Keller: Sommernacht – Analyse

Es wallt das Korn weit in die Runde…

Text

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=221 (späte Fassung)

Dieses erstmals 1847 unter der Überschrift „Nachtgesänge“ veröffentlichte Gedicht beginnt wie ein romantisches Nachtgedicht – Sautermeister verweist zum Vergleich auf Eichendorffs Gedicht „Sehnsucht“ – um dann eine Utopie aus der Arbeitswelt in den Blick zu fassen. Die Überarbeitung für die Gesammelten Gedichte schwächt in der 4. Strophe (V. 26!) den romantischen Charakter ein wenig ab.

Es spricht ein lyrisches Ich, das sich zum Ich-Erzähler wandelt, der (von der 2. Strophe an) von einem Brauch in seiner Heimat erzählt. In der 1. Strophe wird vorab beschrieben, wie in einer „Sommernacht“ das reife Korn sich „wie ein Meer“ bewegt (V. 2): „Es wallt das Korn weit in die Runde“ (V. 1). In Abgrenzung zum richtigen Meer, dessen Grund allerlei Gewürm beherbergt (V. 4), wird der Grund des Korn-Meeres als Blumen-Grund beschrieben (V. 5 f.); wenn die Blumen von Kränzen träumen (Metapher), finden sie im Kranz ihre Erfüllung – es ist ein friedliches Glänzen im Licht der Sterne (V. 6 f.). Das Ich setzt sich zu diesem Meer in eine ästhetische Beziehung (V. 8): Alles scheint auf ein romantisches Gedicht hinauszulaufen.

Entgegen der geläufigen Kritik kann ich in V. 4 keine Störung erkennen; „Seegewürm“ und „andrer Graus“ werden dort nur zur Abgrenzung gegenüber dem richtigen Meer genannt (bzw. in ihrer Existenz negiert), die träumenden Blumen werden so hervorgehoben. Allenfalls dass die Seele den Glanz „gierig“ einsaugt (V. 8), stört das Bild und führt auch gegenüber der Idee des Gedichts in die Irre.

Diese besteht nämlich darin, den lobenswerten Brauch aus der Heimat des lyrischen Ichs zu erzählen (V. 9 ff.). Möglicherweise verarbeitet Keller hier eine Stelle aus Jean Pauls „Hesperus“, wo im „18. Hundsposttag“ berichtet wird, wie in der Schweiz die Burschen für die Mädchen, die sie lieben, nachts Getreide schneiden; möglicherweise ist eine Stelle aus Pestalozzis „Lienhard und Gertrud“ die Quelle, wo die Töchter einer Witwe solcherart geehrt werden; vielleicht kannte Keller auch selber einen entsprechenden Brauch – die Quelle seines Wissens ist umstritten (vgl. Eva Maria Brockhoff: Die Kühle im warmen Golde der Sommernacht. Zu Gottfried Kellers Sommernacht. In: Gedichte und Interpretationen, Bd. 4, hrsg. von Günter Häntzschel, Stuttgart 1983, S. 169 ff.).

Der Erzähler berichtet lobend von dem alten schönen Brauch (V. 10), den er geheimnisvoll einführt: „ein Flüstern und ein Winken“ (V. 13), „ein nächtlich Silberblinken“ (V. 15) – in der s-Alliteration (V. 15 f.) werden die Träger der Sicheln geheimnisvoll umschrieben. Das Licht der Sommersterne und der Glühwürmer (V. 11 f.) sorgt für die positive Konnotation ihres heimlichen Gangs. Darauf folgt die sachliche Erklärung des nächtlichen Tuns (V. 17-23), mit der erklärenden Bewertung: „Die reinste Lust ziert ihren Fleiß.“ (V. 24) Hier ist die hilfreiche Arbeit nicht Last und Mühe, sondern „Lust“ (dagegen V. 32: schwere eigne Arbeit).

