Keller: Unter Sternen – Analyse

Wende dich, du kleiner Stern…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=223 (späte Fassung)

http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/gframeset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/gedichte/geditorial.htm (dito, dort Nr. 5)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=227 (frühe Fassung)

http://www.zeno.org/Literatur/M/Keller,+Gottfried/Gedichte/Gedichte/Natur/Nacht/6.+%5BWende+dich,+du+kleiner+Stern%5D (dito)

Das Gedicht, die Meditation eines lyrischen Ichs, ist nicht leicht zu verstehen. Es spricht die „Erde! Wo ich lebe“ (V. 2) persönlich an und bittet sie, sich zu wenden, damit sein Auge sich „Sternenwärts“ hebt (V. 4 bzw. 3 f.) Der eigene Blick („Aug’“) ist durch die Apposition „der Sonne fern“ (V. 3) näher bestimmt; das bedeutet, dass das Auge jetzt der Sonne fern ist, weil es Nacht ist, dass es aber dem Dunkel entkommen kann, wenn es sich zu den Sternen wendet. Allerdings sind die Sterne immer „über mir“, weil sie uns von allen Seiten umgeben. Außerdem ist die Bitte, der kleine Stern Erde möge sich wenden, damit ich Sternenlicht sehen kann, ein wenig vermessen, finde ich. Die Bitte erschließt sich meiner Vorstellung nicht ganz – es bleibt nur der Impuls des Ichs, zu den Sternen zu blicken. Es reimen sich sinnvoll die „Orte“: kleiner Stern / der Sonne fern (V. 1/3); wo ich lebe / sternenwärts sich hebe (V. 2/4).

Wir haben ein Gedicht mit dreihebigen Trochäen vor uns, wobei der 1./3. Vers jeder Strophe eine zusätzliche Silbe bekommen (männliche Kadenz); nur in der 4. Strophe endet nach dem zweiten Vers der erste Satz nicht; zusammen mit dem Kreuzreim führt das alles zusammen zu den bei Keller geläufigen Doppelversen.

Was bietet das Sternenlicht gegenüber dem  Sonnenlicht? Das wird in der 2., 3. und 4. Strophe dargelegt. Da wird zunächst die „Sternenzeit“ gepriesen, die „strahlende Unsterblichkeit“ biete (V. 5-8); ich erkläre mir das so, dass das Sternenlicht gleichmäßig leuchtet, während das Sonnenlicht uns den Wechsel von Tag und Nacht präsentiert, uns Sommer und Winter beschert und damit den Rhythmus von Wachsen und Reifen, Vergehen und neuer Vegetation. Demgegenüber öffne das Sternenlicht „alle Grüfte“ (V. 6), beende also das Wechselspiel von Leben und Tod. „Strahlende Unsterblichkeit“ (V. 7): Dieses neue Gleichmaß erlebt das lyrische Ich als seinen „Zusammenhang / Mit dem All’ und Einen“ (V. 11 f.), also mit der göttlichen Welt; als „Lust“ (V. 13), atmend am unendlichen Leben teilzunehmen, auch wenn es selber in der Nacht „ungesehen“ (V. 14) ist; die Ortsangabe „im dunklen Tal“ (V. 13) erinnert an Psalm 23, wo der Beter unter der Obhut Gottes im finstern Tal wandelt (Ps 23,4). Die göttliche Majestät kommt nun dem ganzen „majestät’schen Saal“ (V. 15), der Erde unterm Sternenlicht, zugute. – Die Reime der 4. Strophe sind noch semantisch bedeutsam: selber ungesehen / atmend mitzugehen (V. 14/16: das fromme Ich); im dunkeln Tal / den majestät’schen Saal (V. 13/15: Kontrast).

Die Bitte in der 5. Strophe überrascht mich. Das Ich fordert das grüne Rund der Erde auf, sich in die Morgenröte zu schwingen (V. 17 f.). Das ist deshalb überraschend, weil das Sternenlicht ihm doch so tiefinnige Erleuchtung schenkt. Das Ich blickt den schwindenden Sternen nach und singt dabei „jubelnde Gebete“ (V. 20) zu den Sternen – solches Beten müsste nach meiner Erwartung mit der Bitte, die Erde möge stehen bleiben, zusammengehen; das Ich rechnet jedoch anscheinend mit der regelmäßigen Drehung der Erde (von der Nacht in den Tag hinein). Keller versuche, „sein Wissen über das Sonnensystem mit seiner Wahrnehmung in Einklang zu bringen. […] Er beschreibt, wie ein in den Anblick des Sternenhimmels versinkender Betrachter gegen Morgen auf der sich drehenden Erde >rücklings< in die Morgenröte stürzt.“ (Christoph Strebel) Was Strebel schreibt, löst mir den Widerspruch nicht auf; vielmehr muss man die Morgenröte als Steigerung des Sternenlichts ansehen, wo es noch heller und strahlender zugeht als in der Nacht – dann aber ist das jubelnde Lob des Sternenlichts nicht ganz angemessen, dann müsste das Sonnenlicht gepriesen werden. Man kann die Spannungen nur aufheben, wenn man sagt: Die Sonne ist das göttliche Licht, aber im Dunkel leuchten die Sterne und wandeln die Todeszone in „Strahlende Unsterblichkeit“ (V. 7).

In der 6. Strophe wird einmal das Sonnenbild weiter entfaltet („Lieblich diese Sonne lacht“, V. 21); dem folgt dann eine wenig logische Einschränkung: „Doch, wer nächtlich einsam wacht, / Kennt – noch etwas weiter.“ (V. 23 f.) Diese Einschränkung hat in der Nachterfahrung des lyrischen Ichs keinen Grund, sie entstammt der traditionellen Nachtsymbolik.

Die 6. Strophe der frühen Fassung ist für die Gesammelten Gedichte von Keller folgerichtig gestrichen worden, außerdem hat das Gedicht seine Überschrift erhalten. In der älteren Fassung von 1846 sind auch noch zwei Wörter kursiv gedruckt, „Hier“ in V. 11 und „Atmend“ in V. 16: Hier unterm Sternenlicht wird das Göttliche gefunden, atmend ist es allen Grüften der Nacht entkommen (vgl. V. 6).
Statt der gängigen Nacht-Klage finden wir in diesem Gedicht ein Sternenlob; doch gelingt es Keller nicht, dieses Sternenlob mit dem traditionellen Sonnenlob auszugleichen und der traditionellen Nacht-Klage ganz auszuweichen.

 

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/feiertag/1711269/ (Deutung im religiösen Rahmen)

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