Keller: Frühlingsglaube – Analyse

Es wandert eine schöne Sage…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=203 (späte Fassung, dazu Links zu früheren Fassungen)

http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gframeset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gg1_2.htm (dort Nr. 027)

http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/freimann/content/pageview/5118858 (in der Freimann-Sammlung)

„Dem griechischen – später von den Römern übernommenen – Mythos zufolge waren die sozialen Verhältnisse damals ideal und die Menschen hervorragend in ihre natürliche Umwelt eingebettet. Kriege, Verbrechen und Laster waren unbekannt, die bescheidenen Lebensbedürfnisse wurden von der Natur erfüllt. Im Verlauf der folgenden Zeitalter (Silbernes, dann Ehernes [d.h. Bronzenes], sodann Zeitalter der Heroen) trat jedoch ein moralischer Verfall bis hin zum heutigen Eisernen Zeitalter ein, Macht- und Besitzgier wurden immer stärker, und die Lebensbedingungen verschlechterten sich drastisch. In der Gegenwart (der Lebenszeit des Mythenerzählers) ist diese negative Entwicklung extrem geworden. Manche römische Autoren verkündeten aber den Anbruch einer neuen Epoche des Friedens und der Eintracht als Erneuerung des Goldenen Zeitalters.“ (wikipedia, Art. „Goldenes Zeitalter“) In der Neuzeit wurde dieser Mythos wieder belebt, u.a. von Rousseau. „Fundamentale Kritik an der Verherrlichung des Goldenen Zeitalters übte Immanuel Kant aus der Perspektive eines Anhängers der Fortschrittsidee. Er meinte, eine leere Sehnsucht habe das Schattenbild der mythischen Urgesellschaft erzeugt. Das Attraktive an dem Mythos sei der reine Genuß eines sorgenfreien, in Faulheit verträumten oder mit kindischem Spiel vertändelten Lebens. In Wirklichkeit könne der Mensch aber weder mit einem solchen Zustand zufrieden sein noch in ihn zurückkehren. Wer den Wert des Lebens nur im Genuss suche, gelange zu einem Überdruss an der Zivilisation und damit zu dem nichtigen Wunsch nach Rückkehr in jene Zeit der Einfalt und Unschuld.“ (ebenda)

Dieser Kritik Kants hat sich Schiller mit seinem Gedicht „Die Worte des Wahns“ (1800) angeschlossen, welches vielleicht der Bezugspunkt von Kellers Gedicht ist und deshalb hier teilweise zitiert wird:

Drei Worte hört man, bedeutungsschwer,
Im Munde der Guten und Besten.
Sie schallen vergeblich, ihr Klang ist leer,
Sie können nicht helfen und trösten.
Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht,
Solang er die Schatten zu haschen sucht.

Solang er glaubt an die goldene Zeit,
Wo das Rechte, das Gute wird siegen –
Das Rechte, das Gute führt ewig Streit,
Nie wird der Feind ihm erliegen,
Und erstickst du ihn nicht in den Lüften frei,
Stets wächst ihm die Kraft auf der Erde neu.

Solang er glaubt, daß das buhlende Glück
Sich dem Edeln vereinigen werde –
Dem Schlechten folgt es mit Liebesblick;
Nicht dem Guten gehöret die Erde.
Er ist ein Fremdling, er wandert aus
Und suchet ein unvergänglich Haus.  […]

Dagegen setzt wiederum Keller (zusammen mit den utopischen Sozialisten seiner Zeit) das Bekenntnis zum Glauben an das Goldene Zeitalter – eben das Gedicht „Frühlingsglaube“. Schon der Titel ist bezeichnend: Besagter Glaube wird mit dem Frühling verbunden, dem Aufbruch neuen Lebens nach dem dunklen Winter (Analogie: Tod, vgl. die letzte Strophe des Gedichts!). Der Sprecher des Gedichts tritt als prophetischer Visionär auf, nicht als lyrisches Ich; Keller hat Gedankenlyrik produziert, wie Schiller, und eine politische Vision verkündet.

In der 1. Strophe berichtet der Sprecher, dass es die „schöne Sage“ vom Goldenen Zeitalter auf der ganzen Erde gibt; die beiden Vergleiche (Veilchenduft, sehnende Liebesklage, V. 2 f.) bestimmen einmal die Qualität der Sage (Veilchen: Frühling), einmal die Einstellung der Völker (sehnende Klage) näher.

