Keller: In der Stadt. I. – Analyse

Wo sich drei Gassen kreuzen, krumm und enge…

Text

http://www.zeno.org/Literatur/M/Keller,+Gottfried/Gedichte/Gesammelte+Gedichte/Sonette/In+der+Stadt/1.+%5BWo+sich+drei+Gassen+kreuzen,+krumm+und+enge%5D

http://www.sonett-archiv.com/ijk/Keller/sonette-02.HTM (dort das 4. Gedicht)

Veröffentlicht erstmals in „Gedichte“ 1846, Abteilung „Sonette“. Die Stadterfahrung gab es 1845 in der Lyrik kaum, die deutschen Städte hatten wenig Großstädtisches an sich. Auch Kellers Gedicht handelt von einer Stadt mit krummen und engen Gassen (V. 1); wir halten uns hier an die späte Fassung.

In den beiden Quartetten wird von einem anonymen Sprecher beschrieben, wie sich in der Enge der Kreuzung dreier Gassen drei verschiedene Züge ineinander verkeilen „Zu einem Knäu’l und lärmenden Gedränge“ (V. 4). Diese drei Züge werden mit ihrem spezifischen Lärm aufgelistet (Trommelschläge, Geigen, Grabgesänge, V. 5-7); es sind drei völlig verschiedene Züge (Soldaten, Brautzug, Leichenzug), die in ihrer Disparatheit und Gleichzeitigkeit die Vielfalt des städtischen Lebens anzeigen. „Das alles stockt“ (V. 8), das Lebensgesetz der Stadt und der Züge (die Bewegung) ist außer Kraft gesetzt.

Der Sprecher spricht flüssig (fünf Jamben pro Vers), mit einer Silbe zusätzlich (weibliche Kadenz), was den Sprechfluss am Versende hemmt. Die Reime sind insgesamt semantisch sinnvoll (krumm und enge / Gedränge, V. 1/4; sich entgegen / auf ihren Wegen, V. 2/3).

In den Terzetten berichtet er, was sich aus der Stockung ergibt, und zwar wieder (wie in V. 5-7) so, dass die spezifischen Geräusche beschrieben werden: Verstummen, Fluchen, Gelächter (V. 9-11); das passt zur unübersichtlichen Situation, wo niemand den Durchblick hat, aber alle alles hören. Mit dem adversativen „Doch“ (V. 12) wird ein Kontrapunkt gesetzt: Oben, in der Mitte des Chaos (V. 12 f.), ist es still: die Leiche; und sie ist die einzige, die etwas „sieht“: Sie starrt (wohl durch ein Glasfenster im Sarg) in den Wolkenflug – das ist das Einzige, was sich noch bewegt; aber sie starrt „Mit blinden Augen“ (V. 14) und sieht auch nichts.

Die Verse 11 und 14 weisen als einzige fünf reine Jamben auf und reimen sich; sie schließen so die beiden Terzette und das Gedicht ab. Die Verbindung „Gelächter aus dem Freudenzug / Mit blinden Augen in den Wolkenflug“ geht aber kaum über den klangliche Assoziation hinaus.

Fazit: Die Stadt behindert das Leben der Städter , bringt es zum Erliegen. Das Gedicht endet sinn-los, mit einer unbegrabenen Leiche und dem ungesehenen Wolkenflug.

Sonstiges

http://books.google.de/books?id=c_GiTARGlIMC&pg=PA12&lpg=PA12&dq=gottfried+keller+%22Wo+sich+drei+Gassen+kreuzen,+krumm+und+enge%22&source=bl&ots=ntgJhAK-uM&sig=xX2-WX1vXMK_aev29C4kpfIX46o&hl=de&sa=X&ei=MawLUu3ABIyFtQakwIEY&ved=0CFwQ6AEwCA#v=onepage&q=gottfried%20keller%20%22Wo%20sich%20drei%20Gassen%20kreuzen%2C%20krumm%20und%20enge%22&f=false (Großstadtlyrik: Schlüssig strukturieren… – na, ja)

http://de.wikisource.org/wiki/ADB:Keller,_Gottfried (Biografie)

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