Keller: Ich hab‘ in kalten Wintertagen – Analyse

Ich hab’ in kalten Wintertagen…

Text

http://www.waltermorgenthaler.ch/keller/GG/GG_Parallel.htm (dort: Neuere Gedichte, Nr. 081 – Zyklus: Aus dem Leben. 1849.)

http://www.gottfriedkeller.ch/gg/EG/NG_06.htm (dito)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=206 (dito: frühe Fassung)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Keller,+Gottfried/Gedichte/Neuere+Gedichte/Aus+der+Brieftasche (Zyklus: Aus der Brieftasche, in: Neuere Gedichte; das ist gleich dem Zyklus Aus dem Leben“, aber teilweise in anderer Reihenfolge)

http://www.waltermorgenthaler.ch/keller/GG/GG_Parallel.htm (dort: Gesammelte Gedichte, Nr. 143 – Zyklus: Sonnwende und Entsagen)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=207 (dito: späte Fassung)

Das Gedicht gibt es in zwei Fassungen; bei der späten Fassung sind – von den kleinen Überarbeitungen abgesehen – die beiden letzten Strophen gestrichen worden. Ich halte mich hier an die 2. Fassung und werde das gleich kurz begründen. – Warum in Neuere Gedichte die Namen des Zyklus variieren, kann ich nicht erklären.

Das Gedicht, unter dem Einfluss Ludwig Feuerbachs entstanden, den Keller in Heidelberg kennengelernt hat, lebt von der Polemik (und der Negation) gegen die christlich-platonische Hoffnung auf Unsterblichkeit der Seele. Diese Hoffnung ist in der Neuzeit fragwürdig geworden; Feuerbach hat „Gott“ als eine Projektion menschlicher Sehnsüchte an die himmlische Leinwand entlarvt, während „der Mensch“ in die Reihe der anderen Lebewesen zurückkehrte. Der einzelne Mensch kann diesen großen Umschwung als Krise erleben, das neue Denken als Befreiung (siehe Nietzsche!). Aus dem Akt dieser Befreiung ist unser Gedicht entstanden.

Ein lyrisches Ich, welches hier tatsächlich Gottfried Keller repräsentiert, spricht im Perfekt davon, wie es das „Trugbild der Unsterblichkeit“ aufgegeben hat (V. 1-4); es spricht dieses Trugbild persönlich an und sagt sich quasi noch einmal von ihm los. Die Zeit, in der es dem Trugbild verfallen war, wird als Winter und dunkle Zeit charakterisiert (V. 1 f.). Mit dem Perfekt wird ausgedrückt, dass dieser Akt der Befreiung zwar auch in der Vergangenheit stattgefunden hat, vor allem aber abgeschlossen ist. Dieser dunklen Zeit wird pointiert (dreimal „nun“, V. 5-7) die Gegenwart entgegengestellt, „da der Sommer glüht und glänzet“. Wie sehr der Sommer die Zeit des Lichtes ist, sieht man an den Verben „glühen“ und „glänzen“. Beide kennen wir aus der Lyrik des jungen Goethe („Ganymed“ und „Prometheus“: glühen; „Mailied“: glänzen), beide bezeugen die Begegnung mit dem Göttlichen, das glänzt, worauf das Ich mit seinem Glühen antwortet. Im Präsens, womit das Gegenwärtige wie auch das immer Gültige bezeichnet wird, drückt das Ich seine Zustimmung zu seiner Sinnesumkehr, zu seiner „Bekehrung“ aus: Ich sehe…, „Im Grabe aber ruht der Wahn.“ (V. 6, 8). Eine paradoxe Pointe ist die Tatsache, dass das Trugbild der Unsterblichkeit gestorben ist und im Grab ruht. In V. 7 kommt die anthropologische Wende Feuerbachs zum Ausdruck: Der Mensch oder sein Herz ist jetzt „umkränzet“ (Perfekt), den Götterbildern sind die Kränze entrissen worden.

Das Gedicht ist in einem vierhebigen Jambus verfasst, wobei V. 1 und 3 jeder Strophe eine Silbe zusätzlich bekommen (weibliche Kadenz), was eine kleine Pause aufruft; das passt auch zum Satzbau (neuer Satz oder neuer Ansatz im Satz) und spiegelt sich im Kreuzreim wieder; bei der Semantik der Reime wird man vor allem auf die b-Verse achten: in dunkler Zeit / Trugbild er Unsterblichkeit (V. 2/4); ich habe wohl getan / im Grabe ruht der Wahn (V. 6/8); usw. Gegen den Takt sind „Ganz“ (V. 3) und zweimal „Nun“ (V. 5 f.) betont und damit herausgehoben. Ferner fallen die Aufzählungen in V. 1 f. und das dreimalige „nun“ (V. 5 ff.) auf; damit werden die beiden Zeit des Wahns und der Wahrheit kontrastiert.

