Keller: Schöne Brücke – Analyse

Schöne Brücke, hast mich oft getragen…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=1292

http://www.gottfriedkeller.ch/frameset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/texte/heidelberg.htm

http://de.m.wikipedia.org/wiki/Datei:Gottfried_Keller_Sch%C3%B6ne_Br%C3%BCcke_Faksimile.jpg

Wie sich aus dem 2. Link oben ergibt, hat Keller das Gedicht nicht veröffentlicht. Es steht vermutlich im Zusammenhang mit seiner Liebe zu Johanna Kapp, die ihrerseits ein heimliches Verhältnis mit Feuerbach hatte.

Das lyrische Ich spricht eine Brücke an, mit der es in enger Beziehung gestanden hat (gemeinsam den Strom überschreiten, V. 3); es dankt ihr für ihren treuen Dienst (V. 1-3), es unterstellte ihr in der Vergangenheit sogar, sie fühle mit ihm, wenn es in Freude über die Brücke ging (V. 6). Zwei kleine Andeutungen greifen auf die folgenden Strophen vor: der Hinweis auf das erwartungsvolle Herz (V. 2) und das Verb „dünken“ (V. 4). Das Herz verweist auf eine Liebeshoffnung, das Verb „dünken“ auf einen Irrtum.

Die Strophe ist in zwei Hälften zu drei Versen geteilt, und zwar sowohl semantisch wie auch syntaktisch (neuer Satz ab V. 4) und rhythmisch. Vers 1 und 2 jeder Hälfte besteht aus fünf Trochäen, die sich reimen, und einer Waise, der an den fünf Trochäen eine Silbe fehlt (männliche Kadenz: Pause). Vers 3 und 6 jeder Strophe reimen sich jedoch und binden die Hälften zur Einheit zusammen. Die Reime sind semantisch sinnvoll: du hast mich getragen / mein Herz hat geschlagen (V.1/2); deine Bogen / sind mitgezogen (V. 4/5); ich überschritt (den Strom) / fühlten mit (V. 3/6).

In der 2. Strophe spricht das Ich von seiner Täuschung, die es jetzt (Präsens) erkennt (V. 7): Die Freude ist vom Leid abgelöst worden (V. 8), die Brück fühlt nicht mit ihm (V. 9). Es fragt sich, ob es sich statt der starren Brücke einen schwachen Steg suchen soll, „Der sich meinem Kummer zitternd fügt“ (V. 12) – dann hätte es das, was in der traditionellen Erlebnislyrik dem eigenen Leid entspricht: die korrespondierende Antwort der Natur.

Die beiden Hauptreime sind in dieser Strophe wieder sinnvoll: Es geht um das Mitleiden der Brücke oder des schmalen Stegs (sich fühlend biegt / sich meinem Kummer zitternd fügt, V. 9/12); sinnvoll ist auch der Reim von V. 10/11, eine Abfolge von gedachten Tätigkeiten des Bekümmerten.

Gegen seine eigene Erwägung, dem Leid auszuweichen, setzt es ein großes „Aber“ (V. 13) – setzt es seine Bitte an die Brücke (Imperativ, V. 15), sie leicht zu tragen (V. 13-15). Sie, das ist: die blühende Gestalt; sie, die hat „im Herzen andre Seligkeiten“ (V. 14). Hier wird der Kummer des lyrischen Ichs als Liebeskummer deutlich ausgesprochen, ohne dass es in diesem Kummer versänke. Die folgenden drei Verse bezeugen einen hochherzigen Verzicht und eine große Liebeserklärung: Selbst wenn die Brücke ewig steht, wird nie „ein beßres Weib“ hinübergehen (V. 18 – zu „wallen“ siehe den Art. „wallen II“ im Deutschen Wb) als die, die ihn um einer anderen Liebe willen zurückgewiesen hat. Aus seinem gegenwärtigen Leid (2. Str.) hat das Ich sich zu einem Liebesbekenntnis und Frauenlob erhoben, das weit in die Zukunft reicht, das den Horizont der Ewigkeit streift.

Die Reime in dieser 3. Strophe verbinden wieder zueinander passende Wendungen: Weh und Leiden / Seligkeiten (Kontrast, V. 13 f.); ewig stehen / nie geschehen (Kontrast, V. 16 f.); die blühende Gestalt / hinüber wallt (V. 15/18: die gleiche Person).

Gert Sautermeister setzt das Gedicht gegen Goethes Werther: Die beiden ersten Phasen seien gleich (Erhebung, Enttäuschung); das lyrische Ich gehe jedoch danach nicht unter wie Werther, sondern erhebe sich im großmütigen Entsagen zu neuem Lobpreis der Geliebten.

http://www.archive.org/stream/gottfriedkelleru01hubeuoft/gottfriedkelleru01hubeuoft_djvu.txt (Walter Huber: Gottfried Keller und die Frauen, 1919, dort S. 49 ff.: der biografische Hintergrund)

Sonstiges

http://www.heidelberg24.de/03/heidelberg/altebruecke.htm (Bild)

http://de.wikipedia.org/wiki/Alte_Br%C3%BCcke_%28Heidelberg%29 (dito)

http://www.fair-hotels.de/Reisef%FChrer/Bundesland_%28Deutschland%29/Bayern/Bayerische_Geschichte/Wittelsbacher/Kurpfalz/Heidelberg/Sehensw%FCrdigkeit_%28Heidelberg%29/Heidelberger_Alte_Br%FCcke.html (Heidelberger Alte Brücke)

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