Keller: Abendlied – Analyse

Augen, meine lieben Fensterlein…

Text

http://www.gottfriedkeller.ch/frameset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/texte/abendlied.htm

http://www.lyrik-und-lied.de/ll.pl?kat=typ.show.poem&ds=1604&id=1637

http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gframeset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gg1_1.htm (dort Nr. 25)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&print=1&spalten=&id=183

Es gibt von Keller ein Gedicht „Abendlied. An die Natur“, das in „Gedichte“ 1846 erschienen ist. Davon zu unterscheiden ist „Abendlied“, das 1879 verfasst und veröffentlicht worden ist – eines der bekanntesten Gedichte der deutschen Literatur. Es gibt im Netz dazu eine eher philosophisch interessierte Interpretation Joachim Kahls (s.u.) und eine formal fundierte von B. Sunderhaus (s.u.), die leider einige Fehler aufweist.

Das Abendlied hat eine lange Tradition, am bekanntesten ist Matthias Claudius’ „Abendlied“ (vgl. meine Analyse oder http://mpg-trier.de/d7/read/claudius_abendlied.pdf); Abend ist nicht nur der Abend des Tages, sondern auch der des Lebens. Bei Keller spricht das lyrische Ich, das schon älter ist, seine Augen an („Augen, mein lieben Fensterlein“, V. 1) und spielt in dieser Ansprache das Thema „Abend“ durch:

·      Ihr gebt mir (jetzt) schon lange holden Schein,

·      Ihr werdet einmal verdunkelt sein,

·      Doch noch lebe ich „auf dem Abendfeld“:

·      Deshalb: Trinkt, o Augen, von dem Überfluss der Welt!

Die Augen werden metaphorisch als „Fensterlein“ des Leib-Hauses begrüßt, was in V. 2 und 3 erklärt wird: Sie lassen Licht ins Haus, lassen Bilder der Welt herein. Das Diminutiv „Fensterlein“ zeigt die Vertrautheit, das freundschaftliche Verhältnis des Ich zu seinen Augen und zur Welt (vgl. holder Schein, V. 2; freundlich, V. 3). Deshalb sind sie dem Ich lieb, zumal da sie schon „so lange“ (V. 2) ihren treuen Dienst tun.

Mit dem Adverbial „so lange“ kommt das Abend-Thema auf, das später noch ausdrücklich benannt wird: Ich wandle „auf dem Abendfeld“ (V. 13). Das schließt ein: „Einmal werdet ihr verdunkelt sein!“ Dann geht das Licht des Hauses aus. Was das heißt, wird in den beiden folgenden Strophen entfaltet.

Die vier Verse der 1. Strophe bestehen aus Trochäen, fünf Hebungen; der letzte Takt ist unvollständig (männliche Kadenz), dadurch entsteht nach jedem Vers eine kleine Pause, was auch syntaktisch bedingt ist: Anrede, drei einzelne Hauptsätze (V. 1, V. 2-4). Die vier Verse weisen alle den gleichen Reim auf (Haufenreim) und bezeugen so, dass sie alle von den Augen als den Fensterlein handeln: holder Schein, Bild herein, verdunkelt sein. Dieses formale Schema hält sich in allen Strophen durch. Die folgenden Leitwörter sind dann „Lider zu“ (V. 5), „glimmend steh’n“ (V. 9) und „Abendfeld““ (V. 13).

In zwei Konditionalsätzen greift das Ich das Stichwort „verdunkelt sein“ (V. 4) auf und bedenkt, was „einst“ (V. 5) geschehen wird (die Zukunft, im Präsens vorgestellt): Die Augen fallen zu, sie löschen (bzw. der von ihnen vermittelte Schein) aus – „dann hat die Seele Ruh’“ (V. 6). Die ewige Ruhe ist das, was man den Toten wünscht, weil das Leben oft so unruhig ist. Christlich ist der Wunsch „lux aeterna luceat eis, Domine…“; davon ist hier nicht die Rede, im Gegenteil: Hier löschen alle Lichter aus. Wie das vor sich geht, wird in den folgenden Versen umschrieben.

