 6 kann man das Gedicht mit Gewinn einsetzen, wenn man sich zutraut, es angemessen vorzutragen. Das Gleiche gilt auch für das Gedicht „Sturmnacht“; aber ich will zugeben, dass ich beide Gedichte bis vor ein paar Tagen auch nicht kannte.

Es gibt ein Klavierstück „In Bulemanns Haus“ in 6 Sätzen von Dorrit Maria Hanke (http://www.youtube.com/watch?v=SbHxEGPDYVA usw.), was aber mit dem Gedicht keinen für mich erkennbaren Zusammenhang aufweist.

Sonstiges

http://www.dorritmariahanke.com/seite61.html (Vertonung)

http://www.literaturport.de/index.php?id=50&textid=-1227884305&cHash=7d8d1b45aba9c61461d4da2b3112c2b8 (Fontane über Storm)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Storm,+Theodor/M%C3%A4rchen+und+Spukgeschichten/Bulemanns+Haus (Text des Märchens)

http://www.xn--beim-mrchenonkel-0nb.de/theodor-storm/bulemanns-haus/ (dito)

2 thoughts on “Theodor Storm: In Bulemanns Haus – Analyse

  1. Sehr geehrter Herr, geehrte Frau,
    Ich habe den Artikel mit viel Interesse gelesen.
    Es gibt auch eine Komposition fur Singstimme, Flöte und Klavier von Willy Hess. Ich wollte mal versuchen das schöne Stück mit meiner Familie zu spielen.

    Mit freundliche Grüssen,
    John van Oort

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