Keller: Sonnenaufgang – Analyse

Fahre herauf, du krystallener Wagen…

Text

http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gframeset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/geditorial.htm (dort Nr. 16)

http://www.kellergottfried.de/kellersonnenaufgang/ (dort Nr. 016)

(Vorfassungen: Morgen II., in: Gedichte 1846;

Juni. Morgenlied, in: Schreibbuch Ms. GK 4, Nr. 121)

In „Gedichte“ 1846 steht unser Gedicht unter der Überschrift „Morgen. II.“ als Nummer 3, es folgt dort auf „Morgen. I.“; in „Gesammelte Gedichte“ (1883/89) trägt es die Überschrift „Sonnenaufgang“ (Nr. 16) und folgt auf „Morgen“, die überarbeitete Fassung von „Morgen. I.“. Eine erste Fassung gibt es im „Schreibbuch“ unter der Überschrift „Juni. Morgenlied“. Wir halten uns an die Fassung der Gesammelten Gedichte, beachten jedoch zur Interpretation auch das voraufgehende Gedicht „Morgen“:

„So oft die Sonne aufersteht,
Erneuert sich mein Hoffen…

So lang‘ noch Morgenwinde
Voran der Sonne weh’n,
Wird nie der Freiheit Fechterschar
In Nacht und Schlaf vergeh’n!“

Hier sieht man, wie Keller die alte Licht-Metaphorik aufgreift, wie das Licht des neuen Tages das Licht der Freiheit, das Licht einer politischen Hoffnung ist – dies als Hintergrund zu „Sonnenaufgang“.

In der griechischen Mythologie ist Helios, der Sonnengott, der Bruder der Mondgöttin Selene und der Morgenröte Eos. Seine Aufgabe ist es, den von vier Pferden gezogenen Sonnenwagen über den Himmel zu lenken. Der vom Sprecher angerufene Kristallwagen ist dieser Wagen des Helios, ist die Sonne selbst, der klingende Morgen. Die Wolken im Morgenrot werden metaphorisch als „seidene Wimpel“ aufgefordert zu flattern.

Der Sprecher tritt nicht namentlich und nur einmal pronominal (Weh mir“, V. 24) hervor; aber in seiner Sprechweise zeigt er sich als engagierter Beobachter des Geschehens: Er fordert Sonne und Wolken auf, den Tag zu bringen (Imperative: fahre herauf, flattre, V. 1, 4). Dabei spricht er kraftvoll entschlossen im Daktylos, was seiner Rede Schwung verleiht. Im vierten Takt fehlt eine Silbe (V. 1, 3) oder zwei (V. 2, 4), was eine Pause am Versende bedeutet: Sie zeigt die Ruhe in der Betrachtung der Natur, auch die Selbstgewissheit des Sprechers. Der Doppelvers macht eine semantische Einheit aus (Sonne / Wolken), dem entspricht der Kreuzreim, der den Reimakzent auf die b-Reime legt: Morgen frisch und klar / rosige Wölkleinschar (Parallele).

Mit „Siehe“ (V. 5) spricht der Sprecher zu sich selbst, im Sinn von „Schau, so ist es!“ Vor dem Hintergrund der ganzen Natur (Meere, das Gebirge) wird der im ersten Licht glänzende Tau religiös als „Weihbrunn zum heiligen Sonnengebet“ bewertet. Dem neuen Morgen, dem Licht der Freiheit gilt die wahre Verehrung, nicht dem alten christlichen Gott. Dieser Gegensatz wird in der nächsten Strophe mit dem Symbolpaar „die Blumen / die vergoldeten Kreuze“ ausgetragen: In den Blumen geht der neue Gott auf und wird dadurch befreit, während die Kreuze einen toten Gott tragen. Dem Licht der funkelnden Blumen antworten die glänzenden Kreuze „mit beißendem Spott“: Spott des leidenden Gottes über den Lebenswillen. Der gefangene Gott der Blumen steht gegen den gleißenden Spott der Kreuze. Es ist noch nicht entschieden, welches Licht sich durchsetzt.

Diese Ambivalenz der sonnenbeschienenen Natur wird in den Fragen der beiden folgenden Strophen mitsamt den negativen Antworten offenbar (Str. 4, 5): Was wie ein Lerchenflug aussieht, ist bloß ein Rabenschwarm. Was als silbernes Fischlein erscheint, ist in Wahrheit ein räuberischer Hecht. Noch ist es nicht so weit, dass sich Leben und Freiheit durchgesetzt hätten (statt „fröhlichem Zug“ bloß „Rabenflug“).– Die Reimwörter oder -verse passen oft zueinander, ohne Überraschendes zu offenbaren: den gefangenen Gott / mit gleißendem Spott (V. 10/12; in den Lüften / aus Klüften (V. 13/15); Fischlein aus silberner Welle / der bewehrte Geselle (V. 17/19); usw. 

In den beiden letzten Strophen stellt der Sprecher sich seiner Einsicht, dass der Kampf zwischen Licht und Finsternis noch nicht entschieden ist: Einerseits schickt er sich bedauernd darin, dass es „noch […] nicht Zeit“ für den großen Sonnentag ist (V. 22), dass die Morgenwolken erbleichen und schon „so weit“ weg sind (V. 23 f.); anderseits ruft er dem Sonnenwagen „Fahr’!“ (V. 25) zu in der Zuversicht, dass ein neuer Josua die Sonne endgültig zum ewigen Sonntag anhält (V. 25 ff.). Damit spielt er auf eine Stelle des AT an: „Damals redete Josua mit dem HERRN an dem Tage, da der HERR die Amoriter vor den Israeliten dahingab, und er sprach in Gegenwart Israels: Sonne, steh still zu Gibeon, und Mond, im Tal Ajalon! Da stand die Sonne still und der Mond blieb stehen, bis sich das Volk an seinen Feinden gerächt hatte. Ist dies nicht geschrieben im Buch des Redlichen? So blieb die Sonne stehen mitten am Himmel und beeilte sich nicht unterzugehen fast einen ganzen Tag.“ (Josua 10,12 f.) Der neue Josua, der Gewaltige, werde die Sonnenpferde endgültig „zum Steh’n“ bringen. Worauf sich diese Hoffnung stützt, bleibt freilich unklar – der neue Josua ist nur ein mythisches Bild der eigenen Hoffnung, welches die politischen Kämpfe und ihre Logik ausblendet, aber von der Hoffnung des Vormärz lebt.

„Sonnenaufgang“ ist mitnichten ein Naturgedicht – es ist ein politisches Gedicht, in dem alte Bilder und Mythen verarbeitet werden, um die eigene lebensbejahende Hoffnung des Ich-Sprechers auszudrücken. Wenn es auch kein vollkommenes Gedicht ist – mir gefällt es, auch wegen des Schwungs, mit dem es an der Hoffnung auf das Licht festhält.

Bei Gert Sautermeister, Die Lyrik Gottfried Kellers. Exemplarische Interpretationen, beginnt auf Seite 37 eine kurze Interpretation des Gedichts Sonnenaufgang.

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Vorm%C3%A4rz (Vormärz)

http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Schweiz (Geschichte der Schweiz, dort 7. und 8.)

One thought on “Keller: Sonnenaufgang – Analyse

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