Keller: Die Zeit geht nicht – Analyse

Die Zeit geht nicht, sie stehet still…

Text

http://www.gottfriedkeller.ch/gg/GG/GG_07.htm (dort Nr. 144, späte Fassung)

http://www.waltermorgenthaler.ch/keller/GG/GG_Parallel.htm (in: Neuere Gedichte, dort Nr. 82: Aus dem Leben, II., frühe Fassung)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&id=491&spalten=1&noheader=1 (beide Fassungen)

http://litheater.wordpress.com/tag/thema-zeit-handlungsorientiert-die-zeit-geht-nicht-augenblick-im-juni-gunter-eich/ (konfrontiert mit G. Eich: Augenblick im Juni; an anderer Stelle konfrontiert mit Opitz: Ach Liebste, lass uns eilen)

Wenn man sieht, in welchen Zusammenhängen auf dieses Gedicht zurückgegriffen wird, wird man auf die philosophisch-weltanschauliche Bedeutung des Themas „Zeit“ verwiesen. Es gibt eine ältere des 1849 entstandenen Gedichts Fassung in „Neuere Gedichte“ sowie eine späte, geringfügig überarbeitete; wir halten uns an die zweite Fassung, die 1888 veröffentlicht wurde.

Ein lyrisches Ich spricht von „Wir“ (V. 2, 4), spricht „ihr“ an (V. 7), spricht über „Jeder“ (V. 14, 16), wendet sich zum Schluss „An dich, du wunderbare Welt“ (V. 17), und legt sein persönliches Ich-Bekenntnis ab (V. 19, 21, 23): eine Mischung aus Gedankenlyrik und Bekenntnis. Die Strophen bestehen aus zwei Verspaaren zu vier und drei Jamben, wobei sich die kürzeren Verse reimen; manchmal bilden die Verspaare einen Satz (Str. 1, 3, 6, auch 2), manchmal umfasst der Satz die ganze Strophe (4, 5). Wir haben ein meditatives Gedicht vor uns, das unter dem Einfluss Feuerbachs 1849 entstanden ist und in einem Lobpreis der Schönheit unserer Welt endet.

Das Ich knüpft an die Redewendung, dass die Zeit (schnell) vergeht, an, und widerspricht: „Die Zeit geht nicht, sie stehet still“ (V. 1). Die beiden ersten Strophen stehen unter dem Aspekt „Du und die Zeit“. Hier wird die alte Erfahrung von der Flüchtigkeit der Zeit dahin korrigiert, dass nicht „die Zeit“ entschwindet, sondern meine Zeit, während „die Zeit“ immer da ist (als das Jetzt). Das wird in zwei Bildern dargelegt, im Bild der Karavanserai (Herberge), die wir betreten, bewohnen und verlassen (V. 3 f.), und im Bild des formlosen Etwas (wie ein Ozean), wo wir auf- und niedertauchen, „Bis wieder ihr zerrinnt“ (V. 8). Gegen den Takt sind „geht“ (Kontrast zu „stehet“, V. 1) und zweimal „Wir“ (V. 2, 4) betont; in der 2. Strophe wird der Kontrast in „Etwas / ihr“ (V. 5, 7) aufgegriffen. Im Verb „zerrinnt“ (V. 8) klingt das Bild der fließenden Zeit an, das auch im „Strom“ (V. 16) präsent ist und das wir nicht nur aus Goethes „Dauer im Wechsel“ kennen; hier sieht man, dass Kellers Bilder unserer Erfahrung nicht ganz gerecht werden und durch das alte Bild der verfließenden Zeit ergänzt werden müssen (vgl. dagegen Kants Spruch: „Die Zeit ist in uns und wir sind in der Zeit.“)

In der 3. Strophe wird die Konsequenz daraus gezogen – bzw. zur Bestätigung auf die Erfahrung zurückgegriffen, dass an einem Tag die Fülle des Lebens erlebt werden kann, wogegen viel Zeit oft nichts ist. „Ein“ (V. 11) ist gegen den Takt betont. – Wenn man auf die Reime achtet, sieht man, wie sie Sätze sinnvoll aneinander binden: V. 2/4 die durchziehenden Pilger; V. 6/8 der Kontrast Gestalt gewinnen / zerrinnen; V. 10/12 etwas gewundener der Kontrast „Strahl des Sonnenlichts“ / nichts.