Die Form des Gedichtes: vierhebige Jamben, wobei in den Versen 1, 3, 5, 7 jeder Strophe eine Silbe hinzugeführt wird (weibliche Kadenz – kleine Pause). Jeweils vier Verse (zwei Doppelverse) sind im Kreuzreim miteinander verbunden, sodass die Strophen auch semantisch in zwei Hälften geteilt sind. Das sei am Beispiel der 2. Strophe aufgezeigt: Zuerst wird die Existenz eines Brauchs berichtet (V. 9-12); dann wird erzählt, was man dort im Sternenlicht wahrnehmen kann (V. 13-16). Die gegen den Takt betonten Wörter werden hervorgehoben: „weit“ (V. 1), „Nicht“ (V. 4), „Saugt“ (V. 8), „Dann“ (V. 13), „Das“ (V. 17), „Ihr“ (V. 23), „Schon“ (V. 25), „Nun“ (V. 29).

Zum Schluss wird berichtet, wie die Arbeit abgeschlossen wird (V. 25 f.); die beiden folgenden Verse sind personal aus der Sicht der Beteiligten gesprochen (V. 27 f.), „Es war ein Spiel in kühler Nacht.“ Diesem „Spiel“ entspricht der festliche Abschluss mit Gesang (V. 29 f.). Der Garbenkreis (V. 30, vgl. V. 25 f.) ist das Pendant der Kränze, von denen die Blumen träumen (V. 5): Poetisch-romantisch wäre ein Blumenkranz, realistisch-real ist der Garbenkreis, das Produkt selbstloser Arbeit für die Armen, für „Witwe oder Waise“ (V. 20, w-Alliteration). Der Kranz ist ein Traum, der Garbenkreis ein Ergebnis der Arbeit. Der kühlen Sommernacht wird dann der neue Tag gegenübergestellt (V. 28/30), der utopisch-selbstlosen Arbeit als „Spiel“ (V. 28) die eigne schwere Arbeit (V. 32).

Hier wird eine Idee in einer Erzählung transportiert: ein idealisierendes Lehrgedicht. Ob in der 1. Strophe „die unabsichtlichen ‚Kunstfehler’ Kellers“ vorliegen und ob sie das Wahrzeichen seiner Lyrik sind (G. Sautermeister): „ein die ganze Wahrheit preisgebendes Zeichen“, sei dahingestellt.

http://www.litde.com/stationen-der-deutschen-lyrik/die-wirklichkeit-der-landschaften/gottfried-keller-iii-sommernacht-ein-alter-brauch-erhaltenswert.php (aus Hinck gescannt, aber mit eigenem ©) = Hinck: Stationen der deutschen Lyrik, (S. 104-106)

Mögliche Quelle

„Überhaupt zeigten die alten Nachtbuben in allem, daß sie Ehre im Leib hatten, und machten gar oft für ihre Freude Sachen, die ihr gutes Herz bewiesen, und ihnen die Liebe der Jungen und Alten, und das Wohlwollen der Stillsten und Frömmsten zuzogen. So war es z.B. seit Menschengedenken ihr Brauch, daß, wenn eine Witwe Töchter hatte, die sie ehren wollten, so schnitten sie der Mutter des Nachts beim Mondschein den größten Acker, den sie hatte. Wenn sie dann am Morgen mit den Töchtern, die Sichel in der Hand, in ihren Acker kam, und ihn geschnitten fand, horchten die Knaben hinter den Zäunen, auf wen sie wohl rathen möchten, der den Acker geschnitten habe, und jubelten dann vor Freude, wenn sie es erriethen.“ (Pestalozzi: Lienhard und Gertrud, 170. Kapitel: Lebensbeschreibung des Vogts Hummel – Hinweis von Herrn Dr. Brühlmeier)

Sonstiges

http://www.gigers.com/matthias/schule/lueckengedicht_keller_sommernacht.html (das Gedicht als Lückentext – zum Schicksal von Gedichten)

www.lyrikmond.de/gedichte-thema-9-111.php (August-Gedichte)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s