Theodor Storm: Über die Heide – Analyse

Über die Heide hallet mein Schritt…

Text

http://www.staff.uni-mainz.de/pommeren/Gedichte/Storm/heide.htm

http://www.storm-gesellschaft.de/?seite=72737 (mit franz. und engl. Übersetzung)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=402

Die Überschrift gibt die Heide als den Ort des Geschehens vor. Was für ein Ort die „die Heide“? Die Heide ist literarisch ein wüster, trostloser Ort:

„Allhier in dieser wüsten Haid

Wohnt keine Seele weit und breit,

Die wilden Thier allein,

Die seh ich selbst Mitleiden tragen…“ (Achim von Arnim: In dieser wüsten Heide)

„Allein zurückgeblieben auf der öden Heide, ließ ich unendlichen Tränen freien Lauf, mein armes Herz von namenloser banger Last erleichternd…“ (Chamisso: Peter Schlemihls wundersame Geschichte)

„Ein Wäldchen rauscht auf weiter grüner Heide;

Hier lebt die Erde still und arm und trübe…“ (Nikolaus Lenau: Ahasver, der ewige Jude)

Weil dies so ist, kann literarisch auch mit dem Gegenbild der Heide als Idylle gespielt werden, etwa von Lenau: Die drei Zigeuner, von Droste-Hülshoff: Das Haus in der Heide, oder von Theodor Storm selbst: Abseits

Wenn man Bilder sucht, findet man zwar Heidebilder bei google-Bilder, aber eher idyllische, wo die Heide im Sonnenschein liegt: Fischbeker HeideNemitzer HeideLüneburger Heide

Bilder vom Nebel muss man gesondert suchen und sich dann die Heide im Nebel vorstellen: Nebel 1, Nebel 2, Nebel 3. Da man im Nebel nichts sieht, verstärkt sein Auftreten das Empfinden der Verlassenheit in der Heide.

Das Gedicht ist 1875 entstanden und auch veröffentlicht worden. Ein lyrisches Ich geht „über die Heide“ und beschreibt, wie es diesen Gang erlebt:

„Über die Heide hallet mein Schritt;
Dumpf aus der Erde wandert es mit.“ (V. 1 f.)

In der 1. Strophe wird die Situation beschrieben, in der sich das Ich befindet. Es ist allein in der Heide, daher kann sein Schritt „hallen“ (Alliteration zu „Heide“). Der 2. Vers lässt den Leser aufhorchen: Da ist ein unheimlicher unterirdischer Ton, der mitwandert – etwas, was wir so nicht kennen. Der Ton klingt wie „die Stimmen, die über der Tiefe sind“ (Storm: Meeresstrand). Da ist etwas zu hören, was nicht sichtbar ist, was sich dem Zugriff des Geistes entzieht; „dumpf“ ist es, es mag so gut „aus der Erde“ wie aus dem eigenen Herzen kommen. Es begleitet einen, es wandert mit; es ist der dunkle Hintergrund, der gefährliche Grund, vor dem die hellen Szenen spielen.

Die Form der beiden Verse ist einfach: Paarreim, vier Hebungen mit einer oder zwei unbetonten Silben, die letzte Silbe ist betont (männliche Kadenz): Das ergibt einen unregelmäßigen festen Rhythmus; jeder Vers ist ein Satz für sich, nach jedem Vers gibt es eine Pause. Der Reim ist semantisch sinnvoll: mein Schritt/wandert mit (V. 1 f.), das Ich gehört mit dem dumpfen Ton zusammen.

Unvermittelt werden in der 2. Strophe Gedanken oder Eindrücke des lyrischen Ichs vorgetragen:

„Herbst ist gekommen, Frühling ist weit –
Gab es denn einmal selige Zeit?“ (V. 3 f.)

