Keller: Winternacht – Interpretation

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt…

Text

http://www.waltermorgenthaler.ch/keller/GG/HG_Parallel.htm(Neuere Gedichte,1851, Nr. 009, Gesammelte Gedichte Nr. 054)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=229&spalten=1&noheader=1

Das Gedicht ist 1846/47 entstanden; es wurde in „Neuere Gedichte“ 1854 veröffentlicht. Möglicherweise spiegelt sich in ihm, dass Keller 1845 sich in Freiligraths Schwägerin Marie Melos verliebte, sich ihr gegenüber aber nicht erklärte; 1846 war die Chance dann vertan, weil Freiligrath mit seiner Familie nach London zog. Da es bereits mehrere Analysen gibt, begnüge ich mich hier damit, es zu interpretieren.

In der 1. Strophe wird die Welt beschrieben, wie sie sich in der Winternacht darstellt: still und weiß. Die drei Negationen betonen, dass die Welt unbewegt ist. Eine Veränderung bringt „der Seebaum“ (V. 5), der aus der Tiefe aufsteigt. Dieses Gebilde ist sonst nicht bekannt; im Wortschatz der Uni Leipzig wird „Seebaum“ nur als Eigenname geführt, es gibt dafür keine Synonyme. Wir müssen also vermuten, dass er ein Baum der Unterwasserwelt ist; in ihm steigt diese empor ans Licht (weiß!), gefriert aber am Eis und wird so „starr“ (V: 4) wie dieses. Das Eis verbindet und trennt die beiden Welten. Die Nixe, mit dem bestimmten Artikel als bekannt vorausgesetzt, klettert an ihm herauf und blickt empor (V. 7 f.); sie, die Bewohnerin der Wasserwelt, möchte also in die Menschen- oder Lichtwelt gelangen, an dieser teilhaben. Das Eis ist grün und steht so zwischen dem Weißen und dem Dunklen, es trennt „die schwarze Tiefe von mir“ (V. 10).

Damit ist unversehens ein Ich im Bild, es gehört der weißen Welt an und blickt nach unten, in die Tiefe. Die Nixe ist ganz nah beim Ich, „dicht … unter meinen Füßen“ (V. 11), und doch vom Ich getrennt. Sie ist so nah, dass „ihre weiße Schönheit Glied um Glied“ (V. 12) klar zu erkennen ist. Sie ist also ein attraktives „Weib“; auch wenn das Ich dies nicht ausdrücklich sagt, spricht es doch bewundernd von ihr (V. 12). Das Ich ist als Mann zu denken, dem sich die verführerische Wasserfrau nähert – von unten, aus der schwarzen Tiefe (V. 10). Das Eis verhindert jedoch, dass die beiden sich berühren können. „Mit ersticktem Jammer tastet’ sie / An der harten Decke her und hin.“ (V. 13 f.) Die Nixe bemüht sich also, den Mann zu berühren, doch es gelingt ihr nicht; sie leidet daran, und sie kann dazu auch nichts sagen – nichts jedenfalls, was das Ich hören könnte („mit ersticktem Jammer“). Darin unterscheidet sie sich vom feuchten Weib in Goethes Gedicht „Der Fischer“; diese kann nicht nur sprechen, sondern auch den Fischer berühren. Damit endet der Bericht des lyrischen Ichs (Präteritum). Sein letztes Wort zeugt von dem bleibenden Eindruck der Nixe und ihrer Annäherung: „Ich vergess’ das dunkle Antlitz nie…“ (V. 15 f.)

Das dunkle Antlitz – das hätte man nicht erwartet, da die Nixe ja eine weiße Schönheit ist (V. 12). Das dunkle Antlitz zeigt eine Verstörung an (de la Motte-Fouqué, 1816; Carl Franz Velde, 1830; Karl Gutzkow, 1833; Ferdiand Gustav Kühne, 1840); der russische Autor Rosanow spricht vom dunklen Antlitz Christi: „Nur dem Osten war es gegeben, das Antlitz Christi aufzunehmen. Und der Osten sah, dass es von unendlicher Schönheit und Traurigkeit war.“ (1911) Enrico Danieli stellt das dunkle Antlitz der Melencolia Dürers in einen Zusammenhang mit dem homo saturnus mittelalterlicher Spekulation, der „furchtsam, müde, traurig, einsam, trübsinnig“ ist; „denn Lebenswärme schwindet ihm, und nichts anderes denkt es in ihm als vom Himmelssturz, von Unendlichkeitssehnsucht, vom Weltschmerz, von Seelenpein und von Verhemmung“. Die Nixe hat also ein dunkles Antlitz, was auch auf die schwarze Tiefe verweist, aus der sie kommt.

Was hat es mit dieser Nixenbegegnung auf sich? In der frühesten Fassung des Gedichtes hat Keller selbst einen Hinweis auf die Richtung gegeben, in der die Antwort zu suchen ist; dort fehlt die heutige 3. Strophe, dafür gibt es folgende 4. Strophe:

„Als ein heller Stern vom Himmel fiel,

Fuhr sie schreiend in die Tiefe da.

Mich durchschauerte ein bang Gefühl,

Wie wenn ich die eigne Seele sah.“

Mit der weißen Nixe, die aus schwarzer Tiefe zum Mann in der weißen erstarrten Welt emporsteigt, die ihn vergeblich zu berühren sucht, ist ein Bild seelischer Vorgänge entworfen, in denen es um erotische Verlockung und Verstörung geht: Das Eis steht (oder liegt) zwischen Nixe und Mann, es kommt keine Berührung zustande, kein Wort der Nixe kann ihn erreichen. Sie wird durch diese prinzipielle Vergeblichkeit verstört, was man an ihrem dunklen Antlitz sieht; er hat sich nicht auf sie zubewegt, sie nur bewundernd angeschaut, um sie in ihrer Verstörung dann nie mehr zu vergessen. Es ist ein eiskaltes Bild von der Unmöglichkeit der Liebe. Die Naturkulisse dient dazu, seelische Erfahrungen bildlich vorzustellen.

Statt um Nixenbegegnung geht es in „Das Spiegelbild“ der Droste-Hülshoff um eine Selbstbegegnung, die sachlich eine Variante der Nixenbegegnung sein könnte – das wäre einmal vergleichend zu untersuchen.

Bei Gert Sautermeister, Die Lyrik Gottfried Kellers. Exemplarische Interpretationen, beginnt auf Seite 15 eine Interpretation des Gedichtes Winternacht.

http://homepage.bnv-bamberg.de/lk-deutsch/winternacht-interpretation.doc (Gedichtvergleich mit Eichendorff: Mondnacht) = http://wenku.baidu.com/view/6f415ffb0242a8956bece46a.html  

http://www.lesekost.de/gedicht/HHLG02.htm 

http://www.lyrikmond.de/interpretationen.php

http://www.lyrikschadchen.de/html/keller.html (Schülerarbeit)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=kqgpm50TPNY (unbefriedigend)

http://www.youtube.com/watch?v=rQTyJHP_DVc (hilflos)

Sonstiges

http://gedichte.woxikon.de/wintergedichte (Wintergedichte)

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  1. Pingback: Droste-Hülshoff: Das Spiegelbild – Analyse | norberto42

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