Theodor Storm: Die Nachtigall – Analyse

Das macht, es hat die Nachtigall…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/nachtig.htm

http://www.textlog.de/gedichte-nachtigall.html

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=427

Die Nachtigall hat in der Liebesdichtung einen festen Platz: Ich nenne nur vier Beispiele aus der deutschen Literatur und zitiere die erste Strophe eines Gedichtes von Heine:

Anna Louisa Karsch (1722-1791): Klagen einer Braut an ihre Nachtigall

Ludwig Christoph Heinrich Hölty (1748-1776): Die Nachtigall

Johann Martin Miller (1750-1814): An die Nachtigall

Heinrich Heine (1797-1856): Die Linde blühte, die Nachtigall sang…

„Die Linde blühte, die Nachtigall sang,

Die Sonne lachte mit freundlicher Lust;

Da küßtest du mich, und dein Arm mich umschlang,

Da preßtest du mich an die schwellende Brust.“ (Buch der Lieder: Lyrisches Intermezzo, erstmals 1823)

Theodor Storms Gedicht, 1856, entstanden, wurde 1864 veröffentlicht. Es behandelt die Veränderung im Leben eines jungen Mädchens, das auf dem Weg vom Kind zur Frau ist – ein Lebensalter, von dem Theodor Storm besonders angezogen war. Der Sprecher betrachtet das Mädchen als Außenstehender, er kommt nicht als Figur im Gedicht vor. Er trägt eine poetische Erklärung der von ihm beschriebenen Veränderungen vor – das ist das Gedicht.

Von der Logik des Sprechens her beginnt man am besten mit der 2. Strophe. Da wird „Sie“ (V. 6) eingeführt, ein namenloses Mädchen, das für alle Mädchen seines Alters steht: „Sie war doch sonst ein wildes Blut“ (V. 6), aber jetzt ist sie eben anders; wie sie jetzt auftritt, wird in den folgenden Versen im Präsens beschrieben (V. 7-10). Sie geht „tief in Sinnen“ (V. 7) und „weiß nicht, was [sie] beginnen [soll]“ (V. 10). Die ganze Unsicherheit der Pubertierenden  kommt in diesem Reim zum Ausdruck.

Die fünf Verse jeder Strophe sind so wie im Gedicht „In Bulemanns Haus“ organisiert, nur dass hier wirklich der Jambus durchgehalten ist: abwechselnd vier und drei Hebungen mit zugehöriger männlicher/weiblicher Kadenz und Reim, also folgendermaßen:

4 Hebungen – männlich – a

3 Hebungen – weiblich – b

4 Hebungen – männlich – a

4 Hebungen – männlich – a

3 Hebungen – weiblich – b

Das ist ein „unechter“ Kreuzreim, die „eingeschobene“ 4. Zeile gibt der Strophe einen beschwingteren Charakter, wiederholt oder vertieft auch inhaltlich den 3. Vers, welcher wegen der männlichen Kadenz im Takt direkt in den 4. übergeht, wogegen nach dem 2. Vers eine Pause gemacht wird. Die reimenden Verse schließen sinnvoll aneinander an: Sommerhut/der Sonne Glut (V. 8 f.) mit „wildes Blut“ (V. 6); diese Serie steht im Kontrast zu „tief in Sinnen/weiß nicht, was beginnen“ (V. 7/10), welche ihrerseits wiederum zueinander passen.

Das Mädchen weiß also mit sich nichts anzufangen; aber der Sprecher weiß die Erklärung dafür: „Das macht, es hat die Nachtigall / Die ganze Nacht gesungen“ (V. 11 f.), und deshalb sind „die Rosen aufgesprungen“. Die Nachtigall ist schon der Vogel, der traditionell mit der Liebe verbunden ist (s.o.); wenn nun vom Gesang der Nachtigall die Rosen berührt sind, ist damit das zweite deutliche Liebessymbol ins Geschehen integriert. So wie die Rosen durch das Lied der Nachtigall „aufgesprungen“ sind, so ist plötzlich das Gleiche in dem bisher wilden Mädchen geschehen, durch den Hall des Rufs der Nachtigall und den Widerhall des Rufs in ihr: Wenn man die Beschreibung in der 2. Strophe wörtlich nimmt, entfaltet die Rose ihre ersten Blätter – in Blüte steht sie noch nicht. Die Satzbildung in V. 11 ist sehr eigenwillig: „Das macht -“, und jetzt müsste das Subjekt folgen: Wer macht das? Der Satz bricht jedoch ab, sodass wir uns am besten hinter dem unvollständigen Satz einen Doppelpunkt denken; denn es folgt die Erklärung in einem nicht weiter angeschlossenen Hauptsatz („es hat die Nachtigall / Die ganze Nacht gesungen“). Diese umgangssprachliche Konstruktion begleitet den erklärenden Hauptsatz mit einem Augenzwinkern: Ja, ja, so ist es im Leben.

Das rhythmische Schema gleicht dem der 2. Strophe; hier besteht zwischen den Reimen jedoch kein Kontrast, sondern eine Entsprechung: Nachtigall – Schall – Widerhall – gesungen – aufgesprungen (Folge von „gesungen“); hinter dem 2. Vers der Strophe wird eine größere Pause gemacht (etwas stärker als in der 2. Strophe), wodurch der Übergang von Vers 3 nach Vers 4 noch beschwingter wird, wie es sich für den Gesang der Nachtigall gehört.

Diese 3. Strophe wird nun auch bereits als 1. Strophe verwendet, wo sie kleines grammatisches Problem erzeugt: „Das macht“ schließt an nichts an, es gibt zu Beginn noch nichts zu erklären. Poetisch wird so jedoch mit den beiden Symbolträgern Nachtigall und Rose dezent das Thema „Liebe“ intoniert. Bereits die Überschrift „Die Nachtigall“ hatte ein entsprechendes Signal gesendet.

Das Gedicht gehört zu den am häufigsten vertonten Gedichten Theodor Storms, wie ja auch die Liebesgedichte Heines häufig vertont sind und als Lieder ein eigenständiges Leben gewonnen haben.

http://www.litde.com/analysen-zur-fiktion-in-der-literatur/ (W. Hincks Kommentar in „Stationen der deutschen Lyrik“ kann man auf dieser Seite finden.)

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/die-nachtigall.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=bto4cOhQhkY (schwer verständlich)

http://www.youtube.com/watch?v=NzTjslafNSA (Claire DiVizio: Alban Berg)

http://www.youtube.com/watch?v=izfgm1MDdb0 (Heather Harper: dito)

http://www.youtube.com/watch?v=goQUhOtjgBE (Sofia Fomina: dito)

http://www.youtube.com/watch?v=n25fiiziMdg (Aris Christofellis: dito)

http://www.youtube.com/watch?v=43ui0d6mZEk (dito: Chor)

http://www.youtube.com/watch?v=NInT6RC8MVc (Régine Crespin: vier Lieder Bergs)

Sonstiges

http://www.recmusic.org/lieder/get_text.html?TextId=38696 (Liste der Vertonungen)

Silhouette Konewkas für das Gedicht

http://de.wikipedia.org/wiki/Nachtigall (Nachtigall)

http://www.youtube.com/watch?v=IXC79XHT8Yo (Evelyn Künneke: Sing, Nachtigall, sing)

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