Zunächst streift die Seele ihre Wanderschuhe ab (V. 7), sie beendet die Wanderschaft (alte Metapher des Lebens, vgl. „wandl’“, V. 13) und legt sich in „ihre finst’re Truh’“ (V. 8); dabei ist unklar, was eine Truhe der Seele (Metapher) ist, außer dass sie so etwas wie ein Sarg (für den Leichnam) ist. Das alles steht unter dem Stichwort „Lider zu“ (bzw. dem ganzen Satz V. 5). Die Lider werden als pars pro toto für die Augen angesprochen (V. 6), weshalb „ihr“ gegen den Takt auch einen leichten Akzent bekommt.

In der 3. Strophe wird das Erlöschen einer Kerze als Bild für einen allmählichen Übergang in den Tod genommen: Nach dem Erlöschen der Flamme glimmt noch ein Funke, dann erst erlischt der Docht ganz. Die Seele sieht zuerst „noch zwei Fünklein“, die Reste des Augen-Scheins, „glimmend steh’n“ (V. 9); auch diese werden dann ganz behutsam gelöscht, „Wie von eines Falters Flügelweh’n“ (V. 12). Hier hat der Tod nichts Gewaltsames an sich, nichts Schreckliches; es wird kein Todeskampf ausgetragen, der lebenssatte Mensch mit den müden Lidern (V. 5) legt sich zur Ruhe, wenn die Zeit da ist. Diese Strophe steht unter dem Doppelmotto „glimmend steh’n / auch vergeh’n“ (V. 9/11).

Mit dem adversativen „Doch“ setzt das Ich energisch gegen die Todesperspektive die gegenwärtige („noch“, V. 13, gegen den Takt betont) Realität des Lebens, wenn auch die eines Lebens auf dem „Abendfeld“; auf diesem Feld sinkt die Sonne (V. 14) – aber immerhin die Sonne mit ihrem Schein! Das drückt das Ich mit der Partikel „Nur“ (V. 14) aus: Nicht die Fünklein leuchten ihm jetzt, sondern noch die Sonne. Deshalb wendet es sich mit einer letzten Aufforderung an seine Augen: „Trinkt … Von dem goldnen Überfluß der Welt!“ (V. 15 f.). Das ist Lebensbejahung pur, auch im Alter. Die Mengenangabe „was die Wimper hält“ (V. 15, wieder pars pro toto) verdankt sich dem ungewöhnlichen Bild von den trinkenden Augen; mit dem Verb „trinken“ wird die Aufnahme der Welt als Wasser, das den eigenen Durst löscht, qualifiziert. Dieses Wasser ist reichlich da – die Aufforderung an die Augen ist zugleich Dank(gebet) an die Welt für ihren Überfluss. „Überfluss“ ist ein göttliches Prädikat, hier der Welt verliehen. Wenn es ans reale Verteilen geht, herrscht in der Welt ein großer Mangel an Gütern – das wird hier ausgeblendet, weil es nur ums Schauen geht: Da gibt es für alle mehr als genug zu sehen.

Anderseits kann man heute die Frage nicht unterdrücken, woher der Mangel kommt, wenn doch goldner Überfluss zu sehen ist. Oder sind das einfach zwei verschiedene Dinge, Gedichte schreiben und politisch denken?

Bei Gert Sautermeister, Die Lyrik Gottfried Kellers. Exemplarische Interpretationen, beginnt auf Seite 27 eine Interpretation des Gedichtes Abendlied.

http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/keller.pdf (dort S. 7-10)

http://www.aleato.de/publikdownload/lyrik/lyrik-hefter (dort S. 5 – mit Fehlern!)

http://www.litde.com/sonstige/gottfried-keller-abendlied.php

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=R3fr6tDUWEw (Wolfgang Ruttkowski)

Sonstiges

http://www.kettererkunst.de/kunst/kd/details.php?obnr=410702391&anummer=309 (das Manuskript)

http://de.wikipedia.org/wiki/Abendlied (Abendlied)

http://www.magic-point.net/fingerzeig/literaturgattungen/lyrik/lyrik-ergebn/lyrik-ergebn.html (dito)

http://user.phil-fak.uni-duesseldorf.de/~brall/gedichte.pdf (Liste der Abendlieder)

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