Fontane: Der 6. November 1632 – Analyse

Schwedische Heide, Novembertag…

Text

http://www.handmann.phantasus.de/g_6november1632.html (mit Erläuterungen)

http://freiburger-anthologie.ub.uni-freiburg.de/fa/fa.pl?cmd=gedichte&sub=show&noheader=1&add=&id=675

Vermutlich muss man sehr protestantisch sein, schon älter und am besten aus der alten DDR stammen, um heute noch mit dem Datum bzw. der Überschrift „Der 6. November 1632“ ein Vorstellung zu verbinden: die Schlacht bei Lützen, der Tod Gustav Adolfs. Die Ballade, 1866 entstanden, wurde 1872 im „Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft“ veröffentlicht. Laut Untertitel liegt ihr eine schwedische Sage zugrunde. Es wird ein geisterhaftes Auftreten des in der Schlacht bei Lützen gefallenen Königs Gustav Adolf erzählt.

Ein neutraler Erzähler berichtet zu Beginn, wie sich zwei Männer mit einem Karren in Schweden in der Region Dalarn im Nebel verirrt haben. In den beiden ersten Versen wird das Geschehen lokalisiert; danach wird die Situation der beiden Männer beschrieben und Niels Rudbecks Erklärung wörtlich berichtet. Lorns Atterdags Antwort (V. 13 ff.) leitet zum Kern der Erzählung über: Was da rauscht, ist nicht die Dal-Elf (ein Geist); der Lärm erinnert eher an das Traben von Reitern. Dann kommt in der 5. Strophe die Präzisierung in Vergleichen: „Es ist wie Schlacht […], Wie [das protestantische] Kirchenlied […] Eine feste Burg ist unser Gott!“ (V. 17-20; so singt ein Heer der Protestanten.) Spätestens hier (eventuell aber bereits nach der 3. Str.) ist die Exposition des Geschehens beendet. Durch das Datum und die Erklärung Lorns Atterdags wird der Leser damit konfrontiert, dass die Schlacht bei Lützen „irgendwie“, jedenfalls geisterhaft (vgl. Niels Rudbecks Vermutung: die Dal-Elf) in Schweden zu hören ist.

Mit der Überleitung „Und kaum gesprochen“ (V. 21) geht es zum Höhepunkt der Erzählung: Was bisher nur aus der Ferne undeutlich zu hören war, ist jetzt deutlich zu hören (V. 21) und in Schweden auch zu sehen: Da „bricht es herein“ (V. 22). Reiter-Geschwader sausen kämpfend vorbei, an der Spitze „ein Reiter auf weißem Pferd“ (V. 24); er wird als einziger vom Erzähler herausgehoben, während die Masse der Kämpfer in ihren Geschwadern bleibt – ein Geschwader umfasste in Deutschland im 19. Jh. rund 150 Pferde und fünf Offiziere. Die beiden Schweden erleben den Kampf, der in Deutschland stattfindet, unmittelbar, sie ducken sich zitternd (V. 28). Das Geschehen wiederholt sich, diesmal geht die Schlacht rückwärts (V. 29 f.); wieder steht das weiße Pferd im Fokus (V. 32).

Dem Pferd gilt dann die ganze Aufmerksamkeit des Erzählers (V. 33 ff.): Es hat keinen Reiter mehr, es flieht, es ist rot, es zeigt Blutspuren – so wird hinreichend angedeutet, dass sein Reiter erschossen oder erstochen ist. Es folgt die sagen-hafte Erklärung: „Ganz Schweden hat das Roß gesehn“ (V. 38); das Pferd und sein Reiter müssen also eine Bedeutung für Schweden haben. Nach dem Gedankenstrich folgt die Auflösung des historischen Rätsels und des sagenhaften Geschehens: Es war die Schlacht bei Lützen, wo der schwedische König Gustav Adolf „am selben Tag“ umgekommen ist – am selben Tag, das ist der Tag, an dem Lorns und Niels in Dalarn die Schlacht miterlebt haben und ganz Schweden das Ross gesehen hat.

Das Gedicht ist in Knittelversen geschrieben, die sich gut fürs Erzählen eignen; jeweils zwei Verse sind im Paarreim verbunden, was bei einem solchen Erzählen oft zu semantisch kaum ergiebigen Verbindungen führt (z.B. zwingen’s nicht / Niels aber spricht, V. 7 f.), aber auch sinnvolle Kombinationen ergibt (z.B. Novembertag / Nebel am Boden lag, V. 1 f.).

Fontane hat hier einen Sagenstoff in einer Art Schauerballade verarbeitet, die an den „Erlkönig“ und ähnliche ältere Gedichte erinnert; er hatte offenbar eine Vorliebe für solche Stoffe (vgl. auch „Die Brück’ am Tay“), obwohl die Zeit der Schauerballaden eigentlich vorbei war. Aber auch Theodor Storm hat mit „Der Schimmelreiter“ in der Zeit des epischen Realismus 1888 noch eine Novelle geschrieben, wo geisterhafte Mächte sich bemerkbar machen. Die Problematik des Dreißigjährigen Krieges spielt im Gedicht jedenfalls keine Rolle.

Sonstiges

http://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_L%C3%BCtzen (die Schlacht von Lützen)

http://de.wikipedia.org/wiki/Gustav_II._Adolf_%28Schweden%29 (Gustav Adolf)

http://www.archive.org/stream/dieballadendicht00rhynuoft/dieballadendicht00rhynuoft_djvu.txt  (Hans Rhyn: Die Balladendichtung Theodor Fontanes)

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