Keller: Waldlieder. I. und II. – Interpretation

Arm in Arm und Kron’ an Krone…

Aber auch den Föhrenwald…

Text

http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gframeset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/geditorial.htm (dort Nr. 34 und 35)

http://www.waltermorgenthaler.ch/keller/GG/GG_Parallel.htm (dort in „Gesammelte Gedichte“, Nr. 034 und 035; in „Gedichte“ 1846 die Nummern 019 und 020)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&print=1&spalten=1&id=208 (Waldlieder I.)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=185 (Waldlieder II.)

In „Gedichte“ 1846 stehen die beiden Gedichte unter der Überschrift Sommer“ mit den einzelnen Titel „Im Wald. 1.“ und „Im Wald. 2.“. In „Gesammelte Gedichte“ 1883/89 stehen sie unter „Waldlieder“, und zwar mit der Zählung I. und II. Sie werden jedoch oft einzeln gelesen, vor allem das erste ist breit rezipiert (seit Avenarius: Hausbuch deutscher Lyrik, 1902); dann fallen diese Überschriften weg und sie werden mit dem ersten Vers zitiert: „Arm in Arm und Kron’ an Krone“ (bzw. seltener: „Aber auch den Föhrenwald“). Dass sie jedoch zusammengehören, bezeugen nicht nur die von Keller gewählten Überschriften, sondern auch der direkte Bezug auf das erste Gedicht im zweiten: „Aber auch den Föhrenwald / Laß’ ich mir nicht schelten“. – Gegenüber der 1. Fassung weicht die 2. Fassung des „Waldlied. I.“ stark, die von „Waldlied. II.“ ein wenig ab. Wir beziehen uns auf die 2. Fassung.

In „Waldlieder. I.“ beginnt der Ich-Sprecher mit einer Charakterisierung des Eichenwaldes und einem kurzen Bericht, wo durch die Personifikationen („Arm in Arm“; er hat „sein altes Lied gesungen“, V. 1 f.) schon signalisiert wird, dass es um mehr als den Eichenwald geht – obwohl das Gedicht sicher oft als reine Naturlyrik gelesen wird. „Arm in Arm“ bezeugt bürgerliche Solidarität, worauf dann „Kron’ an Krone“ sowohl von den Baumkronen wie von den „Kronen“ freier Bürger gelten mag. Dass er sein altes Lied gesungen hat, wird berichtet; damit wird der darauf vorbereitet, das alte Lied selbst zu hören (2. – 5. Str.) – der Bericht davon steht im Präteritum. Das alte Lied ist ein Sturm im Wald.

Dieser Sturm beginnt ganz klein (V. 3) und steigert sich bald zur „Sturmesflut“ (V. 6). „Seit Klopstock ist der bewegte, vom Sturm erfaßte Wald ein republikanisches Wahrzeichen.“ (Gert Sautermeister) Das Bild des Sturmes vermengt sich mit dem Bild der Meeresbrandung (V. 11), was durch das Bild der „breiten Wogen“ (V. 5) vorbereitet wird. Ausdrücklich wird diese Übertragung in V. 11 f. in einer Art Zusammenfassung vorgenommen und als „das schöne Spiel“ bewertet: der Aufstand der Bürger als „Spiel“.

Hier ist ein Wort zur Form fällig: Die Verse bestehen aus acht Trochäus-Takten, was nicht nur ein kraftvolles Sprechen ermöglicht, sondern auch die 16silbigen Verse Homers und Vergils nachahmt: die Verszahl des Heldenliedes, hier des Liedes vom freien Volk. Durch die Qualifizierung des Liedes als „altes“ Lied (V. 2) wird es legitimiert, genau wie durch seine 16 Silben pro Vers.

Die Legitimierung geht im zweiten Teil des Gedichts (ab V. 13) weiter: Es ist das Lied des Gottes Pan. „Pan ist ein ländlicher Gott, als Abbild der Natur geformt, weshalb er auch Pan heißt, das bedeutet ALL. (…) Er spielt eine Flöte mit sieben Rohren wegen der Sphärenharmonie, in welcher sieben Töne sind.“ (Servius im Kommentar zu Vergils Bucolica, 4. Jh.) Die sieben Töne bilden das Ganze der Tonleiter. Wenn Pan der Gott des Waldes wie des Ganzen, ist kein Platz mehr für den christlichen Gott, der dem Leiblich-Natürlichen fremd gegenübersteht, aber Europas Könige und Fürsten „von Gottes Gnaden“ legitimiert.

In der letzten Strophe folgt der poetologische Schluss: Pan ist der Gott aller Lieder (V. 16); von ihm lernen die jungen Dichter so gut wie die jungen Finken, indem sie dessen „Melodien trinken“ (V. 18). Eine dieser neuen Melodien haben wir gerade in „Waldlied. I.“ gehört.

Das Waldlied I handelt vom Eichenwald – die Eiche als Zeichen der Stärke und des Selbstbehauptung. Der Ich-Sprecher setzt sein von Pan inspiriertes Lied in „Waldlied. II.“ fort, wo er vom Föhrenwald spricht – die Föhren wachsen „schnell und mutig“ (V. 19). Hier spricht er aber anders: Trochäus, vier- und dreihebig, abwechselnd männliche und weibliche Kadenzen, was eine kleine Pause hinter V. 1 und 3 jeder Strophe bedingt; die größere Pause wird nach V. 2 eingelegt, weil dort ein Satz zu Ende geht (außer in Str. 2 und 4). Der Kreuzreim wird diesem Satzbau gerecht. Für die Semantik der Reime ist entsprechend darauf zu achten, ob V. 2/4 (bzw. V. 1 f. / V. 3 f.) zueinander passen.

In „Waldlied. II.“ spricht das lyrische Ich zunächst von sich selber im Föhrenwald (V. 1-8), wo es jauchzt und sich am Wehen der Föhren erfreut. In vier Strophen (V. 9-24) wird dann beschrieben, wie die Föhren genossenschaftlich leben und handeln; die Personifikationen weisen die Beschreibung ihres Lebens eindeutig als politische Allegorie aus.

In den letzten drei Strophen reflektiert das Ich dann, wie es den Föhrenwald erlebt: Das Herz wird ihm laut (V. 27 f.), es erfreut sich des schönen bürgerlichen Lebens der Föhren, es feiert in der Natur sein eigenes „wildes Kirchenfest“ (V. 35). Diese Wendung ist nicht recht verständlich; sie ergibt sich aus einer gestrichenen Wendung der 1. Fassung: „Großen Unfug treibt mein Herz / In der Föhrenstille.“ Ohne den Bezug auf den großen Unfug kann „wild“ nur so viel wie „illegitim“ oder „unkonventionell“ bedeuten. Vielleicht muss man auch noch den Pan des ersten Gedichtes im Ohr haben, um zu verstehen, wieso hier ein wildes Kirchenfest gefeiert wird – ohne christliche Liturgie. Die Legitimität des Kirchenfestes (Metapher) besorgt sich der Sprecher vom Unsichtbaren höchstselbst: Der schaut lächelnd seinem Treiben zu (V. 33), versichert das lyrische Ich; da wollen wir ihm nicht widersprechen.

Bei Gert Sautermeister, Die Lyrik Gottfried Kellers. Exemplarische Interpretationen, beginnt auf Seite 42 eine Interpretation der Gedichte Waldlieder.

One thought on “Keller: Waldlieder. I. und II. – Interpretation

  1. Pingback: Keller: Frühlingsglaube – Analyse « norberto42

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s