Keller: Dich zieret dein Glauben – Analyse

Dich zieret dein Glauben, mein rosiges Kind…

Text 

http://www.zeno.org/Literatur/M/Keller,+Gottfried/Gedichte/Neuere+Gedichte/Aus+der+Brieftasche/10.+%5BDich+zieret+dein+Glauben,+mein+rosiges+Kind%5D

http://www.gottfriedkeller.ch/gg/EG/NN_06.htm (dort Nr. 086)

Das Gedicht spielt mit dem Motto «So lange eine Rose zu denken vermag, ist noch nie ein Gärtner gestorben.» (Fontenelle, 17./18. Jh.), das leicht variiert den Schluss jeder der drei Strophen bildet. Das ist typisch aufklärerische Polemik, dass in einer Analogie die Beschränktheit des menschlichen Denkens aufgezeigt wird, speziell in Beziehung auf das sogenannte Überirdische: Wie die Rosen in ihrer zeitlich eng begrenzten Perspektive etwas Falsches vom Gärtner denken (der Sprecher und die Leser wissen es besser!), das ist so ähnlich, wie die Menschen von Gott oder den Göttern denken; die Analogie braucht nicht ausgeführt zu werden, sie wird durch den Bezugspunkt „Gärtner“ (= Gott, vgl. „Gott der Gärtner“ von Ernst Moritz Arndt; Nathans Vergleich der Menschen mit Bäumen in „Nathan der Weise“ II,5 u.a.) gesetzt. Ähnlich, vielleicht noch schöner ist die satirische Analogie „Monolog einer Milbe im siebenten Stock eines Edamerkäses“ (Wehkrlin, 18. Jh.) und die Geschichte von Thurber: Der Uhu, der Gott war (20. Jh., oder hier). Als erster hat Xenophanes (5. Jh v.C.) diesen Gedanken ausgesprochen: „Wenn aber die Rinder und Pferde und Löwen Hände hätten und mit diesen Händen malen könnten und Bildwerke schaffen wie Menschen, so würden die Pferde die Götter abbilden und malen in der Gestalt von Pferden, die Rinder mit der Figur von Rindern. Sie würden solche Statuen meißeln, die ihrer eigenen Körpergestalt entsprechen.“ – Teilweise wird das Gedicht unter der Überschrift „Rosenglaube“ geführt. Es gibt eine bei google-books leider unvollständige kurze Analyse Gert Sautermeisters; hier deshalb nur ein paar analytische Anmerkungen.

Ein lyrisches Ich spricht ironisch-herablassend zu einer jungen Frau („mein rosiges Kind“, V. 1), deren Glaube ihr so schön im Gesicht „glänzt“ (V. 2). Es stellt ihren Glauben im Vergleich („So“, V. 5, vgl. auch das Attritut „rosig“!) neben die Wahrheit, welche „die träumenden Blumen“ erworben haben, gar ernst erworben haben (V. 6) – wobei klar ist, dass träumende Blumen keine Wahrheit erwerben können. Der Inhalt dieser „Wahrheit“ ist dann der Satz Fontenelles (V. 7 f.), durch einen Doppelpunkt als diese Wahrheit erwiesen.

In der 2. Strophe wird das falsche Denken der Rose mit dem richtigen Denken des Gärtners konfrontiert – das lyrische Ich spricht zwar lyrisch, aber doch auch wie ein auktorialer Erzähler: Die Rose hat noch nie einen Gärtner sterben sehen, aber der Gärtner nimmt sehr wohl wahr, dass er alt geworden und seine „Blüte verdorben“ ist. Das Denken der Rose wird auch mit „dünkt“ (V. 10) als unwahr qualifiziert. Die Sentenz Fontenelles schließt wieder den Gedankengang ab.

In der 3. Strophe wird das Gotteslob der Natur als Folge („Drum“, V. 17) des falschen Rosendenkens beschrieben, während „der vergängliche Tau“ (V. 17) einen Kontrapunkt zu den Hoffnungen der Rosen darstellt; wenn die Vögelein „schmettern“ (V. 20), höre ich wieder einen ironischen Ton. Durch die Personifikation der verschiedenen Phänomene und Lebewesen (stolz schimmern, lispeln, mit Flöten und Theorben feiern) kann der Leser diesen törichten Gottesdienst leicht in den Bereich der Menschen übertragen.

Worterklärungen: Ein Hag (V. 5) ist eine Hecke bzw. ein von einer Hecke eingehegtes bzw. eingefriedetes Gelände; „pflag“ (V. 13) ist vermutlich ein starkes Präteritum zu „pflegen“; eine Theorbe ist ein Zupfinstrument, s. den Link unten.

Das Gedicht wird flüssig gesprochen, jeweils zwei Verse bilden (in der Regel) eine Einheit, wenn auch öfter (nach V. 1, 9, 11 usw.) syntaktisch ein Kolon vorliegt oder sogar ein neuer Satz beginnt; diese Einheit kommt auch darin zum Ausdruck, dass jeder zweite Vers eine Silbe kürzer als die erste ist und nur drei statt vier Hebungen im Jambustakt aufweist (weibliche Kadenz, kleine Pause). Auch der Kreuzreim wird diesem Strophenaufbau gerecht. Eine stärkere Betonung als vom Takt vorgesehen erfahren „Dich“ (V. 1), „So“ (V. 5), „Doch“ (V. 15), „Drum“ (V. 17 und 21).

Das Gedicht ist nicht bedeutend, aber wirklich nett – und es steht in der Tradition großer Aufklärung, hier unter dem Einfluss Feuerbachs; deshalb verdient es Beachtung und eine kurze Analyse.

Bei Gert Sautermeister, Die Lyrik Gottfried Kellers. Exemplarische Interpretationen, beginnen auf Seite 68 unter der Überschrift „Feuerbachiaden“ Untersuchungen zu den von Feuerbach beeinflussten Gedichten. „Dich zieret dein Glauben“ ist S. 76 ff. analysiert.

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Theorbe (Theorbe)

http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/keller.pdf (L. Feuerbach und sein poetischer Schüler G. Keller)

http://www.gottwein.de/Eth/RelKr01.php (Feuerbachs Religionskritik, differenziert)

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