Zunächst wird „Herbst“ absolut eingeführt: Herbst ist mehr als Jahreszeit, Herbst ist Lebenszeit, die zu Ende geht, die schon den nahen Tod spüren lässt; das Perfekt umschreibt den vollendeten Zustand, weshalb der Frühling eo ipso „weit“ zurück liegt. Die Frage in Vers 4 gehört zum Herbst; sie zeigt, dass der Herbst für das Ich eine unselige Zeit ist – erfahrene Gegenwart, die zur Frage berechtigt, ob es „denn einmal“ anders war (V. 4). Solche Gedanken passen in die Nebel-Heide, im Herbst. Der Rhythmus ist in der 2. Strophe so wie in der ersten; auch der Reim ist wieder sinnvoll, weil man nach der seligen Zeit fragen muss oder kann, wenn der Frühling weit ist.

In der 3. Strophe beschreibt das Ich die trostlose Heidelandschaft:

„Brauende Nebel geisten umher;
Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer.“ (V. 5 f.)

„Brauen“ bedeutet ursprünglich „kochen“; wenn sich dicker Nebel nahe der Erdoberfläche erhebt, also wie siedendes Wasser aufsteigt, dann braut er: unheimlich, gefährlich. „geisten“ (V. 5) ist ein Neologismus, zumindest ein sehr seltenes Wort, etwa im Sinn von „als Geist umgehen“. Die Nebel vollenden das, was bisher nur Herbst hieß. Sie bekommen zwei Assistenten dazu, das Kraut und den Himmel; das Kraut ist nämlich schwarz, dem Tod schon verfallen, und „der Himmel so leer“ – der Himmel als Firmament, der Himmel als Ort der Hoffnung: beide leer. Der Reim schließt wieder Gleiches zusammen: Nebel geisten umher/der Himmel ist leer (V. 5 f.).

In der letzten Strophe werden die Gedanken des Ichs (2. Strophe) fortgesetzt:

„Wär ich hier nur nicht gegangen im Mai!
Leben und Liebe – wie flog es vorbei!“ (V. 7 f.)

Der erste Gedanke ist schwer verständlich. Der Mai gehört zum Frühling, der so weit ist (V. 3). Der Wunsch, hier nicht im Mai gegangen zu sein, kann nur besagen: Dann würde ich jetzt diesen Ort nicht als so leer empfinden; aus dem Kontrast zum Mai gewinnt der Herbst seine Trostlosigkeit, gewinnt das Ich seine Einsicht, die es im letzten Vers resigniert ausspricht: „wie flog es [alles, Leben und Liebe: Alliteration] vorbei!“ (V. 8) Es ist schnell vergangen; und vor allem, es ist endgültig vergangen. Der Takt ist zum reinen Daktylos geworden; der Reim schließt die beiden Aussagen des Negativen zusammen: nicht im Mai/alles vorbei (V. 7 f.).

Im Gedicht „Meeresstrand“ hat das lyrische Ich sich in der Weite des Strandes den Stimmen über der Tiefe gestellt; in „Über die Heide“ spricht es aus, wie es ihm in diesem Rumoren ergeht, wie es sich seiner Einsamkeit und der Todesnähe bewusst wird, wie es diese beklagt. Wie man dieses Gedicht in der Grundschule behandeln kann, bleibt mir schleierhaft.

http://www.janreichow.de/wordpress/?p=11363

Vortrag

http://wernerseuken.podspot.de/post/theodor-storm-uber-die-heide/ (Werner Seuken)

http://www.deutschelyrik.de/index.php/ueber-die-heide.html (Fritz Stavenhagen)

http://www.youtube.com/watch?v=OWqRbVDyj6I (gesungen)

http://www.youtube.com/watch?v=hbYpYTeIMe0 (nach Storm: gesungen)

Sonstiges

http://www.medienwerkstatt-online.de/lws_wissen/vorlagen/showcard.php?id=18086 (Bastelanleitung für ein Leporello)

http://www.grundschulmaterial.de/medien/HuS/Klasse%203/Jahreszeiten/Herbst/Gedichte%20mit%20Schmuckrahmen/id/50595/ (Gedichte mit Schmuckrahmen – genau das richtige Thema für Klasse 3!)

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