Theodor Storm: Für meine Söhne – Analyse

Hehle nimmer mit der Wahrheit!…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/soehne.htm

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=420

Das Gedicht wurde 1854 veröffentlicht, ist wohl auch 1854 entstanden; da waren Hans, Ernst und Karl, die drei Söhne Storms, sechs, zwei und ein Jahr alt. Storm selbst erlebte eine schwere Zeit, weil er wegen seiner streng nationalen deutschen Gesinnung durch den dänischen Schleswigminister Tillisch seine Advokatur verloren und 1853 im Kreisgericht Potsdam eine unbezahlte Anstellung angenommen hatte. Wie schlecht es Storm in Potsdam erging, kann man detailliert in der Darstellung Gabriele Radeckes nachlesen (s.u.); erst nach einem Jahr erhielt er eine vorübergehende Grundsicherung, war aber noch auf die Unterstützung durch Eltern und Schwiegereltern angewiesen. So kommt dem Gedicht „Für meine Söhne“ große Bedeutung zu: Storm selbst stand für das ein, was er seinen Söhne als Maximen der Lebensführung mit auf den Weg gibt. Hier darf also ausnahmsweise der Ich-Sprecher tatsächlich mit dem Autor gleichgesetzt werden.

Das Verb „hehlen“ war bereits um 1800 völlig veraltet und durch „verhehlen“ ersetzt worden; seine Bedeutung war „verschweigen, verborgen halten, nicht bekannt werden lassen“ (Adelung): „verhehlen“ ist ursprünglich „verschweigen“, um 1800 normalerweise nur noch „auf eine pflichtwidrige Art verbergen, verbergen, was man nicht verbergen sollte, so wohl eigentlich von Sachen. Gestohlne Sachen verhehlen. Als auch, und zwar am häufigsten, auf solche Art verschweigen“ (Adelung). Das erste Gebot Storms für seine Söhne ist, die Wahrheit nicht zu verhehlen; die Begründung dafür folgt in V. 2. In V. 3 f. schränkt er das Gebot jedoch ein: Man soll die Wahrheit nicht „vor die Säue“ werfen. „Perlen vor die Säue werfen“ geht auf die Bergpredigt Jesu zurück; es bedeutet heute: „Etwas Wertvolles verschenken, was der Beschenkte nicht zu würdigen weiß.“ Den Deppen braucht man nicht die Wahrheit zu sagen, sagt Storm damit. Er differenziert also sein erstes Gebot: Es gilt – aber nicht in jedem Fall; das Kriterium ist dabei jedoch nicht der eigene Vorteil, sondern die Kapazität des Zuhörers.

Die vier Verse bestehen aus vierhebigen Trochäen; am stärksten betont sind die Wörter „nimmer, Leid/Reue, Perle, Säue“. Es reimen sich V. 2/4 als Paarreim; das passt deshalb, weil jeweils ein Doppelvers einen Gedanken enthält. Semantisch sind zwei wesentliche Aspekte des Gebotes, die Wahrheit zu sagen, im Reim aneinander gebunden (entweder nur die Verse 2/4 oder die Verse 1 f./3 f.). Der Trochäus passt zu einem entschlossenen, kraftvollen Sprechen: zu dem Gebot des Vaters an seine Söhne.

In der gleichen Art sind auch die Strophen 2, 3 und 5 aufgebaut: Die drei Gebote lauten, dass man Rücksicht üben soll, aber auf einen groben Klotz einen groben Keil setzen und intensive Arbeit nicht scheuen soll; alle drei werden wieder eingeschränkt in dem Sinn, dass man auch das Richtige nicht übertreiben darf. Die Einschränkung setzt immer mit V. 3 einer Strophe ein; nur in der 2. Strophe beginnt sie schon in V. 2, wodurch ein eigenwilliger Rhythmus entsteht, weil alle Verse ohne Pause in den nächsten übergehen, während die Pause mitten in V. 2 gemacht wird. Das Schema von Takt und Reim bleibt gleich.

Vielleicht sollte man noch das „Karrieremachen“ (V. 20) erläutern: Es geht m.E. nicht darum, dass man nicht Karriere machen darf; vielmehr warnt Storm seine Söhne davor, ihre Seele um der Karriere willen zu verkaufen und „das Karrieremachen“ zum obersten Lebensziel zu machen. Das geht auch aus der 6. Strophe hervor, wo Storm den Tanz um das Goldene Kalb ablehnt. Diese Redewendung geht auf eine nicht verstandene Episode aus der Bibel (Ex 32,1 ff.) zurück; das Goldene Kalb wurde später als Symbol von Macht und Reichtum angesehen, über die ursprüngliche Bedeutung kann man sich in den angegebenen Links informieren.

Zwei Gebote werden ohne Einschränkung, also als unbedingt gültig vorgetragen; sie stehen in den Strophen 4 und 6. In der Strophe 4 geht es darum, dass man sich nicht zum Clown machen soll, wo man nicht als Mensch geschätzt wird (so geschätzt wird, dass man um die Tochter des Hauses als Frau werben könnte): also bitte nicht als gern gesehener Gast auftreten, wo man nicht wirklich für voll genommen wird! Das letzte Gebot ist eine Umschreibung der Redensart, dass sich keiner etwas (ins Grab) mitnimmt: „du hast [nämlich] vom Leben / Doch am Ende nur dich selber.“ (V. 23 f.) In dem Sinn ist es falsch, um das Goldene Kalb zu tanzen; das tut nur „der Pöbel aller Sorte“ – und wenn Adelige und Reiche darunter sind, so sind sie eben auch nur Pöbel, Pöbel von der feinen Sorte, aber nicht klug, weil sie nicht wissen was einem am Ende bleibt. Die beiden unbedingt geltenden Maximen werden mit dem Imperativ „Halte“ (V. 15, 23) eingeleitet: Halte an dir selber, an deinem eigenen Wert und deiner Würde fest!

Das Gedicht ist auf seine Art lehrhaft, eine Sammlung bedenkenswerter Maximen eher als ein Ausbund von Poesie. Ich habe es an anderer Stelle zur Auslegung der Verse „Der eine fragt“ herangezogen; ich schätze die Maximen Theodor Storms, sie sind es wert, gelegentlich bedacht zu werden. Und es schadet auch nichts, wenn man die beiden Gedichte auswendig kennt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Goldenes_Kalb

Sonstiges

http://www.literaturport.de/index.php?id=125 (Gabriele Radecke: Storm in Potsdam, 1853-1856)

http://www.redensarten.net/Perlen.html (Perlen vor die Säue werfen)

http://de.wiktionary.org/wiki/Perlen_vor_die_S%C3%A4ue_werfen (dito)

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