In der 3. Strophe beschreibt das lyrische Ich, wie es gegenwärtig lebt, und in der 4. Strophe, was es an Verständnis gewonnen hat. Im Bild einer Flussfahrt (V. 9) wird beschrieben, wie schön das Leben jetzt (geworden) ist: In der Hitze des Sommers (V. 5) kühlt das Wasser die Hand, ist das Ich jetzt glücklich – im Blick zum blauen Himmel („Dom“ als Metapher, in Erinnerung an den religiösen Himmelsglauben) ist es mit seinem Leben zufrieden, sucht – wieder in Negation zur religiösen Hoffnung („Unsere Heimat aber ist im Himmel“, Phil 3,20; „Denn wir haben hier keine bleibende Stadt“, Hebräerbrief 13,14) – „kein bessres Vaterland“ (V. 12). Nietzsche hat 30 Jahre später in der „Morgenröte“ in Aphorismus 501 die Bedeutung dieser Einsicht entfaltet und gepriesen. In dieser Strophe sind (wie bereits in der 2.) alle Reime sinnvoll: dem klaren Strom unten entspricht der blaue Dom oben (V. 9/11), das Kühlen der Hand bezeugt, dass es kein besseres Vaterland gibt (V. 10/12).

In der 4. Strophe wird das betonte „Nun“ noch einmal aufgegriffen (V. 13), in der Anrede an die blühende Lilie als Genossin des Lebens, welche dem Ich einen „stillen Gruß“ sendet. Die Satzkerne „versteh’ ich“ / „Ich weiß“ (V. 13, 15) enthalten die Prädikate, die dem „seh’ ich“ (V. 6) entsprechen und den Übergang vom Wahn (V. 8) und Trugbild (V. 4) zur Wahrheit markieren. Der vorletzte Vers ist grammatisch nicht leicht einzuordnen. Gemäß der Entstehung des Gedichtes („Ich weiß, wie sehr das Herz auch glühet“, V. 15 der 1. Fassung) schlage ich vor: Ich weiß (Hauptsatz) – dass-Satz (Objekt zu „weiß“) – wie-Satz (konzessiver Nebensatz zu „vergehen muß“). Ein Konzessivsatz steht im Gegensatz zum übergeordneten Satz, aber er reicht nicht hin, um dessen Geltung außer Kraft zu setzen: Das Glühen der Flamme reicht nicht hin, um das Gesetz des Vergehens außer Kraft zu setzen. Die glühende Flamme ist die Lebensflamme (vgl. V. 5), die bildlich in der blühenden Lilie (V. 13 f.) erscheint.

Damit ist das Gedicht zu Ende, wenn auch in der 1. Fassung noch zwei Strophen folgten:

„Seid mir gegrüßt, ihr holden Rosen,
In eures Daseins flücht’gem Glück!
Ich wende mich vom Schrankenlosen
Zu eurer Anmuth froh zurück!

 

Zu glüh’n, zu blüh’n und ganz zu leben,
Das lehret euer Duft und Schein,
Und willig dann sich hinzugeben
Dem ewigen Nimmerwiedersein!“

Diese beiden Strophen stellen gegenüber dem glühenden Sommer, der Fahrt auf dem Strom, der blühenden Lilie und der Einsicht in das Gesetz des Vergehens nur eine pleonastische Wiederholung dar, während die 5. Strophe auch noch den Gedanken der 1. aufgreift. Keller hat die beiden Strophen zu Recht gestrichen, auch wenn V. 21-24 wegen des antichristlichen lebensbejahenden Pathos auch heute noch gern zitiert werden. Vielleicht muss man selber von der im Gedicht vollzogenen Befreiung zumindest ein bisschen betroffen sein, um sich von seinem Pathos angesprochen zu fühlen.

Bernd Breitenbruch weist in seiner Keller-Biografie (rm 136, 1968) darauf hin, dass Kellers Gedicht „Liebliches Jahr, wie Harfen und Flöten“ das gleiche Thema wie das kämpferische Gedicht „Ich hab’ in kalten Wintertagen“ behandelt, allerdings so, dass aus dem weltanschaulichen Problem ein poetisches Motiv geworden sei.

http://www.ludwig-feuerbach.de/kahl_keller.htm (philosoph. Meditation zum Gedicht, frühe Fassung)

http://hpd.de/node/2653 (dito)

Bei Gert Sautermeister, Die Lyrik Gottfried Kellers. Exemplarische Interpretationen, beginnen auf Seite 68 unter der Überschrift „Feuerbachiaden“ Untersuchungen zu den von Feuerbach beeinflussten Gedichten.

Vortrag

http://www.deutschelyrik.de/index.php/ich-hab-in-kalten-wintertagen.html (Fritz Stavenhagen, 2. Fassung)

Sonstiges

http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/keller.pdf (L. Feuerbach und sein poetischer Schüler G. Keller)

http://www.gottwein.de/Eth/RelKr01.php (Feuerbachs Religionskritik, differenziert)

http://www.freidenker.org/jena/Texte/feuerbach.htm (ausführlich)

http://de.wikibooks.org/wiki/Religionskritik:_Feuerbach (dito, sehr ausführlich)

http://www.geschichtsinfos.de/die-religionskritik-ludwig-feuerbachs/ (dito, sehr knapp)

http://buber.de/christl/unterrichtsmaterialien/feuerbach (mit kritischer Würdigung)

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