In den drei folgenden Strophen wird die „Sage“ als „Lied“ benannt und inhaltlich gefüllt: Völkerfrieden, Einheit im Glauben (in den letzten Überzeugungen), Herrschaft des Rechts (V. 11 f.), Ende des Egoismus (so lese ich die dunkle Stelle V. 15). Zugleich wird der Glaube an das Goldene Zeitalter bewertet: Es ist ein Traum, der zur Wahrheit wird (V. 8); wer ihn dagegen „für Traum und Wahnsinn“ hält (V. 16), ist von Egoismus besessen – die letzte Sünde in der glücklichen Welt (V. 13 f.).

In der letzten Strophe wird der Träger solcher Sünde endgültig verdammt: „Der wäre besser ungeboren: / Denn lebend wohnt er schon im Grab.“ (V. 19 f.) Diese Verdammung ist genauso unbegründet und ideologisch getönt wie Schillers Urteil über den naiven Gläubigen: „Verscherzt ist dem Menschen des Lebens Frucht, / Solang er die Schatten zu haschen sucht.“ Wenn Othmar Schoeck 1943 „Frühlingsglaube“ als Lied singt, ist das allerdings ein helles Zeichen in dunkler Zeit.

Das Gedicht ist in einem vierhebigen Jambus abgefasst, wobei Vers 1 und 3 jeder Strophe eine Silbe zusätzlich, also eine weibliche Kadenz haben; zusammen mit dem Kreuzreim und dem Satzbau läuft das auf eine Konstruktion der Strophe aus zwei Doppelversen hinaus, wobei wegen des Taktes nach V. 1 und 3 trotzdem eine ganz kleine Pause gemacht wird. Die entscheidenden Reime sind die von V. 2/4 jeder Strophe, wobei man den ganzen Satz als Bezugsgröße nehmen muss. In der 1. Strophe ist dieser Reim banal. Für die 2. Und 3. Strophe zeige ich exemplarisch des Sinn des Reimes auf: Das Lied vom Glück (V. 5 f.) kehr als Wahrheit zurück (V. 7 f.); man betet zum einen Hirt (V. 9 f.), wenn Recht gesprochen wird (V. 11 f.).

Sachlich sind V. 11 f. und V. 15 f. nicht leicht zu verstehen. Wieso wird gerade den Propheten Recht gesprochen (und nicht allen Menschen)? Die Propheten (des Alten Testaments) waren jene Männer, die auf ihre Weise für Recht und Gerechtigkeit, für Wohltätigkeit und Nächstenliebe eingetreten sind und oft genug deswegen verfolgt wurden. – Was Eigen-Neid ist, ist nicht ganz klar; ich lese es als „Egoismus (bzw. Eigen-Sinn) aus Neid“. Dass im Gedicht nur solcher Eigen-Neid als Grund für die Skepsis gegenüber dem Glauben ans Goldene Zeitalter gesehen wird, ist sachlich problematisch. Dem entspricht in der letzten Strophe die Unterstellung, dass manche Leute diese Hoffnung „böslich“ aufgegeben haben (V. 17 f.) – Das Apodiktische dieses Verdammungsurteils unterscheidet sich nicht vom Schillers Härte in seinen Gedichten „Die Worte des Wahns“ (1800) oder „Die Worte des Glaubens“ (1798).

Kellers Gedicht ist erstmals in „Gedichte“ (1846) erschienen, in der Abteilung „Natur“; es steht damit im Kontext seiner politischen Kämpfe gegen den Jesuitismus und für eine fortschrittliche Schweiz, wie er sich auch im Gedicht Sonnenaufgang oder in Waldlieder spiegelt – Es gibt auch ein Gedicht L. Uhlands mit dem gleichen Titel „Frühlingsglaube“, das man nicht mit dem Gedicht Kellers verwechseln sollte.

Der Blick in eine Suchmaschine zeigt, dass auch heute der Einbruch eines Goldenen Zeitalters von verschiedenartigsten Missionaren erwartet wird.

Sonstiges

https://www.bibelwerk.de/Materialpool.12795.html/Material+zu+biblischen+Themen.15649.html?id=36641 (Propheten)

http://www.lesekost.de/gedicht/HHLG10.htm (Uhland: Frühlingsglaube)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s