In der 4. Strophe wird ein neues Bild der Zeit gezeichnet: Das weiße Pergament, das ein jeder selber beschreibt „Mit seinem roten Blut“ (V. 15), also im Vollzug seines Lebens; hier empfinde ich den abschließenden Vers (V. 16) bildmäßig als Störung – beim Beschreiben des Pergaments ist kein Platz für einen Strom, und die Zeit steht schließlich nur still (V. 1) – die traditionelle Vorstellung von der strömenden Zeit wird also eigentlich abgelehnt. – Das Bild vom Pergament wird dann fortgeführt, indem das lyrische Ich seinen Dank an die persönlich angesprochene Welt in einem Liebesbrief abzustatten gedenkt (5. Str.). Es folgt in der 6. Strophe die Begründung für dieses Vorhaben: Die vollkommen schöne Welt erscheint als runder Kranz, in dem das Ich erblüht ist (V. 21 f.) und dem es Dank schuldet (V. 23). Dank und Lobpreis stehen am Schluss (V. 23 f.), allerdings bleibt im Bild unklar, welche Quelle nicht getrübt werden soll (V. 23). Die Quelle des Lebens ist ein altes Bild (Ps. 36,9: Denn bei dir ist die Quelle des Lebens), welches hier aber nicht zum Bild des runden Kranzes passt. Es scheint, dass in unserem Gedicht das Poetische hinter die Gedanken zurücktritt.

„Froh“ (V. 21) ist gegen den Takt betont und durch Inversion zusätzlich hervorgehoben. „Froh“ ist das Ich auch angesichts der Vergänglichkeit, das ist die Botschaft des Gedichts.

Bei Gert Sautermeister, Die Lyrik Gottfried Kellers. Exemplarische Interpretationen, beginnen auf Seite 68 unter der Überschrift „Feuerbachiaden“ Untersuchungen zu den von Feuerbach beeinflussten Gedichten. Auf S. 79 beginnt eine Interpretation des Gedichts „Die Zeit geht nicht“.

http://www.autorenweb.de/abfrage_texte.php3?id=10499#.Ufu1X2QkYvU (kurze Analyse im Rahmen der Darstellung des Realismus)

http://www.denk-doch-mal.de/node/57 (sachliche Analyse im Rahmen pädagogischer Theorie)

http://www.borg-mittersill.salzburg.at/e-content/Psychologie-Philosophie/Zeit/philosophische_aspekte_der_zeit.htm (im Rahmen europäischer Zeit-Philosophie)

http://www.kommunikation.uzh.ch/static/unimagazin/archiv/4-98/zeit.html (Keller als Zeuge historischer Theorie)

http://www.predigten.de/predigt.php3?predigt=6248 (Verwendung in einer Predigt)

http://www.ngw.ch/site/files/unterlagen/Physikreise_WeltbilddermodernentheoretischenPhysik.pdf (in Gedanken über die Grenzen der Physik)

Vortrag

http://www.youtube.com/watch?v=s7ls_9pPVM8 (vertont von Leichenwetter)

Sonstiges

http://norberto42-4.blog.de/ bzw. http://also.kulando.de/category/ber_die_zeit (Aufsätze über die Zeit)

http://www.kahl-marburg.privat.t-online.de/keller.pdf (L. Feuerbach und sein poetischer Schüler G. Keller)

http://www.gottwein.de/Eth/RelKr01.php (Feuerbachs Religionskritik, differenziert)

http://www.pforte-sprechkunst.de/uploads/media/pskprgzeitph.pdf (Zeit-Gedichte)

http://www.kurzgeschichten.de/vb/archive/index.php?t-44831.html (Gottfried Keller)

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