Keller: Ehescheidung (Amerikanisch) – Analyse

Zum Pfäffel kam ein Pärchen und schrie…

Text

http://www.zeno.org/Literatur/M/Keller,+Gottfried/Gedichte/Neuere+Gedichte/Romanzen/Ehescheidung

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=198 (späte Fassung)

http://www.waltermorgenthaler.ch/keller/GG/GG_Parallel.htm (rechts, Nr. 285, in: Vermischte Gedichte)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&add=&noheader=1&id=199 (frühe Fassung)

http://www.gottfriedkeller.ch/gg/EG/NN_07.htm (dito, dort Nr. 096)

Das Gedicht ist erstmals in „Neuere Gedichte“ 1854 veröffentlicht, für die Gesammelten Gedichte jedoch überarbeitet worden; wir halten uns hier an die zweite Fassung.

Ein neutraler Erzähler berichtet von einem Paar, das zuerst nicht schnell genug heiraten und ein Jahr später nicht schnell genug geschieden werden kann. Wie eilig sie es beide Male haben, zeigt sich im Verb „schreien“ (V. 1, V. 6) und in den Zeitangaben (keinen Tag, V. 3; keine Stunde, V. 8) sowie dem Adverb „Geschwind“ (V. 2) bei ihrer ersten Forderung. Der Kontrast wird in den beiden ersten Strophen entfaltet – er ist die Ausgangssituation für das, was der Pfarrer dann jeweils tut. Der Erzähler wahrt Distanz zum Geschehen, indem er Diminutivformen verwendet: Pfäffel (V. 1), Pärchen (V. 1), Jährlein (V. 5). Dem Erzählduktus genügt ein Wechsel von vier und drei Hebungen pro Vers (1/2, 3/4 usw.) mit unregelmäßigen Füllungen, wobei durchweg die letzte Silbe eines Verses betont ist (einzige Ausnahme V. 17); es reimen sich jeweils die Verse 2/4, sodass eine Art Doppelvers entsteht und jeweils zwei Doppelverse eine Strophe bilden. Das zeigt sich auch in der Syntax; einmal finden wir ein Semikolon nach dem 2. Vers, sonst Doppelpunkte, Rufzeichen und ein Fragezeichen.

Es folgt ein Dialog zwischen Pfarrer und Paar über das Gelöbnis der Treue, das bei der Hochzeit abgegeben wurde (Str. 3, 4). Der Pfarrer erinnert an den Segenswunsch „Euch trenne nur der Tod!“ (V. 12); sein Appell an die Scham (V. 10) angesichts des Wortbruchs wird vom Pärchen sowohl verbal (V. 13: Reue statt Scham) wie auch materiell zurückgewiesen – sie bieten dem Pfarrer einen bzw. zwei Dollars für das Scheidungsgeschäft: das Amerikanische an dieser Ehescheidung. Das ist angesichts eines vor Gott (bzw. dem Pfarrer als dessen Diener) geschlossenen Bundes ein zynischer Wechsel der Handlungsebene: Aus dem religiösen Bund steigt man wie aus einem bürgerlichen Vertrag gegen eine Gebühr aus. Die Reime sind semantisch sinnvoll: Scham macht rot / trennt der Tod (V. 10/12); gebt uns frei / der Dollars dafür zwei (V. 14/16).

Die letzte Aktion und die letzten Worte des Pfarrers sind surreal: Er zerschneidet eine Katze zwischen den Eheleuten und sagt dabei scheinbar im Sinn des ersten Versprechens: „Es trennt […] der Tod!“ (V. 23) Damit ist formal das Eheversprechen gewahrt und die Ehe doch geschieden; die Katze stirbt stellvertretend für die Eheleute. „Da waren sie wieder frei.“ (V. 24) Wozu zerschneidet der Pfarrer die Katze? Dient das der Belehrung der Eheleute: Seht, das macht ihr? Oder: Was ihr tut, geht überhaupt nicht? Der Reim macht die Paradoxie deutlich: schnitt die Katz’ entzwei / Da waren sie wieder frei (V. 22/24). Die Worte des Pfarrers stellen uns vor das Problem, wie sie zu sprechen sind: salbungsvoll-scheinheilig, wie Lutz Görner spricht, oder sachlich, wie Christoph Maasch rezitiert, mit ironischem Ton des Erzählers in V. 24, oder noch anders?

Das Gedicht zeigt die Paradoxie des Eheverständnisses, das noch von der Erinnerung an (und der Hoffnung auf) die Ehe als Lebensbund (katholisch: Sakrament) lebt, aber letztlich dem modernen Verständnis der Ehe als kündbarem Vertrag verpflichtet ist. Bei der Scheidung stirbt etwas, was leben sollte – sagt Keller mit diesem Gedicht.

Vortrag

http://www.podcasters.de/episoden/ehescheidung-amerikanisch-gottfried-keller-14570035.html (Chr. Maasch) = http://podster.de/episode/1826283

http://www.rezitator.de/gdt/458/ (Lutz Görner)

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